»Abende mit ihr sind Sternstunden«

Daniel Barenboim und Martha Argerich - Foto: Holger Kettner

Daniel Barenboim über seine Freundin und Weggefährtin, die Pianistin Martha Argerich, zu ihrem 75. Geburtstag

Ich kenne Martha seit 1949. Es gab in Buenos Aires das Haus eines ehemaligen Geigers und Geschäftsmanns, wo jeden Freitag Kammermusik gespielt wurde. Alle großen Musiker, die damals nach Argentinien kamen wie Adolph Busch, Igor Markevitch oder Sergiu Celibidache, waren dort anzutreffen. Dort bin ich Martha erstmals begegnet. Ich war damals sieben, sie acht Jahre alt und wir haben wie Kinder es tun unter dem Klavier gespielt. Und am gleichen Abend haben wir dem relativ jungen Celibidache vorgespielt.

Ich kenne nur wenige Menschen derart lange wie Martha. Schon in der Kindheit hatte sie die Fähigkeit, auf total beeindruckende Weise Klavier zu spielen. Sie war von Anfang an keine mechanische Virtuosin, bei der es um Fingerfertigkeit, Schnelligkeit geht. Das konnte sie natürlich auch, aber sie konnte darüber hinaus so unheimlich viele Farben aus dem Klavier hervor holen. Und sie hat eine Fantasie in der Darstellung, die nur wenige Virtuosen haben.

Wir waren ganz normale Kinder

Das Klavier war immer ihr Hauptinstrument. Sie hat aber auch etwas Dirigierunterricht bei Hans Swarowsky bekommen, als die Familie in den 50er-Jahren nach Wien kam. Ihre Mutter meinte, sie sollte doch auch etwas Dirigieren können. Es war eine interessante Gesellschaft in Wien, wo auch Zubin Mehta oder Claudio Abbado bei Swarowsky gelernt haben.

Marthas Mutter und meine Mutter waren sehr gute Freundinnen, aber erst später in Europa. 1949 bin ich mit meiner Familie nach Israel gegangen. Die Argerichs blieben in Argentinien und gingen später dann nach Wien. In den Jahren danach hatten wir kaum Kontakt, wir waren keine Kinder mehr, aber auch noch nicht richtig erwachsen. Als Kinder haben wir nicht über Musik gesprochen, wir waren ganz normale Kinder.

Martha ist immer ein normaler Mensch geblieben. Die Menschen, die sie als Freunde betrachtet, sind ihr sehr nahe. Unsere Beziehung ist musikalisch, natürlich, aber zwischen uns gibt es auch eine menschliche Liebe. Über die Jahrzehnte hinweg haben wir aber nicht regelmäßig miteinander musiziert. In Paris später haben wir zusammen gespielt, das waren zwei, drei Konzerte mit meinem Orchestre de Paris. In den 80er-Jahren haben wir einen einzigen gemeinsamen Klavierabend gegeben.

In Berlin haben wird dann 1996 wieder angefangen, gemeinsam zu spielen. Bei den ersten Festtagen in der Staatsoper war sie zu Gast. Vor allem in den letzten fünf Jahren haben wir viel zusammen gespielt.

Eine große Ausnahme als Zeichen der Liebe

Martha hat eine große Ausstrahlung. Die Staatskapelle hat sich auch in sie verliebt, als sie vor drei Jahren das erste Konzert gegeben hat. Wir waren mit dem Programm in der Philharmonie, dann in London, Paris und München. Dabei habe ich sie gefragt, ob sie nicht zu ihrem 75. Geburtstag ein Konzert haben möchte. Sie wehrte es sofort ab: Nein, Geburtstag, sie mag das nicht, antwortete sie. Das sei zu viel Aufmerksamkeit auf ihre Person. Daraufhin schlug ich ihr vor, ein Benefizkonzert für die Staatsoper zu machen. Das wäre eine gute Tat. Aha, sagte sie und war sofort einverstanden. So ist Martha.

Ich hatte das alles dem Orchester erzählt, auch, weil an ihrem Geburtstag eine Vorstellung in der Staatsoper stattfindet. Die Kapelle hat also für sie eine große Ausnahme gemacht. Jetzt findet am Nachmittag das Geburtstagskonzert in der Philharmonie statt und abends die Vorstellung im Schiller-Theater. Es ist ein Zeichen der Liebe des Orchesters zu ihr.

Martha hat nie aufgehört, sich zu entwickeln. Sie hat sich jahrelang mit Kammermusik beschäftigt. Es ist immer wieder eine Freude, mit ihr zu musizieren. Aus unserer Kindheit haben wir beide unsere argentinische Seele bewahrt. Argentinier sind irgendwie etwas sentimentale Menschen. Das verbindet uns auch. Es ist für uns beide sehr wichtig, regelmäßig in Argentinien zu spielen und dort aktiv zu sein. Vor drei Jahren haben wir in Buenos Aires mit dem Festival des West-Eastern Divan Orchestras angefangen. Immer Ende Juli, Anfang August findet es dort statt. Das Orchester war derart angetan von Martha, dass sie mich fragten, ob ich einverstanden wäre, wenn sie Martha zum Ehrenmitglied des Orchester machen. Das haben sie dann getan.

Abende mit ihr sind Sternstunden

Deshalb gibt es eine enge, nennen wir es sentimentale Beziehung zwischen Martha und dem West-Eastern Divan Orchestra. In diesem Sommer spielt das Orchester nach Buenos Aires in Salzburg, Luzern, in der Waldbühne und bei den Proms. Martha ist immer als unsere Solistin mit dabei.

Das wichtigste Projekt für uns beide sind die Klavierabende. Für mich sind die Abende mit ihr Sternstunden. Sie ist kein – wenn ich das sage, wird sie es mir nicht übel neben – besonders pragmatischer Mensch. Sie braucht immer Menschen um sich, die das Praktische organisieren. Man könnte eher sagen, sie sei sehr träumerisch. Aber zur ersten Probe kommt sie immer so unglaublich gut vorbereitet.

Wir sind beide Pianisten, aber wir sehen uns nicht als Konkurrenten. Ich bin der erste, der weiß, dass ihr Klavierspiel besser ist als meines. Sie denkt, dass ich bestimmte musikalische Dinge gut machen kann. Dein Mozart ist nicht weniger interessant als meiner, sage ich zu ihr. Auf großem Verständnis basiert unsere musikalische Freundschaft. Wir spielen Klavier nach der gleichen Schule. Ihr Lehrer war auch der Lehrer meines Vaters, Vicente Scaramuzza war ein sehr berühmter Klavierlehrer, der ursprünglich aus Italien kam. In Argentinien hat er die Klavierwelt beeinflusst.

Martha und ich spielen also die gleiche Schule. Als das erste Video von unserem vierhändigen Spiel gemacht wurde, konnte man sehen, dass die Position der Finger und der Hände identisch ist. Man konnte denken, da spielt ein Mensch mit vier Händen. Wir müssen uns in den Proben kaum absprechen, die physische Seite kommt ganz selbstverständlich. Wenn wir zusammen spielen, fühle ich keine Unterschiede.

Wir haben uns beide gemeinsam geäußert zur Situation der syrischen Flüchtlinge. Wir haben gesagt, dass Argentinien eine alte Tradition hat, Flüchtlinge aufzunehmen. Das Land hat viele jüdische Leben gerettet am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Da sind Marthas Familie mütterlicherseits und auch meine Familie nach Argentinien gekommen.

Mit ihr zu spielen, ist meine größte Freude

Wir sind der Meinung, dass Europa allein das Flüchtlingsproblem nicht lösen kann. In Argentinien gibt es drei Millionen Muslime, die total integriert sind. Es gibt drei syrische Gemeinden in Argentinien, eine christliche, eine muslimische und eine jüdische. Wir glauben, dass es alle drei Gemeinden begrüßen würden, wenn weitere Syrer ins Land kommen können.

Wir haben einige Pläne: 2018, wenn das 100. Todesjahr von Claude Debussy ansteht, wollen wir einige Werke des französischen Komponisten spielen. Aber Martha mag es eigentlich nicht, so weit voraus zu denken. Für sie liegt 2017 schon weit entfernt. Im Vergleich dazu planen wir in der Staatsoper bereits das Jahr 2020. Das ist ihr total fremd. Wir planen also nicht, unser Zusammenspiel entsteht in großer Selbstverständlichkeit. Es ist meine große Hoffnung, dass wir solange wie möglich spielen können. Das ist meine größte Freude.

Dieser Beitrag erschien am 22. Mai 2016 in der Berliner Morgenpost. Wir danken der Berliner Morgenpost und Daniel Barenboim für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.

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