»Ich kann alle nur ermuntern, neugierig zu sein.«

René Jacobs in seinem Pariser Heim beim Partiturstudium: Versenkung und Inspiration

René Jacobs im Gespräch mit Dramaturg Detlef Giese über die Musik Agostino Steffanis und die Wiederentdeckung von »Amor vien dal destino«.

Die Person und die Musik Agostino Steffanis scheinen gerade wieder stärker in den Fokus zu rücken – eine wachsende Zahl von Opernproduktionen und Tonaufnahmen ist ja immer ein Indikator dafür. Du, lieber René, hast Dich aber schon vor längerer Zeit mit Steffani beschäftigt, nicht wahr?
Ja, das ist richtig. In meinem »ersten Leben« als Sänger habe ich gemeinsam mit der wunderbaren, vor einigen Jahren leider verstorbenen amerikanischen Sopranistin Judith Nelson eine Reihe von Steffanis Kammerduetten gesungen. In den 1970er Jahren war das. Wir sind mit diesem Programm dann sogar auf Tournee gegangen, zusammen mit unseren Begleitern Konrad Junghänel an der Laute und William Christie am Cembalo. Das war eine sehr schöne Erfahrung, da Steffanis Musik, die zu seinen Lebzeiten über ganz Europa verbreitet war, ohne Zweifel über große Qualitäten verfügt.

Wie seid ihr denn auf diese Kompositionen gestoßen?
Es gibt eine alte, von dem seinerzeit prominenten Musikwissenschaftler Hugo Riemann edierte Ausgabe ausgewählter Werke Steffanis, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Rahmen der »Denkmäler der Tonkunst in Bayern« erschienen ist, da unser Komponist ja einige Zeit in München gelebt hat. Außerdem bin ich über Prof. Gerhard Croll, der in Salzburg mit dem Mammutunternehmen der Gluck-Gesamtausgabe beschäftigt ist, auf Steffanis Oper »Niobe« aufmerksam geworden, die inzwischen zu den bekanntesten seiner Werke zählt und ab und an auch auf der Bühne zu sehen ist. Trotzdem muss man konstatieren, dass Steffani leider viel zu selten gespielt wird, obwohl nicht wenige seiner Stücke noch im 19. Jahrhundert regelmäßig im Gesangsunterrichtet verwendet worden sind.

Steffani ist ja rund eine Generation älter als Händel. Wodurch, auch im Vergleich zu dem Großmeister aus Halle, zeichnet sich seine Musik aus?
Erstaunlich ist, wie viel Händel offenbar Steffani verdankt. Die beiden waren ja am Hof in Hannover kurzzeitig direkt miteinander in Kontakt gekommen – und man kann davon ausgehen, dass der Jüngere die Werke des Älteren ausgiebig studiert hat. Bei Steffani fällt aber auf, dass er im Grunde noch ein Komponist des 17. Jahrhunderts ist, spürbar beeinflusst von Monteverdi, Cavalli und anderen bekannten Opernmeistern der Zeit. Insbesondere an den Rezitativen wird dies deutlich, die bei Steffani sehr abwechslungsreich ausgestaltet sind, überhaupt nicht stereotyp und trocken, sondern mit vielen rhythmischen und harmonischen Finessen, bis hin zu regelrecht dissonanten, sehr expressiven Zusammenklängen. Zudem greift die Musik immer wieder ins Ariose aus, mit weitgeschwungenen Melodiebögen und virtuosen Ornamenten, die sängerisch durchaus anspruchsvoll sind. Bei den Arien selbst verzichtet er dafür aber häufig auf die später gleichsam obligatorische Da-capo-Form, wodurch sie den Charakter von relativ kurzen, prägnanten Affektäußerungen bekommen.

Und dann zeigt sich ja immer wieder, dass Steffani, obwohl er aus dem Veneto stammt, ein wahrhaft internationaler Komponist war.
Ganz genau. Dass er die Blasinstrumente ganz eigenständig einsetzt, verdankt er wohl seiner »deutschen« Prägung. Darüber hinaus komponiert er im Vergleich zu seinen italienischen Zeitgenossen sehr viel kontrapunktischer, was sicher auch seinem langen Aufenthalt nördlich der Alpen geschuldet ist. Schließlich besaß er eine besondere Vorliebe für französische Tanzmusik, es lassen sich jedenfalls viele derartige Stücke in seinen Opern finden.

Wie kam es eigentlich dazu, gerade »Amor vien dal destino« für eine Aufführung im Schiller Theater auszuwählen?
In Gesprächen mit den Kollegen der Staatsoper, mit dem Intendanten und dem Dramaturgen, tauchte irgendwann einmal die Idee auf, einmal ein Stück von Steffani, mit dessen Musik ich wie gesagt schon vor Jahrzehnten in Berührung gekommen bin, auf die Bühne zu bringen. Prof. Colin Timms von der Birmingham University, der wohl beste Steffani-Kenner derzeit, habe ich daraufhin um Vorschläge gebeten, welche seiner Opern besonders lohnend wären. Gerne sollte es auch ein unbekanntes Stück sein – und so fiel die Wahl auf »Amor vien dal destino«. Steffani hat diese Geschichte nach Motiven aus Vergils »Aeneis« bereits in 1690er Jahren in Hannover komponiert, aber erst 1709 in Düsseldorf zur Aufführung gebracht. Seither, also seit mehr als 300 Jahren, dürfte diese Oper, deren Libretto und Musik in der Tat hervorragend sind, nicht mehr szenisch gezeigt worden sein.

René Jacobs mit der Cembalistin Wiebke Weidanz, die ihm auch bei »Amor vien dal destino« assistiert

René Jacobs mit der Cembalistin Wiebke Weidanz, die ihm auch bei »Amor vien dal destino« assistiert

Eine wirklich »Ausgrabung« also. Wie gestaltete sich denn der Prozess von der Idee bis hin zur fertig eingerichteten Partitur?
Colin Timms hat zunächst aus dem autographen Manuskript sowie einer zeitgenössischen Kopie, die in der Royal Music Collection der British Library London aufbewahrt werden, eine moderne Edition im Computersatz erstellt. Dieses Notenmaterial habe ich wiederum einer musikalischen Bearbeitung unterzogen, u. a. mit Verzierungen im Stil des späten 17. Jahrhunderts und einer durchgehenden Bezifferung des Basso continuo, um das vom Komponisten gegebene harmonische Gerüst entsprechend »aufzufüllen«. Wir wollen ja mit einer möglichst farbigen Continuo-Besetzung agieren, mit mehreren Tasteninstrumenten, mit Laute, Harfe sowie Gamben, Violoncello und Kontrabass. Außerdem haben wir – immer in Abstimmung mit dem Regisseur Ingo Kerkhof – eine Reihe von Kürzungen vorgenommen, um das dreiaktige Stück in zwei Teilen mit nur einer Pause spielen zu können. »Amor vien dal destino« ist zwar beileibe keine kurze Oper (sie verfügt über mehr als 100 Einzelnummern), besitzt aber auch keine Überlänge.

Hast Du inzwischen besondere Sympathien für eine Rolle oder bestimmten Arien aus »Amor vien dal destino« gewonnen?
Mit einer Arie bin ich ja schon sehr lange vertraut, da sie in dem erwähnten Riemann-Band enthalten war. Es ist dies die Auftrittsarie, in der die weibliche Hauptgestalt Lavinia (die entgegen der Konvention mit einem tiefen Alt besetzt ist, obwohl es sich in der Oper um eine junge Frau handelt) sehr anrührend zur Begleitung einer Laute den sanften Wind und das Rauschen eines Baches besingt, im Grunde aber nur Kummer fühlt. Die Duette von Lavinia mit ihrer Schwester Giuturna, die einem hohen Sopran anvertraut ist, sind ebenso reizvoll, da sich hier schöne klangliche Kontraste ergeben. Darüber hinaus gibt es auch eine eindrucksvolle Traumszene von deren Vater Latino mit dem Vorfahren Fauno, bei der vier Chalumeaux in Kombination mit Fagotten eingesetzt werden – das wird bestimmt von besonderer Wirkung sein. Und dann sind noch die beiden Gegenspieler Enea (ein Tenorheld) und Turno (ein sehr virtuos geführter Sopran) wichtig: Auch sie haben ein gemeinsames Duett – und in einer Szene kämpfen sie sogar gegeneinander, ganz so wie es im Mythos überliefert ist.

Wenn Du eine Prognose wagen möchtest: Wird die Beschäftigung mit Steffanis Werken eine Modeerscheinung bleiben oder entwickelt sich aus dem gegenwärtig spürbaren Interesse womöglich eine regelrechte Renaissance seiner Musik?
Natürlich hoffe ich darauf, dass von all diesen Aktivitäten – und auch von unserer Aufführung im Schiller Theater, auf die ich mich schon freue – etwas ausgehen wird. Man sollte ohnehin den Mut haben, nicht nur Händel (dessen Bedeutung und exzellente Qualität völlig außer Frage steht) zu spielen, sondern eben auch Alessandro Scarlatti, Reinhard Keiser, Georg Philipp Telemann, Francesco Conti und andere. Steffani gehört für mich unbedingt in diese Reihe hinein. Wir werden es hören und sehen können, was für ein außergewöhnlicher Komponist er doch war und dass es sich in jedem Falle lohnt, sich seinen Werken, seinen Opern gleichermaßen wie seinen Kammerduetten und seiner Kirchenmusik, zu widmen. Ich kann da alle nur ermuntern, neugierig zu sein.

Ein Kommentar

  • Thomas Knoll
    schrieb am 21.04.2016 um 22:01 Uhr.

    Ich finde es prima, dass der von mir sehr geschätzte René Jacobs in der Staatsoper einen Steffani auf die Bühne und zu Gehör bringt. Ich freue mich schon auf den 4.5.
    Schön wäre es auch, wenn Herr Jacobs und das Ensemble im Anschluß eine Aufnahme produzieren könnten.

    Viele Grüße
    Thomas Knoll

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