Eine Künstlerfreundschaft im Schatten Stalins

Schostakowitsch | Weinberg

Ein Essay von Dr. Detlef Giese und Roman Reeger über die besondere Beziehung der Komponisten Dmitri Schostakowitsch und Mieczysław Weinberg.

In den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts befanden sich große Teile Europas in der Hand populistischer totalitärer Herrscher. Hitler in Deutschland, Österreich und in bis zur Mitte des Weltkriegs eroberten Gebieten, Horthy in Ungarn, Mussolini in Italien sowie Franco in Spanien richteten ihre Länder ganz auf Diktatur und die Unterdrückung jedweder Opposition aus. Diese strikt nationalistisch geprägten Regimes fanden ihr Pendant auf der anderen Seite des politischen Spektrums in der Sowjetunion unter der Führung Stalins. Sein riesiges Reich hatte er mit einem Terror überzogen, der keine Maßstäbe kannte. Zahllose Menschen fielen ihm zum Opfer, nicht zuletzt auch kritische Intellektuelle und Künstler. Dmitri Schostakowitsch, als Komponist bereits in jungen Jahren im In- wie im Ausland als ein besonders origineller Kopf anerkannt, war mehrere Male nur knapp verschont worden – in der Zeit der großen Säuberungen in den mittleren und späten 1930ern musste er vehement um Leib und Leben fürchten. Als »Volksfeind« diffamiert, der sich nicht mit dem Staat und seinen Zielen konform ging und stattdessen – offen oder verdeckt – dagegen arbeitete, kam er nicht umhin, schmerzhafte Kompromisse zu machen, um den gefahrvollen Vorwürfen zu begegnen. Eine ständige Gratwanderung schien notwendig, wollte Schostakowitsch physisch wie künstlerisch überleben.

»Ich weiß, die Partei hat recht. Ich will immer wieder von neuem versuchen, sinfonische Werke zu schreiben, die dem Empfinden des Volkes entsprechen.« hatte Dmitri Schostakowitsch 1948 erklärt, nachdem er sich bereits zum zweiten Mal in seiner Karriere mit dem Vorwurf des »Formalismus« und der »Volksfremdheit« konfrontiert sah. Schon 1936, zwei Jahre nachdem seine Oper »Lady Macbeth von Mzensk« im Maly-Theater in Leningrad seine Uraufführung erlebte, geriet Schostakowitsch, nach einem Vorstellungsbesuch Stalins und einem kurz darauffolgenden Verriss, der unter dem Titel »Chaos statt Musik« in der einflußreichen »Prawda«, dem zentralen Organ der KPdSU, erschien in Verruf. 1937 gelang ihm mit der international äußerst erfolgreichen 5. Sinfonie zumindest zum Teil eine Rehabilitierung. Auch seine während des Krieges 1941 entstandene »Leningrader Sinfonie« war von größtem Interesse für die sowjetische Kulturpolitik. Deren Vertreter sahen hierin nicht zuletzt ein Symbol für den heroischen Widerstand gegen den Faschismus, sodass Schostakowitsch gar der Stalinpreis verliehen wurde. Dabei ist die genaue programmatische Deutung bis heute umstritten, erkannten viele hierin doch ebenso eine versteckte Kritik am Stalinismus. Bald nach dem Ende des zweiten Weltkrieges entbrannte erneut eine Diskussion über ideologisch-ästhetischen Richtlinien für moderne sowjetische Musik.

Schostakowitsch und Weinberg zusammen in Moskau

Schostakowitsch und Weinberg zusammen in Moskau

Der Präsident des sowjetischen Komponistenverbandes Tichon Chrennikow und nicht zuletzt Stalins enger Mitarbeiter und oberster »Säuberer« Andrej Schdanow erhoben schwere Vorwürfe, die gegen Komponisten wie Schostakowitsch, Sergej Prokofjew und Aram Chatschaturjan zielten. Diese Kritik war Teil einer weitaus größeren kulturpolitischen Initiative, nach ihrem Ideengeber Andrei Alexandrowitsch Schdanow als »Schdanowschtschina« bezeichnet, welche repressive Maßnahmen gegen Künstler wie Sergej Eisenstein, Michail Soschtenko oder Anna Achmatowa vorsah, für die Schdanow den berühmten Ausdruck »Speichellecker des Westens« prägte. Nach der oben zitierten Erklärung, deren Sarkasmus von den verantwortlichen Funktionären offenbar nicht erkannt wurde, sah Schostakowitsch dennoch davon ab, »problematische« Werke zu veröffentlichen oder gar zur Aufführung zu bringen. Noch nach dem Tode Stalins im Jahr 1953 vermied der Komponist eindeutige stilistische Bekenntnisse, auch wenn der Erlass von 1948 nun widerrufen wurde und den Künstlern wieder mehr Freiheit einräumte, rechnete zugleich jedoch mit dem stalinistischen System in seiner 10. Sinfonie ab. Immer häufiger wandte er sich nun der musikalischen Miniatur zu, hiervon zeugen die in dieser Zeit komponierten Liedzyklen op. 98 und 100 ebenso, wie seine berühmte Musik zu dem Film »Die Hornisse« aus dem Jahre 1955. Zugleich zeigt sich in diesen Kompositionen eine Tendenz zur gefühlsmäßigen Unmittelbarkeit, die Schostakowitsch als erfrischend und sehr wohltuend empfunden haben muss, da sie ihm nicht zuletzt eine Abwechslung zu den politisch beladenen Werken der Jahre zuvor bot. Auch Mieczysław Weinberg, dessen bewegte Lebensgeschichte am 8. Dezember 1919 in Warschau beginnt, hatte mit der repressiven Kulturpolitik des Stalinismus sowie dem aufkommenden Antisemitismus nach Ende des zweiten Weltkrieges zu kämpfen, wie an späterer Stelle noch zu zeigen sein wird.

Als Sohn eines Komponisten und Geigers geboren, erscheint es wenig verwunderlich, dass sich Weinberg früh musikalisch zu bilden begann und so u. a. autodidaktisch das Klavierspiel beibrachte. Mit zwölf Jahren erhält er regelmäßig Unterricht am Warschauer Konservatorium und zählt dort im Bereich des Prima-vista- und Partiturspiels bald sogar zu den Vorzeigeschülern. Zugleich arbeitete er an einem jüdischen Theater, an welchem auch sein Vater engagiert ist, als Pianist und Ensembleleiter. Als besonders prägend sollte sich die Begegnung mit seinem Lehrer am Konservatorium Jozéf Turczyński herausstellen, der zu den bekanntesten Pianisten Polens zählte. Turczyński förderte Weinberg in seinem Bestreben, Klaviervirtuose zu werden und stellte ihn u. a. dem legendären Josef Hofmann vor, der sich von dem Spiel des Jungen begeistert zeigte und ihn einlud, ein Studium an dem von ihn geleiteten Curtis Institute of Music in Philadelphia aufzunehmen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sollte diese Pläne durchkreuzen und sich darüber hinaus weitaus gravierender auf Weinbergs Biografie auswirken bzw. sein Leben für immer verändern. An den Abend des 6. September 1939 erinnert er sich später: »Plötzlich verbreitet der Rundfunk den Befehl: Da der Feind […] sich Warschau nähere, sollten alle Männer die Stadt verlassen. […] Am nächsten Morgen verließ ich Warschau mit meiner kleinen Schwester Richtung Osten. Da ihre Füße in ihren Schuhen wund scheuerten, kehrte sie bald wieder zu Mutter und Vater zurück. Ich aber setzte meinen Weg fort.« Er sollte der Einzige aus seiner Familie sein, der den Krieg überlebte und dem es – wie durch ein Wunder – gelang, die sowjetische Demarkationslinie zu überschreiten und bis nach Minsk durchzuschlagen. In Minsk, wo er fortan den Vornamen »Moisej« trug, begann er ein Studium bei dem Rimsky-Korsakow-Schüler Wassilij Solotarjow. Schon bald machte er abermals durch glänzende pianistischen Fähigkeiten von sich reden.

Viel entscheidender jedoch war, dass er sich nun ernsthaft dem Komponieren zuzuwenden begann. So entstanden in dieser Zeit insgesamt fünf Werke mit Opuszahl, hierunter sein zweites Streichquartett, zwei Liedzyklen, eine Sonate für Klavier und eine Sinfonische Dichtung. Ein weiteres entscheidendes Moment stellte die Entdeckung der Musik Dmitri Schostakowitschs dar, welche er mit der »Entdeckung eines Kontinents« verglich. Kurz nach seinem Abschluss am Konservatorium, wurde Weinberg abermals mit dem Schrecken des in Europa herrschenden Krieges konfrontiert und musste 1941 erneut vor der heranrückenden Deutschen Wehrmacht fliehen. Diesmal hieß sein Ziel Taschkent, die Hauptstadt Usbekistans, wohin viele Einwohner des westlichen Teils der Sowjetunion aus Sicherheitsgründen umgesiedelt wurden. Hier hielt er sich mit einer Anstellung als Korrepetitor an der städtischen Oper über Wasser und komponierte u. a. seine erste Sinfonie op. 10, welche Dmitri Schostakowitsch derartig beeindruckte, dass er sich für eine Aufenthaltsgenehmigung Weinbergs in Moskau stark machte. Wie genau Schostakowitsch auf Weinbergs Musik aufmerksam wurde, ist bis heute umstritten. Sicher ist, dass der Komponist Israel Finkelstein, der zusammen mit Schostakowitsch für einige Zeit die Kompositionsklasse in Leningrad geleitet hatte, und sich nun ebenfalls in Taschkent aufhielt, seinem Kollegen wiederholt von Weinberg berichtete, sodass sich Schostakowitsch eine Partitur von dessen 1. Sinfonie zukommen ließ. Weinberg reiste nach Moskau, um Schostakowitsch seine Sinfonie ein weiteres Mal am Klavier vorzuspielen und vor allem, um den verehrten Meister kennenzulernen. Hieran sollte sich nicht nur eine besondere Lehrer-Schüler-Beziehung, sondern eine lebenslange Freundschaft anschließen.

Schostakowitsch kann als entscheidender Impulsgeber für Weinberg angesehen werden. »Er hat sich als Allesfresser bezeichnet und gesagt, dass er alle gute Musik liebe, welchem Genre sie auch angehöre. Für ihn zählte nur die Qualität«, sagte Weinberg einmal über Schostakowitsch. Hierin lässt sich eine entscheidende Gemeinsamkeit in ihrer Musikanschauung erkennen: Auch Weinbergs Komponieren sollte sich mehr und mehr durch eine stilistische Bandbreite, ein Heranziehen unterschiedlichster Elemente auszeichnen. Ebenso lässt sich in seinen Werken, die er ab 1943 – nunmehr in Moskau lebend – komponierte eine neue Ausdruckstiefe beobachten, wie sie freilich auch den Kompositionen Schostakowitschs zu Eigen ist. Zugleich zeugt insbesondere seine in dieser Zeit entstandene Kammermusik von einer Leichtigkeit sowie einem bemerkenswerten Farbenreichtum.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann der Wiederaufbau, der zu großen Teilen zerstörten Sowjetunion, der als »große völkische Aktion« von der Propaganda zelebriert wurde. Das ideologische Klima verschärfte sich und machte auch vor der Kunst nicht halt. Bald gerieten Komponisten, deren Werke nicht der von der KPdSU vorgegebenen ästhetischen Doktrin folgten, ins Visier von Hetzkampagnen, die in den Februarbeschlüssen des Jahres 1948 gipfelten. Die öffentlichkeitswirksame Kampagne, die im speziellen auf Komponisten wie Schostakowitsch und  Prokofjew zielte, hatte zur Folge, dass die Werke ebenjener Betroffener, zu denen auch Weinberg zählte, kaum mehr zur Aufführung gelangten, da Konzertveranstalter fürchten mussten, öffentlich von der Partei gerügt zu werden. Viel mehr noch betraf Weinberg der aufkommende Antisemitismus in der Nachkriegs-Sowjetunion. Ihren Höhepunkt fanden die von höchster Stelle propagierten antisemitistischen Tendenzen in den sogenannten »stalinistischen Säuberungen«, welche bereits 1948 begannen und in den Jahren 1952/53 ihre größte Ausdehnung erreicht hatte. Im Februar wurde Weinberg aufgrund seiner jüdischen Herkunft verhaftet. Schostakowitsch, der trotz aller eigenen Schwierigkeiten immer noch einen gewissen Einfluss besaß, formulierte umgehend einen Bittbrief an Geheimdienstchef Lavrentij Berija. Doch wurde Weinberg erst nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 aus der Haft entlassen. Aus Dankbarkeit widmete er seine 5. Sonate für Violine und Klavier seinem Freund Dmitri Schostakowitsch, der sich trotz aller Widrigkeiten für ihn eingesetzt hatte.

Ab 1954 schien sich Weinbergs Situation merklich zu verbessern und seine Werke regelmäßig aufgeführt. Auch die 5. Sonate erlebte 1955 ihre Uraufführung. Ab 1960er Jahren zählte er bald zu den wichtigsten Künstlern der UdSSR. Neben seinem umfangreichen sinfonischen und kammermusikalischen Schaffen, komponierte er 7 Opern und eine große Zahl an Liedzyklen, die seine beachtlichen lyrischen Fähigkeiten belegen. Fast 40 Jahre nach dessen Ermordung widmete er die dritte Sonate für Sologeige dem Andenken seines Vaters. In den 1980er Jahren zog er sich zunehmend ins Privatleben zurück. »Was mich betrifft, muss ich sagen, dass mir das Komponieren immer schwerer fällt. […] Mein Freundes- und Bekanntenkreis wird immer kleiner, und zwar mit katastrophaler Geschwindigkeit«. Obwohl ihm 1980 sogar noch der Titel »Volkskünstler der Russischen Republik« verliehen wird, geraten seine Werke mehr und mehr in den Hintergrund der zeitgenössischen sowjetischen Musikkultur. 1990 erfolgt sein letzter öffentlicher Auftritt, bei welchem er den »Staatspreis der UdSSR« erhält. Der Zusammenbruch der Sowjetunion zog für Weinberg eher eine Verschlechterung seiner Situation nach sich. Denn wie viele seiner Kollegen in den Westen umzusiedeln, kam für ihn schon allein aus gesundheitlichen Gründen nicht in Frage. Am 26. Februar 1996 starb Mieczysław Weinberg nach langer Krankheit.

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