Hörtipps »La traviata«

Auf einen Kaffee mit der Dramaturgie - La traviataAuf einen Kaffee mit der Dramaturgie - La traviata

Pünktlich zur Premiere von Verdis Meisterwerk »La traviata« hat Dramaturg Detlef Giese wieder Hörtipps für euch zusammengestellt – viel Spaß beim Lesen!

 Vom Wege abzukommen ist selten angenehm, vom rechten, sprich richtigen, allzumal. Es gibt Momente, da passiert es aber einfach, unverhofft, ungewollt und unbedacht. Früher, im Kindes- und Jugendalter, so erinnere ich mich, gerade in Zeiten des abnehmenden Tageslichtes, war es zuweilen schwierig, auf den eigentlich geplanten und erwünschten Pfaden zu bleiben. Wenn die Schatten der Dämmerung sich über unser kleines, mitunter ein wenig verschlafenes Städtchen legten, sahen die Häuser und Gassen nahezu gleich aus, zum Verwechseln ähnlich – was zu einem nicht geringen Teil indes auch an der uniformen Bauweise der Wohnblocks lag, mit denen im Grunde jeder Ort unserer Gegend im Nordosten ausgestattet war. In diesen Situationen den Überblick zu behalten und mit strategischem Scharfsinn die rechte Entscheidung zu treffen, welche Richtung denn nun zu nehmen sei, um nicht ins Abseits zu geraten, war durchaus eine Herausforderung, denn manchmal ist, aller allzu häufig beschworenen Weltweisheit zum Trotz, der Weg eben doch nicht das Ziel, sondern das besagte Ziel selbst das erstrebenswerte Ding an sich.

Wenn ich mich damals für einen kurzen Augenblick vom Studium von Bachs »Wohltemperiertem Clavier«, Beethovens späten Streichquartetten oder Wagners »Ring des Nibelungen« losreißen konnte, habe ich mich manchmal auf den Weg gemacht: über eine leichte Anhöhe hinweg in ein Neubaugebiet, um, dieses jedoch lediglich als Transit-Terrain nutzend, möglichst rasch auf das freie Feld zu gelangen. Dort herrschte die Natur, je unangefochtener desto weiter man sich von der Sphäre der Zivilisation, die es, entgegen allgemeiner Annahme, auch in der schönen vorpommerschen Ebene gibt, entfernte. Auf dem irgendwann einmal notwendigen Rückzug musste man dann zwangsläufig erneut durch die bereits erwähnte »Platte«, die, nicht selten nur spärlich er- und beleuchtet, die Orientierung spürbar erschwerte. Und so konnte es vorkommen, dass die angepeilten Zielmarken ins Ungefähre verschwammen und der heimische, mit warmem grusinischem Tee lockende Herd erst über Um- und Irrwege erreicht wurde. Wie gesagt, von der rechten, sprich richtigen Bahn abzuweichen, ist nicht unbedingt das, was man Erfüllung nennt.

Es mag durchaus sein, dass mir just in jenen Stunden die »Traviata« in den Sinn gekommen ist, als Gleichnis gewissermaßen. Alexandre Dumas der Jüngere – nicht zu verwechseln mit Alexandre Dumas dem Älteren, dem wir u. a. solch legendäre Klassiker wie die »Drei Musketiere« und den »Graf von Monte Christo« verdanken – hat ihr, der »vom Wege Abgewichenen« eine einprägsame literarische Gestalt gegeben, Giuseppe Verdi verlieh ihr ebenso eindringliche musikalische Konturen. Nur wenige Jahre lagen zwischen der Veröffentlichung von Dumas’ Roman »La dame aux camélias« und Verdis Melodramma in tre atti mit dem Titel »La traviata«, die nach ihrem Uraufführungsfiasko anno 1853 bereits um ein kurzes Weilchen später zu einem Erfolgsstück sondergleichen avancierte. In der Rangliste der weltweit meistgespielten Opernwerke dürfte die »Traviata« jedenfalls ziemlich weit oben angesiedelt sein.

Vor diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass Verdis an melodischen Einfällen und starken Szenen ungemein reiche Musik entsprechend häufig für die Schallplatte (wider besseren Wissens haben wir früher häufig zu den schwarzen, leicht biegsamen und robusten Scheiben, die damals anstelle der eher unsinnlich daherkommenden Silberdiscs in Mode waren, »Schaltplatte« gesagt) aufgezeichnet worden. Alles kann und muss man gewiss nicht kennen, gleichwohl verlohnt die Beschäftigung mit diesem zweifellos herausragenden Werk der Opernliteratur vermittelst von Klangaufnahmen unbedingt. Die hier getroffene Auswahl ist, wie immer, natürlich subjektiv, womöglich hat die geneigte Leserin und der interessierte Leser gänzlich andere Präferenzen.

Lasst uns mit einem der wirklich maßstabsetzenden Verdi-Dirigenten beginnen, mit Arturo Toscanini, dessen Lebenszeit sich mit derjenigen von Maestro Giuseppe immerhin noch um einige Jahrzehnte überschneidet. 1946 hat er mit dem eigens für ihn gegründeten NBC Orchestra in New York die »Traviata« aufgenommen, mit der für ihn typischen elektrisierenden Energie, die Impulse gleichermaßen im Dramatischen wie im Lyrischen aussendet. Mit Licia Albanese, Jan Peerce (seinem bevorzugten Tenor) und Robert Merrill verfügte Arturo zudem über drei hervorragende Protagonisten als Violetta, Alfredo und Giorgio, so dass – wer eben den ein wenig trockenen, sehr direkten Mono-Klang nicht verschmäht – eine eindrucksvolle, akzentstarke Darbietung erleben kann, ähnlich wie es Toscanini auch mit seinen Einspielungen von »Un ballo in maschera«, »Aida«, »Otello« und »Falstaff« gelungen ist.

Jegliche Aufführung von »La traviata«, ob live oder auf dem Tonträger, lebt natürlich von der Gestaltung der Titelpartie, die sich selbst einmal – in ihrer berühmten Szene und Arie »Addio del passato« – als »Traviata«, als die vom Wege Abgekommene, bezeichnet. Maria Callas, die »Primadonna assoluta« hat diese Partie in den 1950er Jahren wie keine Andere geprägt. Ihre unvergleichlichen vokalen wie expressiven Qualitäten sind m. E. am besten in ihrer einzigen Studioaufnahme der »Traviata« zu erfahren, die 1953 mit dem RAI Orchester Turin unter Gabriele Santini produziert worden ist. »La Callas« ist im Zenit ihres Könnens – man höre sich nur einmal die beiden großen Soloszenen im 1. und 3. Akt sowie das Duett mit Germont père im 2. Akt an –, wodurch ein unmittelbar anrührendes Rollenporträt entsteht. Leider agieren ihre musikalischen Partner nicht auf gleicher Höhe, was den Gesamteindruck ein wenig trübt. Mitstreiter ihres Formats hat sie aber in mehreren Live-Mitschnitten, die z. T. an eher ungewöhnlichen Orten wie Mexico City oder Lissabon realisiert wurden. Von Bedeutung sind aber vor allem die akustischen Dokumentationen ihrer Auftritte aus der Mailänder Scala in den mittleren 1950ern, auch aufgrund des exzellenten Dirigenten Carlo Maria Giulini und Sänger wie Giuseppe di Stefano und Ettore Bastianini, die nicht von ungefähr zu den führenden Rollenvertretern ihrer Zeit für Sohn und Vater Germont zählen.

Die »offizielle« Studioproduktion der Scala aus den Fünfzigern, als die LP ihren Siegeszug antrat, bringt jedoch nicht Maria Callas, ist dafür aber mit Antonietta Stella, Giuseppe di Stefano und Tito Gobbi glänzend besetzt (und in der Tat auch absolut hörenswert), zumal mit Tullio Serafin ein wahrer Kenner und Könner im Bereich der italienischen Oper die musikalische Leitung innehatte. Während diese Aufnahme naturgemäß noch in Mono daherkommt, besitzt die Nachfolgeproduktion von 1962 bereits einen Stereoklang und bietet zudem mit der jungen Renata Scotto eine der sicherlich besten Interpretinnen der Violetta auf, die das Fragile dieser Figur mit großer Sensibilität glaubhaft macht. Die formidablen Gianni Raimondi und Ettore Bastianini sowie ein stimmiges Ensemble unter Antonino Votto haben dabei ihren Beitrag zu einer insgesamt sehr guten Aufnahme geleistet.

Im selben Jahr wurde mit dem Orchester des Maggio Musicale Florenz unter Sir John Pritchard eine »Traviata«-Version aufgezeichnet, bei der die australische Primadonna Joan Sutherland eindrucksvoll aufzeichnet, wie stimmschön und gleichzeitig ausdrucksstark man diese Partie gestalten kann. An ihrer Seite sorgen der als Verdi-Tenor zu Recht gerühmte Carlo Bergonzi und der Amerikaner Robert Merrill in ähnlicher Weise für Wohlklang – rein gesanglich ist dies gewiss eine der weit oben stehenden Aufnahmen des Katalogs, weniger im Sinne von dramatischen Zuspitzungen und den »Ecken und Kanten«, die in der »Traviata«-Partitur ja durchaus auch zu finden sind.

Aus den Sixties ist dann ein Live-Mitschnitt aus München erwähnenswert, dirigiert in der Bayerischen Staatsoper von Giuseppe Patané mit Teresa Stratas, Fritz Wunderlich und Hermann Prey in den Hauptpartien. Kurz vor seinem tragischen frühen Tod demonstriert das Tenorwunder Wunderlich seine singulären sängerischen Fähigkeiten. 1966 folgte eine mit Montserrat Caballé, Carlo Bergonzi und Sherill Milnes exzellent besetzte Studioaufnahme mit dem französischen Dirigenten Georges Prêtre, der etliche Male mit Maria Callas zusammengearbeitet hat. Einen besseren Alfredo als Bergonzi kann man sich kaum vorstellen, so agil verkörpert er stimmlich diese Figur zwischen Hoffen und Bangen, Überschwang und Outrage. Und die Caballé ist zu ihren Glanzzeiten – und inmitten dieser entstand auch diese Produktion – ohnehin ein Phänomen für sich.

Das darauffolgende Jahrzehnt brachte die jeweils zweiten »Traviata«-Aufnahmen mit Joan Sutherland (mit Luciano Pavarotti als einem mit viel tenoralem Schmelz gesegnetem Alfredo an ihrer Seite), sowie mit Renata Scotto und den perfekten Stilisten Alfredo Kraus und Renato Bruson, mit großem Verve dirigiert von Riccardo Muti am Pult des Londoner Philharmonia Orchestra. Bemerkenswert in jedem Falle auch die berührende Rollengestaltung der wunderbaren Mirella Freni, die in einer Aufnahme von 1973 unter Lamberto Gardelli und der Staatskapelle Berlin (!) zeigt, dass sie den Vergleich mit den führenden Violetta-Interpretinnen ihrer Zeit keineswegs zu scheuen braucht. Berühmt geworden ist aber vor allem die Studioaufnahme mit Carlos Kleiber als Dirigent von 1977 mit den Kräften der Bayerischen Staatsoper München. Dass nicht allein die Sängerinnen und Sänger einer »Traviata« ihren Stempel aufdrücken können, sondern auch ein Dirigent, wird hier deutlich. Allein wie Kleiber die gleichsam schwerelosen, mit subtilen Klängen aufwartenden Vorspiele zu den Akten I und III wie aus dem Nichts erstehen lässt, ist von nachhaltiger Wirkung, ebenso die pointiert gesetzten dramatischen Akzente. Zudem halten Ileana Cotrubas, Plácido Domingo und Sherill Milnes das hohe Niveau, das hier von den ersten Takten an spürbar ist.

Bei den Aufnahmen neueren Datums möchte ich lediglich auf drei verweisen. 1994 spielte Sir Georg Solti mit Chor und Orchester des Royal Opera House Covent Garden, das er für mehr als ein Jahrzehnt sehr erfolgreich leitete, eine »Traviata« mit Angela Gheorghiu, Frank Lopardo und Leo Nucci ein, die zur Initialzündung für die glänzende Karriere der rumänischen Sopranistin geworden ist. Ebenso stimmlich beweglich, aber deutlich schlanker im Klang präsentiert sich Edita Gruberova als Violetta gemeinsam mit Neill Shicoff und Giorgio Zancanaro und dem London Symphony Orchestra 1992 unter Carlo Rizzi. Derselbe Dirigent leitete auch die »Traviata«-Aufführungen 2005 bei den Salzburger Festspielen, die mit Anna Netrebko und Rolando Villazón ein neues »Traumpaar« der Oper aufsteigen ließen. Als CD wie als DVD kann man das lauschend wie schauend bestaunen, vielleicht dereinst auch – ganz anachronistisch – als »Schaltplatte«. Und ins Theater gehört die »Traviata« ja ohnehin, zum Hören und zum Sehen.

Damit man nicht vom rechten Wege abkommt, wie es zuweilen ja ganz unwillkürlich geschieht, ebenso einfach wie plötzlich.

Detlef Giese

 

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