Das Solistische und das Verschmelzende

Trio Apollon

Ein Gespräch über 25 Jahre Trio Apollon

Das Trio Apollon besteht nun schon ein viertel Jahrhundert, eine beachtliche Zeit für ein Kammermusikensemble. Wie war denn das damals, wie habt ihr euch zusammengefunden?
Matthias Glander  Das kam, wie so oft im Leben, eher zufällig zustande. Zu Beginn der Spielzeit 1990/91 war ein Kammerkonzert im Apollo-Saal angesetzt, das wegen Erkrankung eines Spielers nicht stattfinden konnte. Felix und ich wurden angesprochen, ob wir nicht etwas spielen könnten. Auf der Suche nach einem Pianisten ist uns dann Wolfgang eingefallen, den wir beide schon kannten: Felix von einem Wettbewerb in Genf Ende der 80er Jahre und ich von einem Konzert im Frühjahr 1990 – da war die Mauer schon offen. Wolfgang war nämlich eingeladen worden, ein Mozart-Klavierquartett zu spielen. Und ich war ganz fasziniert von dem jungen Mann aus dem Berliner Westen.

Wolfgang Kühnl  Die Einladung kam von eurem Kollegen Andreas Greger [Solo-Cellist der Staatskapelle]. Er war nach dem Fall der Mauer in die damalige Hochschule der Künste gekommen, um sich die dortige Violoncello-Klasse anzuhören. Ich spielte eine Sonate von Beethoven, und er fragte mich danach, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm im Apollo-Saal der Staatsoper bei einem Konzert dabei zu sein. Und so kam es, daß ich im ersten Teil dieses Mozart-Quartett spielte und Matthias im zweiten Teil das Klarinetten-Quintett, ebenfalls von Mozart. An dem Abend hast Du mir erzählt, dass es da einen großen Bratschisten bei Euch in der Staatskapelle gibt …

Felix Schwartz  Und dann ist es dazu gekommen, dass wir noch vor der Wiedervereinigung, nämlich im September 1990, unser erstes Konzert gegeben haben – davon müsste eigentlich auch noch ein Programmheft existieren.

Als Namensgeber fungierte der Apollo-Saal, wo alles begonnen hat?
Matthias Glander  Genau. Nach dem erfolgreichen Konzert haben wir entschieden, zusammen zu bleiben um gemeinsam in der Musikgeschichte nach Kompositionen für diese besondere Besetzung zu stöbern. Inspiriert von dem Schriftzug hoch oben am Giebel der Lindenoper gaben wir uns den Namen Trio Apollon.

»Apollini et musis«, wie Friedrich der Große den Portikus der Lindenoper schmücken ließ. Die Besetzung ist ja in der Tat sehr ungewöhnlich, zumal es kaum sonderlich viele Originalstücke für sie gibt. War die Basis für eine längere Zusammenarbeit denn überhaupt ausreichend? Oder habt ihr einfach gedacht: Schau’n wir mal, wie sich das so entwickelt?
Felix Schwartz  Es war von Anfang an so konzipiert, das gesamte verfügbare Repertoire auszuloten, sowohl Originalstücke als auch Transkriptionen. Das war die grundsätzliche Idee. Hinzu kam der Ansatz, dass man neben den Trios natürlich auch Duo-Kompositionen spielen könnte.

Matthias Glander  Bearbeitungen waren von vornherein mit eingeplant, getreu der Maxime von Bach und Mozart, die eigene Werke und Werke anderer Komponisten mit Freude auch für alternative Besetzungen und Gegebenheiten eingerichtet haben. Wir haben vieles ausprobiert und dabei einige herrliche Entdeckungen gemacht, zum Beispiel …

Wolfgang Kühnl  … Glinka, das hat gut funktioniert. Beim Gassenhauer-Trio von Beethoven gab es auch keine Probleme, das Klarinetten-Trio von Brahms ging aber gar nicht. Da benötigt man wirklich ein Cello.

Felix Schwartz  Eine andere Repertoireerweiterung ging dann in die Richtung, mit Sängerinnen und Sängern zusammenzuarbeiten…

Matthias Glander  …wir haben mit einigen schon musiziert, als sie damals noch nicht so bekannt und prominent waren, wie sie es heute sind: Annette Dasch etwa, die Arien im Wechsel mit der Klarinette oder mit der Bratsche plus Klavier gesungen hat. Aber auch mit Simone Nold, Dorothea Röschmann und Sylvia Schwartz haben wir zusammengearbeitet, damals alles Ensemblemitglieder der Staatsoper.

Wolfgang Kühnl  Nach und nach haben wir uns dann als festes Ensemble etabliert: in Berlin, Deutschland und eben auch international. Wir haben insgesamt sechs Konzertreisen in die USA und nach Kanada unternommen …

Felix Schwartz  … außerdem haben wir in die Schweiz, Spanien und Frankreich gastiert. Dabei muss man immer dazu sagen, dass wir ja fest engagierte Musiker sind …

Matthias Glander  … was bedeutet, dass wir eigentlich gar nicht so viel Zeit für externe Konzerttätigkeiten haben, es ist uns aber einfach sehr wichtig ist, zusammen zu spielen. Auch wenn wir drei völlig verschiedene Typen sind, harmonieren wir musikalisch doch bestens.

Wolfgang Kühnl  Dabei wurden wir auch immer wieder mit der Tatsache konfrontiert, nicht das „klassische Klaviertrio“ zu sein, sondern ein Ensemble mit Klarinette, Viola und Klavier. Oft schwang bei den Veranstaltern eine gewisse Skepsis mit. Nach den Konzerten aber überwog immer die Begeisterung über die sehr besondere Klangqualität dieser Instrumentenkombination.

Schumann hat ja das schöne Wort von der »höchst romantischen« Besetzung geprägt, im Hinblick auf Mozarts »Kegelstatt-Trio« und sein eigenen »Märchenerzählungen«. Würdet ihr Schumanns Charakterisierung zustimmen?
Wolfgang Kühnl  Das würde ich jetzt gerade bei unserer neuen CD – die bei Sony erschienen ist und Stücke von Max Bruch enthält, der ja eben noch ein wirklicher Hochromantiker war – durchaus sagen.

Er hat es in seinen hervorragenden Kompositionen geschafft, die einzelnen Klänge perfekt miteinander verschmelzen zu lassen. Manchmal weiß man gar nicht, ob jetzt gerade die Klarinette spielt, oder war das jetzt schon die Bratsche oder das Klavier …

… weil man ja auch drei Instrumente hat, die ein großes Klangspektrum besitzen. Und dann sind es Instrumente mit einer ausgesprochenen Vermittlungsfunktion: die Bratsche zwischen den hohen und den tiefen Streichern, die Klarinette in ähnlicher Weise bei den Holzbläsern – und das Klavier fasst ohnehin alles zusammen.
Felix Schwartz  Deswegen ist die Verschmelzung auch das Naheliegende bei diesen Instrumenten, weil sie ja in ihrem normalen Umfeld, wenn man das so sagen darf, zu dienen gewohnt sind. Man versucht immer, es den hohen bzw. den ganz tiefen Instrumenten recht zu machen, mit ihnen zu verschmelzen, ganz bei ihnen zu sein – und das ist eben auch die Funktion in der Kammermusik. Insofern muss uns daran gelegen sein, die Klänge miteinander verschmelzen zu lassen.

Wolfgang Kühnl  Während sich bei Mozarts Kegelstatt-Trio, einem Originalstück für unsere Besetzung, jedes Instrument auch solistisch profilieren kann.

Matthias Glander  Es ist eben beides möglich und gewünscht: das Verschmelzen und das Hervortreten.

Wir hatten schon kurz von euren Konzertreisen gesprochen. Gab es da richtig exotische Ziele oder vielleicht auch besondere Erlebnisse?
Wolfgang Kühnl  Mit fällt da vor allem Macao ein. Das ist natürlich schon deswegen exotisch gewesen, weil es so weit weg war. Und zudem haben wir in dieser ehemaligen portugiesischen Kolonie in einem im Kolonialstil erbauten Theater gespielt, was man dort nun eigentlich gar nicht erwartet, in Nachbarschaft zu den vielen Spielhöllen.

Matthias Glander  Und es klang phantastisch in diesem alten Holzbau. Auch in Amerika haben wir tolle Sachen erlebt, in New Orleans etwa, noch vor dem Katrina-Hurrikan. Das Publikum dort war ganz phänomenal. Und die immer wieder schöne Begegnung mit unserer einer Impresarin, Mariedi Anders, die ein besonderes Faible für deutsche Musiker hatte.

Felix Schwartz  Sie ist in Österreich geboren und musste emigrieren, blieb ihrer Heimat aber immer verbunden. Sie besaß eine starke Affinität zur klassischen Musik und hat dann alles, was Rang und Namen hatte, dorthin geholt. Eine sehr charismatische Frau.

Neben diesen Reisen sind die Konzerte in Berlin doch immer ein Fixpunkt geblieben, gerade auch im Rahmen der Staatskapelle. Gibt es denn immer noch Programmideen, die ihr verwirklichen wollt, abseits des ja nicht allzu breiten Kernrepertoires für eure Besetzung?
Matthias Glander  Wir haben auch Komponisten angesprochen, etwas für uns zu schreiben. Siegfried Matthus zum Beispiel hat für uns ein Trio mit dem Titel Wasserspiele komponiert. Dieses Werk, auf CD eingespielt, zusammen mit französischen Werken und der Hommage à R. Sch. von Kurtág, hat einen »Echo Klassik« bekommen. Für unser Jubiläumskonzert haben wir auch wieder einen Künstler angesprochen, den jungen, aufstrebenden, sehr interessanten und originellen Komponisten, David Robert Coleman.

Es ist ohnehin ein Gang durch die Zeiten und Epochen: Stücke aus vier Jahrhunderten sind bei eurem Jubiläumskonzert dabei, von Mozart bis zu einer Uraufführung.
Matthias Glander  Wobei wir eigentlich immer versuchen, die Programme so farbig und so vielfältig wie nur möglich zu gestalten.

Felix Schwartz  Einen Beethoven-Zyklus können wir ja nicht spielen …

Wie sieht es denn mit dem Zusammenhalt untereinander aus, wenn so eine Kammermusikformation 25 Jahre beieinander ist, regelmäßig gemeinsam spielt und auch auf Konzertreisen im Ausland unterwegs ist. Schweißt das Musizieren zusammen oder gibt es auch mal den berühmten Lagerkoller?
Wolfgang Kühnl  Beides trifft wohl zu: Der Koller und das Schweißen gehören zusammen, also wir haben zum Glück nicht ständig zusammen Konzerte …

Matthias Glander  Hast du jetzt »zum Glück« gesagt?

Wolfgang Kühnl  Wir sehen uns ja nicht jeden Tag, wie es bei einem professionellen Streichquartett der Fall ist. Was ich persönlich immer feststelle, wenn wir uns das erste Mal nach Wochen wieder treffen, dass die gemeinsame Abstimmung untereinander immer funktioniert. Ich muss meine Kollegen nicht anschauen beim Spielen, und trotzdem verstehen wir uns. Da ist im Laufe der Jahre viel gegenseitiges Vertrauen gewachsen. Und dabei sind wir ja vom Typ her durchaus unterschiedlich.

Matthias Glander  Und wir sind uns 25 Jahre treu geblieben, ohne einen Wechsel wie bei vielen anderen Kammermusikensembles.

Welche Wünsche habt ihr für die nächsten 25 Jahre?
Matthias Glander  Dass uns das Publikum gewogen bleibt. Dass auch ein junges Publikum nachwächst, was interessiert und neugierig ist auf diese Art des Musizierens, auf das Kammermusikalische, das ein besonders intensives Erlebnis bietet. Wir machen es häufig so, dass wir in den Konzerten ein wenig über die Stücke sprechen, um so das Publikum stärker mit einzubeziehen, was immer sehr positive Rückmeldungen gibt.

Wolfgang Kühnl  Eine tolle Erfahrung in diesem Sinne war auch eine Veranstaltung mit 40 oder 50 Kindern hier im Foyer des Schiller Theaters. Wir haben, ohne dass Erzieher dabei waren, einige Stücke gespielt – und sind dann miteinander ins Gespräch gekommen, das war ganz wunderbar.

Jetzt ist gerade eine neue CD von euch erschienen, mit den kompletten Bruch-Stücken.
Matthias Glander  Ja richtig, mit sämtlichen acht Stücken von Max Bruch für die Besetzung Klarinette, Viola und Klavier. Dazu haben wir noch zwei Duo-Werke mit eingespielt und ein Werk, das uns sehr am Herzen liegt: Kol nidrei, original für Violoncello und Klavier. Ein guter Freund von uns, Uwe Hilbrecht, hat diese schöne Komposition für das Trio Apollon eingerichtet, und zwar ganz im Geist der acht Stücke op. 83.

Felix Schwartz  Das Verschmelzende kommt hier ebenso zu seinem Recht wie das Solistische – es scheint ganz wie für uns gemacht zu sein.

Die Fragen stellten Detlef Giese, Johanna Müller und Morten Grage

 

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