Der Meister des Klavierkonzerts

Wolfgang Amadeus Mozart

Gerade wenn – wie in diesem Jahr im Falle von Mozarts 260. Geburtstag – ein mehr oder weniger bedeutsames Jubiläum das öffentliche Interesse auf einen Künstler lenkt, taucht unweigerlich die Frage auf, welche Werke innerhalb seines Œuvres nun die wirklich bedeutendsten sind. Ist Mozart nun in erster Linie als ein Meister der Oper, als ein Klassiker der Sinfonie oder als eine prägende Gestalt in der Fortentwicklung kammermusikalischer Gattungen anzusehen? All das trifft zweifellos zu – und doch wäre diese Aufzählung, selbst wenn keine Vollständigkeit angestrebt wird, zumindest durch einen Punkt zu ergänzen: um sein Wirken als Konzert-Komponist.

Im Speziellen ist dabei an die konzertanten Werke für sein ureigenes Instrument, das Klavier, zu denken. Die Klavierkonzerte stellen nicht allein hinsichtlich ihrer Anzahl den Höhepunkt von Mozarts instrumentalem Schaffen dar, sie gehören unstrittig zu seinen bedeutendsten Werken überhaupt. Zudem spielen sie innerhalb seiner Biographie eine gewichtige Rolle, da Mozarts Ansehen in hohem Maße gerade auf diesem Genre gründete. Mit den Klavierkonzerten konnte er sich nicht nur als Komponist wie als Virtuose wirkungsvoll profilieren, im Grunde fußte sogar seine gesamte Existenz als freier Musiker auf deren außergewöhnlichem Erfolg.

Seit sich Mozart im Frühjahr 1781 entschlossen hatte, seiner Heimatstadt Salzburg und, damit verbunden, dem Dienst in der Hofkapelle vollends den Rücken zu kehren, war er gezwungen, vorerst ohne feste Anstellung seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Entscheidung für Wien war dabei nahe liegend, boten sich in der kaiserlichen Residenz mit ihrem blühenden Musikleben ausgezeichnete Möglichkeiten für musikalische Tätigkeiten – nicht umsonst empfand er die Donaumetropole als »für mein Metier der beste Ort von der Welt«.

Die Konzentration musikalischer Institutionen, die ein so ambitionierter Künstler wie Mozart im josephinischen Wien antraf, war in der Tat beeindruckend – allenfalls in Paris konnte ihm Vergleichbares begegnen. Zum einen befand sich die Musikpflege an den großen Kirchen auf einem beachtlichen Niveau, zum anderen war auch Kaiser Joseph II. selbst darauf bedacht, die Musik zu fördern. So richtete er neben der italienischen Oper ein eigenständiges deutsches Nationalsingspiel ein (ein allerdings nur kurzlebiges Unternehmen) und erwies sich als ein Freund anspruchsvoller Orchester- und Kammermusik.

Vor allem aber sind es die zahlreichen begüterten Adels- und Bürgerhaushalte, die Wien zu einem Musikzentrum allerersten Ranges machten. Neben der Veranstaltung öffentlicher Konzerte, die dem Repräsentationsstreben der oberen Gesellschaftsschichten besonders entsprachen, entfalteten sich nicht zuletzt in den Palais und Salons kunstsinniger Aristokraten und Bürger reichhaltige musikalische Aktivitäten. Sowohl eigenes Musizieren als auch Engagements professioneller Musiker (eine ganze Reihe von privat unterhaltenen Kapellen sind nachweisbar) waren dabei gefragt – mit der Folge, dass diese semiöffentlichen Räume zu Orten intensiven Austauschs, aber auch scharfen Konkurrenzverhaltens wurden.

Mozart hatte beizeiten die sich in Wien bietenden Chancen erkannt und angesichts der vorteilhaften Perspektiven wohl bewusst den Bruch mit seinem Salzburger Dienstherren, dem Erzbischof Hieronymus Colloredo, provoziert. Offenbar erschien dem selbstbewussten Mozart die Aussicht, sich kraft seiner eigenen Fähigkeiten auf dem Musikmarkt erfolgreich bewähren zu können, weitaus attraktiver als ein Amt als Hof- oder Kirchenmusiker, das womöglich nicht über den Status des Provinziellen hinauskam.

Dennoch war, als Mozart den durchaus risikoreichen Schritt in die berufliche Selbstständigkeit wagte, noch nicht abzusehen, dass er zeit seines Lebens an dieser Existenz festhalten sollte. Zwar hatte er wiederholt ein Auge auf angesehene und gut dotierte Posten des offiziellen Musiklebens geworfen, jedoch hatte sich bis auf das künstlerisch wie finanziell nur wenig ertragreiche Amt des »k.k. Kammercompositeurs«, das Mozart 1787 übertragen worden war, nichts Entsprechendes abgezeichnet. Gegenüber den schon damals in recht großer Zahl aktiven reisenden Virtuosen, die zumeist in größeren geographischen Radien tätig waren, blieben Mozarts Aktivitäten eindeutig auf Wien zentriert – in dem ihm noch verbleibenden Jahrzehnt bis 1791 sollte er die Stadt nur für vergleichsweise kurze Aufenthalte in Salzburg, Prag, Dresden, Frankfurt oder Berlin verlassen.

Mozarts Existenz als Musiker gründete sich prinzipiell auf vier Säulen: Komponieren, Konzertieren, Unterrichten und Publizieren. Die Basis des Ganzen bildete dabei zweifellos die kompositorische Tätigkeit, die Mozart gerade in den frühen Wiener Jahren ungemein planvoll und zielgerichtet entfaltete. Zum einen arbeitete er für verschiedene Auftraggeber, zum anderen veranstaltete er Konzerte, mit denen er z. T. beträchtliche Einnahmen erzielen konnte. Seine Vorgehensweise blieb dabei im Wesentlichen gleich: Sobald er neue Werke verfertigt hatte, stellte er sie dem Publikum vor – entweder im öffentlichen oder eher privaten Rahmen, nicht selten sogar unter Anwesenheit des Kaisers. In den überwiegenden Fällen war es dabei Mozart selbst, der seine Werke zur Aufführung brachte, was sein Ansehen als praktischer Musiker wesentlich befördern sollte. Da auch ein Notendruck der Kompositionen keineswegs ausgeschlossen war und manches Stück auch für pädagogische Zwecke Verwendung finden konnte, bot sich für Mozart die Gelegenheit, seine kompositorische Arbeit auf gleich mehreren Ebenen zu verwerten.

Eine Schlüsselstellung nehmen in diesem Zusammenhang die Klavierkonzerte ein. Allein quantitativ dominieren sie die erste Zeit in Wien, zudem vermochte Mozart gerade durch sie enorme Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Abseits ihrer kaum zu überschätzenden Bedeutung für die Entwicklung der Gattung, für deren künstlerisches Prestige, stellen die Klavierkonzerte Mozarts wichtigste Brücke zum Musikleben seiner Zeit dar. Mit diesen erstaunlich vielfältigen Kompositionen, welche das gesamte Spektrum zwischen kunstvoller Satztechnik, spielpraktisch virtuosem Zugriff sowie tief empfundener Expressivität auslotet, gleichermaßen von gehobener Kunst wie von einem Streben nach geistvoller Unterhaltung gekennzeichnet ist, konnte Mozart in breiten gesellschaftlichen Kreisen gefallen.

Geradezu programmatisch setzte Mozart die Klavierkonzerte zum Vorantreiben seiner Karriere ein. So verfasste er für den Winter 1782/83 drei Werke (KV 413-415), mit denen er bei den Wienern nachhaltigen Eindruck hinterließ. Nicht allein, dass er die Konzerte als Vehikel zur Präsentation seiner herausragenden pianistischen Fähigkeiten zu nutzen wusste, in gleichem Maße suchte er bewusst Bindungen zu einem Publikum aufzubauen, dessen Wünsche und Bedürfnisse ihm vorerst lediglich in Umrissen bekannt waren.

Mozart scheint trotz allem künstlerischen Anspruchsdenken hierbei durchaus den richtigen Ton gefunden zu haben, entsprachen seine Werke doch offenbar dem Aufnahmevermögen und Geschmack seiner Zuhörer. Der geschäftliche Erfolg seiner Klavierkonzerte ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass es ihm gelang, heterogene Hörerschichten mit ihnen anzusprechen. Ohne Zweifel hat Mozart sich darauf eingestellt, seine Werke in dieser Weise zwischen allzu großer »Gelehrsamkeit« und bloßen Oberflächenreizen mit nur wenig geistigem Tiefgang anzusiedeln, dass möglichst viele Besucher daran Gefallen finden konnten. Die Wirkungen seiner Musik waren somit genau kalkuliert, wie denn auch ein Brief an Vater Leopold vom Dezember 1782 bezeugt: »Die Concerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht – sind sehr Brillant – angenehm in den Ohren – Natürlich, ohne in das leere zu fallen – hie und da – Können auch Kenner allein satisfaction erhalten – doch so – dass die nichtkenner damit zufrieden sagen müssen, ohne zu wissen warum«.

Es wäre jedoch verfehlt, Mozarts konzentrierte Hinwendung zur Gattung des Klavierkonzerts allein mit kommerziellen Gründen erklären zu wollen. Zwar spielen diese zweifelsohne eine gewichtige Rolle (nicht umsonst bestritt Mozart seine finanziell ertragreichen musikalischen Akademien zu erheblichen Teilen mit seinen Klavierkonzerten), sein Interesse ist darüber hinaus noch von anderen Motivationen geleitet. Zum einen – und das hat wesentlich mit der Herausbildung eines öffentlichen, zunehmend »verbürgerlichten« Musiklebens im zeitgenössischen Wien zu tun – zeigt sich gerade anhand von Mozarts Klavierkonzerten die Tendenz zu einem stärkeren kommunikativen Zusammenhalt zwischen Musikern und Hörern, wie er seither die Kulturform »Konzert« in ihrer modernen Ausprägung bestimmt. Zum anderen richtete Mozart aber auch aus ästhetischen Interessen sein Augenmerk auf das Klavierkonzert, schien ihm doch dieses Genre besonders geeignet, die Möglichkeiten des Komponierens nach den Standards seiner Zeit auszuloten.

Zunächst ist Mozarts immense Produktivität auf dem Gebiet des Klavierkonzerts – immerhin vollendete er zwischen 1784 und 1786 nicht weniger als zwölf groß dimensionierte Werke dieser Art – das Resultat seiner Bemühungen, in den maßgeblichen musikalischen Kreisen Wiens Fuß zu fassen. Da der hoffnungsvolle Beginn seiner Operntätigkeit – der Auftrag zur Entführung aus dem Serail für das Nationalsingspiel – keine unmittelbare Fortsetzung fand, verlagerte Mozart den Fokus seines Schaffens auf die Komposition von Klavierkonzerten. Die zahlreichen Aufführungsmöglichkeiten, die sich zum einen in den Häusern der musikbegeisterter Aristokraten und Bürger boten, zum anderen darin bestanden, auf eigenes Risiko – und häufig mit ad hoc zusammengestellten Orchestern – musikalische Akademien zu veranstalten.

Gerade letztere Option, von Mozart zwar nicht erfunden, wohl aber entscheidend kultiviert, sollte sich als Erfolgsmodell herauskristallisieren. An ausgewählten Orten wie etwa dem Burgtheater, dem Haus »Zur Mehlgrube« oder dem Augarten (jeweils mit angeschlossener Wirtschaft) fand sich regelmäßig eine zahlreiche – und zahlungsbereite – Zuhörerschaft ein, die Mozarts Fähigkeiten als Komponist wie als Pianisten zu schätzen wusste. Besonders während der Advents- und der Fastenzeit – traditionell die Wiener Konzertsaison – entfaltete Mozart eine umfangreiche Konzerttätigkeit. Da die interessierten »Kenner und Liebhaber« seiner Musik zudem nach ständig neuen Kompositionen verlangte, sah sich Mozart dazu angehalten, nicht mit den immer gleichen Erfolgsstücken vor das Publikum zu treten, sondern für jedes Jahr einen Fundus frisch komponierter – und somit noch unbekannter – Werke parat zu haben.

Weshalb gerade die Klavierkonzerte Mozarts Schaffen der ersten Wiener Zeit dominieren, besitzt einen einleuchtenden Grund: Er war dadurch imstande, seine eigene Person in wirkungsvoller Weise in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Selbst in den Fällen, wo er für andere Solisten komponierte (u. a. für seine begabte Schülerin Barbara Ployer oder für die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis), stand er doch in seiner Eigenschaft als Komponist nach wie vor im Mittelpunkt. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der allgemeinen Erwartungshaltung, dass die gebotenen Konzerte stets einen gewissen Neuigkeitswert enthalten sollten, blieb Mozart doch stets die Zentralgestalt.

Es dürfte kaum übertrieben sein, wenn man dem engen Kontakt Mozarts mit seinem Publikum (der zumindest ideell einer funktionierenden Kommunikation mit wechselseitiger Wertschätzung entsprach) einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung seines Komponierens zugesteht. Der Wunsch nach immer neuen Werken musste in Mozart geradezu zwangsläufig ein Streben an beständiger Innovation und der Suche nach originellen kompositorischen Lösungen hervorrufen. Und so erstaunt es nicht, dass sich in seinen Klavierkonzerten der Wiener Zeit (vor den 1780er Jahren hatte Mozart bereits eine ganze Reihe von Werken dieser Gattung, z. T. auch in Form von Bearbeitungen, verfertigt) ein besonderer Zug zum Experimentellen und zum Überraschenden findet. Ohne andere Genres damit entwerten zu wollen lässt sich behaupten, dass im Korpus seiner Klavierkonzerte der Komponist Mozart – gerade im Blick auf die Erarbeitung und Erweiterung seiner Möglichkeiten von Satztechnik und musikalischem Ausdruck – auf die wohl eindrucksvollste Art und Weise zu erleben ist.

Dabei sind die Grundprinzipien, auf denen Mozart seine Klavierkonzerte aufbaut, im Wesentlichen identisch geblieben. Sämtliche Konzerte folgen in ihrer dreisätzigen Anlage dem Bewegungsmuster schnell–langsam–schnell und lassen auch hinsichtlich ihrer formalen Disposition eine ausgesprochene Stabilität erkennen: Auf einen gewichtigen Kopfsatz, der zu großen Teilen von seiner reichhaltigen motivisch-thematischen Arbeit und dem Dialog von Klavier und Orchester lebt, folgt zumeist ein verinnerlichter Lied- oder Variationssatz in anderer Tonart, worauf sich letztlich ein Rondo in der Grundtonart anschließt. Während in den beiden Außensätzen der Solist ausreichend Gelegenheit erhält, sein spieltechnisches Vermögen unter Beweis zu stellen, ist im langsamen Satz in erster Linie seine Fähigkeit gefragt, ein expressives Spiel zu praktizieren, das den zugrunde gelegten Ausdruckscharakteren gerecht wird. Die Vielfalt an musikalischen Gestalten, die Mozart in seine Klavierkonzerte, auch und gerade in der Relation zwischen Solo und Orchester, integriert hat, lassen ihre Interpretation immer wieder zu einer Herausforderung werden. Und das Hören im Übrigen auch – man möge es nur ausprobieren, heute und immer wieder.

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