CD-Tipps für den Oktober

Auf einen Kaffee mit der Dramaturgie - CD-Tipps für den Oktober

Unser Staatsoperndramaturg Detlef Giese hat sich von der bevorstehenden Premiere inspirieren lassen und gibt für den Monat Oktober CD-Tipps zur »Tosca«.

Wer Puccinis »Tosca« nicht nur im Opernhaus, sondern auch zu Hause, mit Klängen aus dem CD-Player, hören möchte, hat durchaus die Qual der Wahl. Viele der großen Sängerinnen und Sänger aus Vergangenheit und Gegenwart haben den Protagonisten der Oper Stimme und Profil gegeben, eine ganze Reihe renommierter Dirigenten haben Puccinis an klanglichen Effekten so reiche Partitur zum Leben erweckt. Ein kurzer Überblick über die Tonaufnahmen, unter ihnen auch die »Klassiker«, mit denen viele Opernfreunde aufgewachsen sein dürften, sei dem geneigten Leser hier gegeben.

Zunächst sind da natürlich die Einspielungen mit Maria Callas, der vielleicht markantesten und wirkungsmächtigsten Interpretin der Titelgestalt. Zwei Mal hat sie die »Tosca« im Studio aufgenommen, einmal in Mono, das andere Mal in Stereo. 1953 mit Chor und Orchester der Mailänder Scala unter Victor de Sabata, einem der wohl besten Verdi- und Puccini-Dirigenten, der im Übrigen auch in der Staatsoper Unter den Linden in den 30er Jahren Einiges aus dem italienischen Repertoire dirigiert hat. An ihrer Seite: ein glänzend aufgelegter, jugendlich klingender Giuseppe di Stefano als Cavaradossi und Tito Gobbi mit kernigem Bariton, der sowohl die einschmeichelnden als auch die brutalen Seiten des Scarpia eindrucksvoll Geltung verleiht. Die Callas selbst ist von phänomenaler stimmlicher wie expressiver Präsenz – selten hat sie im Studio ein solches Feuer entfacht wie in dieser mittlerweile über 60 Jahre alten, in ihrem künstlerischen Rang unumstrittenen Aufnahme. Ihre zweite Einspielung von Ende 1964, getätigt in Paris mit Georges Prêtre, dem bevorzugten Dirigenten der späten Karrierejahre, leidet hingegen ein wenig unter merklichen Intonationsschwankungen: Die schonungslose Beanspruchung der Stimme zeigt sich gerade vor empfindlichen Studiomikrophonen. Trotzdem wiederum ein faszinierendes Rollenporträt, bei dem ein ungemein wohlklingender, eher lyrischer als dramatisch ausfahrender Carlo Bergonzi und erneut seine dämonischen Seiten zeigende Tito Gobbi sie unterstützen.

Vor und neben der Callas sind einige formidable Tosca-Sängerinnen zu nennen: Maria Caniglia in einer Aufnahme aus Rom von 1938, bei der der damalige Star-Tenor Beniamino Gigli für vokale Glanzlichter sorgt, die gleichermaßen stimmschöne wie intensiv gestaltende kroatische Primadonna Zinka Milanov, die gemeinsam mit dem schwedischen Wundersänger Jussi Björling und dem mit kraftvollen Spitzentönen aufwartenden Amerikaner Leonard Warren eine »Tosca« der Extraklasse bietet (unter dem leider oft ein wenig unterschätzten Erich Leinsdorf mit Chor und Orchester des römischen Opernhauses 1957 aufgenommen) sowie Renata Tebaldi, deren Stimme wie zumeist großen Wohlklang verströmt, deren Darstellung aber nicht die gleiche atemberaubende Intensität besitzt wie jene von Callas und Milanov. Mario del Monaco, dessen Differenzierungskunst sich zwar in Grenzen hält, der aber namentlich im 2. und 3. Akt zu großer Form aufläuft, und der große kanadische Wagner-Sänger George London sind die profilierten Partner der Tebaldi, deren exzellenter Ruf als Verdi- und Puccini-Sängerin auch durch diese italienische Aufnahme von 1959 unter dem überzeugenden Dirigat von Francesco Molinari-Pradelli. Weniger einheitlich zeigt sich hingegen die ebenfalls in Rom entstandene Einspielung unter Lorin Maazel von 1966 mit Birgit Nilsson (die nicht wirklich eine Sängerin des italienischen Fachs ist), dem allein auf seine eminente Stimmkraft vertrauenden Franco Corelli und Dietrich Fischer-Dieskau, dessen Scarpia nicht unbedingt von »Italianità« geprägt ist.

Staatsoper Berlin - Tosca - Foto: Hermann und Clärchen Baus

Michael Volle (Scarpia) und Anja Kampe (Tosca) in der Inszenierung von Alvis Hermanis (Premiere 3. Oktober 2014)

Eine Tosca-Sängerin von hohen Graden war zweifellos Leontyne Price, die zwei Mal diese höchst anspruchsvolle Partie aufgenommen hat: 1962 unter keinem Geringeren als Herbert von Karajan, mit einem stimmlich etwas gealterten Giuseppe di Stefano und dem glänzenden Charaktersänger Giuseppe Taddei, mit dem »Breitwandsound« der Wiener Philharmoniker, 1973 unter Zubin Mehta gemeinsam mit Plácido Domingo und dem Amerikaner Sherill Milnes an ihrer Seite. Alle der »Drei Tenöre« haben im Übrigen den Cavaradossi im Studio dokumentiert: Luciano Pavarotti 1979 gemeinsam mit Mirella Freni und Sherill Milnes, José Carreras mit Montserrat Caballé und Ingvar Wixell (unter Colin Davis) sowie mit Katia Ricciarelli und Ruggieri Raimondi (stimmlich eher leichtgewichtig, dafür klanglich opulent unter Herbert von Karajan), während Plácido Domingo nach der Aufnahme mit Leontyne Price 1980 mit Renata Scotto (unter James Levine) und nochmals Anfang der 1990er Jahre mit Mirella Freni (unter Giuseppe Sinopoli) sowie in der damals spektakulären TV-Produktion an den römischen Originalschauplätzen, die auch als Audio-Soundtrack erschien, zu erleben ist (mit Catherine Malfitano und Ruggiero Raimondi, erneut unter Zubin Mehta). 1991 dirigierte Sir Georg Solti eine gelungene Studioproduktion: mit spürbarem musikdramatischem Verve im Orchester, mit einer wohltuend lyrischen Kiri te Kanawa als Tosca, die in Giacomo Aragall (dem leider viel zu wenig bekannten katalanischen Tenor, der den Cavaradossi in den 1990ern auch an der Staatsoper Unter den Linden gesungen hat) und Leo Nucci starke Partner bzw. Widersacher besitzt. Wer hingegen einen gleichsam schlackelosen digitalen Stereoklang liebt, der höre sich die von Antonio Pappano 2001 dirigierte Einspielung mit den Kräften des Royal Opera House Covent Garden an, die Angela Gheorgiu, Roberto Alagna und Ruggiero Raimondi als Protagonisten versammelt.

Und zumindest auf einen »Außenseiter« des Katalogs sei noch hingewiesen, zumal hier die Staatskapelle Berlin und der Staatsopernchor mit von der Partie sind: 1961, kurz vor dem Mauerbau, wurde eine »Tosca«-Aufnahme in deutscher Sprache realisiert (einen »Vorgänger«, wenn man so will, hatte es bereits 1944 mit Hildegard Ranczak, Helge Rosvaenge und Georg Hann gegeben, die ausgesprochen stimmkräftig, wenn auch merklich »teutonisch« agieren). Der junge Horst Stein damals koordinierter Generalmusikdirektor der Lindenoper, dirigierte Puccinis Meisteroper auffallend transparent und sängerfreundlich. Ein erstklassiges internationales Solistenensemble war am Werk: die heute kaum noch bekannte polnische Sopranistin Stefania Woytowicz, der finnische Bassbariton Kim Borg und der ungarische Tenor Sándor Kónya, der zur selben Zeit gerade seine Triumphe als Lohengrin in Bayreuth und anderswo feierte. Dass er diese Rolle sang, als ob sie von Puccini wäre, hat Wagner durchaus gut getan – und in seinem angestammten italienischen Fach ist dieser stimmbegnadete, mit lyrischer Emphase wie mit dramatischer Attacke agierender Sänger einfach kaum zu übertreffen. Nur mit Maria Callas ist er meines Wissens nie zusammen aufgetreten.

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