Die Entstehung einer Aufführung

Jürgen Flimm bei der Arbeit an »Il trionfo« - Foto: Hermann und Clärchen Baus

Jürgen Flimm über Händels »Il trionfo del Tempo e del Disinganno«

Ich gebe gerne zu, dass ich bis vor einigen Jahren noch keine Kenntnis von diesem ersten Oratorium des überaus jungen Georg Friedrich Händel hatte. Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt und ich hatten uns damals anderes ausgedacht, wir wollten in Zürich Joseph Haydns Armida auf die Bühne bringen, ein zauberhaftes Stück von der Zauberin Armida, ein Stoff von Ariost, der viele Komponisten dieser Zeit angeregt hat. Eine seltene Oper.

Wir hatten fleißig gearbeitet und bereiteten endlich eine Bauprobe vor, wollten uns also vergewissern, ob unser Bühnenbild im rechten Maß und Wirkung auf die Bühne gebracht werden könnte. Da allerdings erreichte mich ganz plötzlich die Nachricht, dass Maestro Harnoncourt sich aus gesundheitlichen Gründen leider nicht mehr in der Lage sah, die Aufführung mit uns zu erarbeiten. Wir gerieten in große Not, so verschwand die schöne Armida auf Nimmerwiedersehen. Wie schade.

Was also tun? Eifrig suchten wir nach anderen Möglichkeiten. Schließlich ergab sich nach vielen nervösen Wochen ein Ausweg aus dieser Malaise: Marc Minkowski, der berühmte französische Dirigent, hatte überraschenderweise noch eine Lücke in seinem sonst so gefüllten Kalender gefunden. Er schlug Georg Friedrich Händels Il trionfo del Tempo e del Disinganno vor, die wenige von uns allein durch die berühmte Arie »Lascia la spina« kannten.

Wie aber sollte man solch ein Oratorium auf die Bühne bringen, handlungsarm und deklamatorisch? Ich vertiefte mich also in dieses wunderbare Musikstück, hörte es mir wieder und wieder an. Der junge Händel, der am Anfang einer großen Karriere stand, hat es hier schon zu einer unvergleichlichen kompositorischen Meisterschaft gebracht.

Als er im Herbst 1706 nach Italien kam, mag er verblüfft gewesen sein, zu erfahren, dass durch päpstliches Dekret alle Opernaufführungen in Rom generell verboten waren. Um dennoch seine kompositorische Meisterschaft zu Gehör zu bringen, schrieb er nach einem Text des kunstsinnigen Kardinals Pamphilj dieses Oratorium. In diesem Libretto streiten sich – wie es in der Zeit üblich war – hier allegorische Figuren um nichts weniger als den Sinn des Lebens: Bestimmt unser lebenslanger Weg die Furcht vor dem unausweichlichen Ende, eben dem Tod? Oder leben wir im Bewusstsein, jeden Moment stattdessen zu genießen, carpe diem! Ein aufregender Text, wie ich fand und auch zeitgenössisch dazu. Mehr also als lediglich musealer Disput.

Jürgen Flimm bei der Arbeit an »Il trionfo« - Foto: Hermann und Clärchen Baus

Jürgen Flimm und sein Team bei der Arbeit an »Il trionfo« 2012

Wie aber bringt man solches auf die Bühne? Ein barockes Ambiente auf der Szene ist sehr schwer darstellbar, bloßes Nachstellen alter Abbildungen und Bewegungsabläufe führt in eine Sackgasse. Aber doch waren die Gespräche der Allegorien uns sehr vertraut? Ähnelten sie nicht unseren eigenen Debatten, die wir alle so oft miteinander bei geselligen Gelegenheiten oft bis ins Morgengrauen geführt hatten? Warum also das Stück nicht in einem Restaurant ansiedeln, nach einem Konzert oder einer Opernaufführung, wo wir, angeregt von den Bühnenkunstwerken, uns in heftige Auseinandersetzung verwickelt hatten. Wir konnten Teile unseres Armida-Bühnenbilds tatsächlich benutzen, die durch neue Ideen, wie die lange Bar, die an Kubricks Shining erinnern sollte, vervollständigt wurden.

Bald wurde uns klar, dass es sich um ein ganz besonderes Restaurant handeln musste, das sich in der langen Nacht anderen Einflüssen öffnen sollte. Merkwürdige und wundersame Gäste kamen und gingen und kommentierten auf sehr freie Weise den intelligenten Diskurs der vier Allegorien, den Diskurs von Bellezza und Tempo und Disinganno und Piacere.

Wir hatten freilich nur kurze Probenzeit, Minkowskis Kalender ließ nicht mehr zu. Und dennoch wurde die Auseinandersetzung mit Pamphiljs Argumenten und Händels enormer Musik zu einer Bereicherung und unvergesslichen Arbeit, die zudem von einem überaus großen Erfolg von Kritik und Publikum belohnt wurde.

 

Diesen Beitrag von 2012 findet ihr auch im Programmbuch zu »Il trionfo del Tempo e del Disinganno«.

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