»Der erste Tag in der neuen Freiheit«

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Der 9. November 1989. Mauerfall. Ein Tag, der nicht nur das Land sondern ebenso das Leben vieler Menschen veränderte. Am 9. November 2014 jährt sich dieses historische Ereignis zum 25. Mal. Daniel Barenboim, Musikerinnen und Musiker der Staatskapelle Berlin sowie Sängerinnen und Sänger des Staatsopernchors lassen uns an ihren persönlichen Erinnerungen an diesen besonderen Tag teilhaben.

»Ich hatte Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern und war am 8. November abends noch mit Patrice Chéreau essen. Wir hatten Gerüchte gehört, dass die Mauer fallen könnte, aber wussten nichts Genaues. Richtig erfahren habe ich es am nächsten Morgen, als die Zeitung unter meiner Zimmertür hindurch geschoben wurde und ich die Nachrichten las. Das war ein unglaublicher Moment. Es hatte ja bereits in den Wochen viele Anzeichen gegeben, aber dass der Mauerfall dann so rasch und friedlich passieren würde, das hätte niemand geglaubt.« – Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatskapelle Berlin

 

»Während meiner ersten Westreise im Frühjahr 1985 mit der Staatskapelle Berlin nach England gewann ich erstaunlicherweise spontan die feste Überzeugung, dass die deutsche Teilung nicht ewig sein konnte. Ich weiß nicht genau warum, aber diese Tournee war für mich wie eine symbolische Überwindung der Mauer. Deswegen war meine Freude über die Wiedervereinung ein Jahr nach dem Fall der Mauer besonders groß. Am 9.11. hatten wir eine Ballettvorstellung, und erst spät abends zu Hause im Fernsehen habe ich gesehen, was los war. Handys mit News-Funktion gab’s damals noch nicht und in der Ausstattung meines Trabants war kein Radio – alles Dinge, die heute unvorstellbar sind :)
Bereits am 5. November hatten wir aus den Reihen der Staatskapelle heraus in der Ostberliner Gethsemane-Kirche, dem Ort, an dem regelmäßig die Friedensbewegung tagte, ein Konzert Gegen Gewalt mit Ludwig van Beethovens Dritter Sinfonie der Eroica organisiert. Die Kirche war überfüllt. Anschließend an das tief bewegende Konzert, formierte sich ein spontaner Demonstrationszug gegen Gewalt durch die Innenstadt. Diese symbolische Kraft der Musik, die nicht an Ideologie gebunden ist, sondern als Symbol der Freiheit und der Harmonie unter den Menschen wirken kann, teilte sich in etlichen weiteren Konzerten mit, die den Fall der Mauer begleiteten. Direkt nach der Öffnung z. B. gab Daniel Barenboim (der damals noch nicht wusste, dass er zwei Jahre später der Chef der Staatskapelle Berlin werden würde) am 11. November mit den Berliner Philharmonikern ein Benefizkonzert für die Bürger Ostberlins. Als Eintrittskarte galt der Personalausweis der DDR!« – Matthias Glander, Erster Solo-Klarinettist der Staatskapelle Berlin

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»Am 9. November war ich, fernab in Dresden, damit beschäftigt, inmitten einer angemessenen Fülle von Umzugskartons meine Möbel zu demontieren. Endlich sollte der lang ersehnte Wechsel an die Deutsche Staatsoper Berlin vollzogen werden. Mein Umzug stand unmittelbar bevor, ich war schon sehr neugierig, gespannt und voller Vorfreude auf die für mich Riesenstadt Berlin, die andere Mentalität der Menschen dort und die vielen neuen tollen Aufgaben im Staatsopernchor mit einem prall gefüllten Spielplan.
Da Fernsehen in Dresden eh sehr einseitig war, hatte ich das Gerät bereits eingepackt. Radio war auch nicht besser, so dudelten den ganzen Tag mir zur Freude Kassettenrekorder und Plattenspieler.  Ein Telefon gab es zu dieser Zeit ja nicht, jedenfalls für mich.
Am Vormittag des 10. November erfolgten dann die ganzen obligatorischen Abmeldungen: Sparkasse, Kindergarten meiner Tochter, Energie, Rundfunk etc. – ein voller Stresstag.
Als ich da denn so unterwegs war, wunderte ich mich über eine sehr merkwürdige ausgelassene Stimmung überall und dachte mir so: Na wer weiß, was Du da wieder nicht mitbekommen hast…
Erst am 11. November früh bei meiner Ankunft in Magdeburg, wo meine Eltern vorübergehend meine kleine Tochter versorgten, erfuhr ich von ihnen die unglaubliche Botschaft. Im ersten Moment dachte ich auch, sie hätten etwas falsch verstanden oder machen einen Scherz. Im 2. und 3. Moment begriff ich, dass mein Umzug nunmehr zu einem historischen Zeitpunkt stattfindet und auch mein Leben, noch einmal mehr, völlig auf den Kopf stellen wird.« – Christiane Schimmelpfennig, 2. Altistin im Staatsopernchor

 

»Am Abend des 9. November 1989 fuhr ich im Auto zur Vorstellung in die Staatsoper. Ich hatte das Autoradio eingeschaltet und hörte live die ominöse Schabowski-Pressekonferenz. Kurz vor Erreichen der Oper (genau um 18:53 Uhr) fielen die Worte Schabowskis zur neuen Reiseregelung. Gemeinsam mit einem älteren Kollegen (übrigens einem der drei oder vier SED-Genossen im Orchester) betrat ich den Bühneneingang. Er fragte mich sofort: »Haben Sie das gerade gehört? Haben Sie ‚das’ auch so verstanden?« Ich erwiderte: »Ja…«.
Nach der Vorstellung fuhr ich nach Hause, nach Pankow. Die Schönhauser Allee war bereits verstopft, über die Kreuzung Schönhauser Allee – Bornholmer Straße – Wisbyer Straße kam ich nur noch mit großer Mühe.
Zuhause angekommen setzte ich mich vor den Fernseher und verfolgte das Geschehen. Ich wollte mich aber nicht von der Hysterie anstecken lassen. Gegen vier Uhr morgens packte es mich dann doch, ich nahm mein Fahrrad und fuhr zur Bornholmer Brücke, an der ich so oft meine West-Patentante verabschiedet hatte. Ich wurde auch durchgelassen. Gegen Morgen kam ich bei meiner Patentante in Tegel an, sie begriff die historische Situation sofort und öffnete eine Flasche Sekt zur Feier des Tages. Bei der Rückkehr bekam ich einen Stempelabdruck in den Personalausweis genau auf das Passbild. Vorsichtshalber wollte man uns kennzeichnen.
Das war der erste Tag in der neuen Freiheit.« – Matthias Wilke, Bratschist in der Staatskapelle Berlin

 

»Im Jahre 1989 lebte ich als freischaffende Sängerin in Berlin-Schöneberg. m 9.11. bekam ich abends im Fernsehen mit, dass die Mauer gefallen war, und saß gespannt vor der Flimmerkiste. Ich kämpfte sehr mit mir, hinzufahren, machte es aber nicht, da ich am 10.11.1989 über die Transitstrecke für Proben und ein Konzert mit dem Auto nach Stuttgart fahren musste. Ich fuhr gegen Mittag los – und stand ab dem späten Nachmittag in einem (anfangs 35 Kilometer langen, aber immer weiter wachsenden) Stau vor der innerdeutschen Grenze bei Hof. Vor mir stand ein DDR-Taxi, und ich dachte mir »irgendwann werden die Kunden aus dem Auto aussteigen und mich fragen, ob ich sie mitnehmen kann, die zahlen sich doch sonst tot«. Tatsächlich stieg nach ca. 2 Stunden aber kein Kunde, sondern der Taxifahrer aus (in der DDR wurden Taxifahrten nämlich nicht nach Zeit, sondern nach gefahrenen Kilometern berechnet, wie ich dann lernte), und fragte mich, ob ich seine drei Kundinnen mitnehmen würde, was ich natürlich tat.
Es waren eine Mittvierzigerin und ihre Tochter (etwa Anfang zwanzig) sowie deren Baby, aus Altenburg in Thüringen (von der Stadt hatte ich bis dahin noch nie was gehört). Sie sagten, ihr Reiseziel sei gleich hinter der Grenze. Als ich fragte, wo denn genau, sagten sie »Stuttgart, wir wollen einen Freund dort besuchen.« – das lag ja noch ca. 300 Kilometer hinter der Grenze. Wir standen noch viele Stunden im Stau, und es war ziemlich kalt an dem Tag, aber die Gespräche waren spannend und erwärmend.
Als wir näher zur Grenze kamen, wurden die bis dahin sehr lockeren und unterhaltsamen Damen plötzlich sehr angespannt und hatten nun doch Sorge, ob sie nur mit Pass und ohne jegliche Ausreisegenehmigung durchgelassen würden, was aber natürlich der Fall war. Gleich hinter der Grenze hatte das Rote Kreuz auf einem Rastplatz ein (ebenfalls völlig überfülltes) Zelt errichtet, in dem es Geld und je eine Snacktüte für DDR-Bürger gab. Da hielten wir auch noch an und fuhren dann weiter nach Stuttgart, wo wir gegen 5:30 Uhr morgens ankamen.
Das war für mich die spannendste Autofahrt meines Lebens, und noch nie hatte ich ein so großes Vergnügen an einem Stau!« – Ursula Kraemer, 2. Altistin im Staatsopernchor

 

»Ich habe den Abend des 9. November, den eigentlichen Moment der Maueröffnung, gar nicht wahrgenommen, wohl aber die Stimmung im Land und in Berlin, wo ich lebte, die sich seit Monaten verwandelt hatte. Von der Öffnung der Mauer erfuhr ich erst durch Kommilitonen, als ich am 10. in die Hochschule ging. Sofort verabredete ich mich mit einer Kommilitonin und ging zu meinem Hauptfachlehrer, einem sehr treuen Parteimitglied, um meinen Unterricht für den Tag abzusagen, mit der Begründung, »Ich will in den Westen!«. Er reagierte ziemlich gelassen und erwiderte lediglich, »Ja, ja, fahrt mal nur alle in den Westen«.
Etwas, das mich schon als Kind fasziniert hatte, konnte ich nun zum ersten Mal sehen: die West-S-Bahn und -U-Bahn, die immer unter dem Osten durchfuhren, von denen man aber lediglich vermauerte Zugänge sah oder die Vibrationen spürte. Allerdings ist es mir bis heute ein Wunder, dass auf dem unteren Bahnsteig Friedrichstraße, der einzige, der von diesen Linien im Osten in Betrieb war, niemand auf die Gleise stürzte, denn es war so voll, der Bahnsteig, die Treppen, die Zugänge, dass man heute alles sofort sperren würde. Aber es herrschte keine Hektik, kein eiliges Hin- und Hergerenne, sondern nur Euphorie und Freude, in der plötzlich jeder mit jedem Freund und per Du war.« – Mike Keller, 1. Bass im Staatsopernchor

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»Am Abend des 9. November 1989 war ich mit Freunden zu der Veranstaltung »Ich hab‘ im Traum geweinet« ins Hebbel Theater gegangen. Ein musikalisch-literarischer Abend in Gedenken an die Ereignisse der Reichskristallnacht, arrangiert durch den Schauspieler Udo Samel und den Pianisten Alan Marks, unter Betreuung der Bühnenbildnerin Vera Lindenberg.
In der Pause rumorte es, dass die Mauer offen sei! Wir dachten, es handele sich um einen sehr schlechten Witz, zumal an einem Tag, an dem die verursachten Leiden der Nazis gedacht wurden.  Doch waren wir auch beunruhigt. Wir beschlossen am Ausgang einfach mal zum Brandenburger Tor zu fahren. Weit kamen wir aber nicht, die ganze Stadt schien unterwegs  zu sein. Wir parkten irgendwo und gingen zu Fuß. Es herrschte eine gleichermaßen aufregende wie beunruhigende Stimmung. Da wir keine Nachrichten gehört hatten, versuchten wir Genaueres zu erfahren, doch die Unkenntnis war allgemein.
Als wir endlich zum Tor vorgedrungen waren und die ersten versuchten auf die Mauer zu gelangen, wurde uns wie auch anderen mulmig. Jeder wusste, mit welchem Auftrag sich die Vopos hinter der Mauer befanden.  In dem Augenblick rechneten wir mit dem Schlimmsten. So machten wir uns auf den Heimweg.
Da ich unweit wohnte, ging ich zu Fuß nach Hause. Als mich unterwegs ein aufgeheiterter bis angetrunkener Ostler nach dem Weg zum Ku’damm fragte, wusste ich, dass tatsächlich irgendwo die Mauer durchlässig geworden sei.« – Günther Giese, 2. Tenor im Staatsopernchor

 

»Als wäre es gestern gewesen: als totaler Wessi, pünktlich in’s Wirtschaftswunder im Rheinland geboren und aufgewachsen, studierte ich während der 1970er Jahre Schauspiel, Gesang und Oper im sog. West-Berlin an der Hochschule, die heute als Universität der Künste Berlin bekannt ist. Mit den Jahren wurde das eingesperrte Gefühl bedrohlicher, die andauernden Sackgassen der Stadt beklemmend. 1989 lebte ich in Wien und arbeitete, auch im November, bei der POLYGRAM (Vertriebsverbund für Tonträger, u.a. Amadeo, D.G., Philips, Decca – existiert nicht mehr). Am 10. November 1989 stand ich um 6 Uhr früh auf und hörte, zunächst mehr nebenbei, in den Nachrichten des Österreichischen Senders »Die Mauer in Berlin ist gefallen! Die ganze Nacht feierten die Menschen in den Strassen, tanzten auf der Mauer…« Noch bevor mein Hirn den Inhalt des Gehörten überhaupt begriff liefen mir die Tränen über’s Gesicht, mehr und mehr, bis heute.« – Yehudit Silcher, 2. Altistin im Staatsoperchor

 

»Es fällt mir sehr schwer, die bloßen Ereignisse, ohne deren Bedeutung, aus meinen Erinnerungen zu extrahieren. Ein gewalttätiges Regime wird durch friedlichen Protest des Volkes zum Abdanken gezwungen. Ich durfte erleben, was noch in tausend Jahren in den Geschichtsbüchern stehen wird. Wem soll ich danken?
Mein Abend des 9. November im Telegrammstil:
Ich war zu Fuß im PrenzlBerg unterwegs. Vor einer Kneipe zeigte mir ein angeheiterter Mitmensch bedeutungsvoll seinen grünen Reisepass (die DDR-Pässe waren blau). Er könne damit AUCH rüber. Ich verstand nicht, was er von mir wollte…
Als ich mich meinem Kiez nahe der Kreuzung Schönhauser Allee – Bornholmer Straße näherte, bemerkte ich, dass ungewöhnlich viele Menschen unterwegs waren. Alle strebten zur Bornholmer Straße. Die Grenze wäre offen. Mitgegangen. Ein Bäcker hatte schon geöffnet. Im Laden die gerade frisch gebackenen Brötchen und allseits begeisterte Verwirrung.
Nochmal nach Hause und den Fotoapparat eingepackt.
Am Grenzübergang wurde schon nicht mehr einzeln kontrolliert, den Ausreisestempel in den Pass bekam nur noch, wer wollte, oder Angst hatte, nicht wieder ‚einreisen’ zu dürfen. Viele Leute mit Koffern. Wusste doch keiner, ob nicht bald wieder zugemacht wird.
‚Drüben’ BVG-Sonderbus bis Osloer Straße, U-Bahn, Bahnhof Zoo, Ku’damm, endlose Trabi- und Wartburgschlangen in den Straßen, Freude, Tränen, Umarmungen, unbeschreiblicher Jubel. Rückkehr in den frühen Morgenstunden, um noch etwas zu schlafen vor der Probe um 10:00 Uhr.

Zwei spezielle Staatsopern-Erinnerungen an die Wendezeit:
In der Staatsoper war in den 80er und 90er Jahren eine sehr schöne »Fledermaus« im Repertoire. Nie werde ich die Beifallsstürme vergessen, die es jedes Mal gab, wenn der Gefängnisdirektor auf Froschs erschreckten Ausruf »Herr Direktor, wir sind eingemauert!« antwortete: »Nein Frosch, wir WAREN eingemauert!«.
Am 24.Oktober 1989, als noch Angst vor Repressalien und Gewaltanwendung vorherrschten, fand in der Staatsoper eine Belegschafts-Vollversammlung statt, auf der der DDR-Kulturminister und die im ZK der SED für Kultur verantwortliche Frau R. sich den Fragen der Belegschaft stellten. Der Intendant moderierte. Es war herrlich und befreiend, wie die Kolleginnen und Kollegen aller Abteilungen des Hauses in sachlichem Ton und mit klugen Wortbeiträgen sich ihre angestaute Wut von der Seele redeten. Es wurde eine regelrechte Abrechnung mit der SED-Politik. Nach jedem Redebeitrag gab es begeisterten Beifall und auf dem Podium wurde es immer stiller… « – Friedemann Mittenentzwei, Bratschist der Staatskapelle Berlin

 

 

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