Lesetipps für die Ferien

Auf einen Kaffee mit der Dramaturgie - Schöne Ferien!

Damit die Theaterferien ohne Opernprogramm und Blog-Lesestoff nicht zu lang werden, haben wir unsere Dramaturgen Dr. Detlef Giese und Roman Reeger gebeten, uns zu verraten, was sie zum Lesen mit in den Urlaub nehmen. Vielleicht ist ja auch etwas für euch dabei! ;)

Detlef Giese

DER KLASSIKER
Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus, Neuausgabe Frankfurt a. M. 2009.

Ereignisse belieben ihre Schatten voraus zu werfen. So auch im Falle der neuen Saison: Ende September steht mit Karl Amadeus Hartmanns Kammeroper Des Simplicius Simplicissimus Jugend die erste Premiere in der Werkstatt an. Zur Einstimmung und Vorbereitung werde ich mir deshalb über den Sommer ein Buch zur Hand nehmen, das als ausgesprochener Klassiker gilt, das man sich jedoch kaum einmal gezielt vornimmt, es komplett zu lesen. Grimmelshausens dickleibiger Roman aus dem mittleren 17. Jahrhundert ist vieles zugleich: Abenteuergeschichte, Schelmenerzählung, Lehrstück. Praller Humor steht neben tiefernsten Reflexionen, Skurril-Bizarres neben Schauer und Schrecken. Die Übertragung in ein heutiges Deutsch ermöglicht eine unmittelbare, durch keine sprachlichen Verschnörkelungen verstellte Begegnung mit einem epochalen Werk.

 

EIN ROMAN ZU UNSERER GESCHICHTE
Siegfried Kracauer: Ginster, Neuausgabe Berlin 2013.

Dass der glänzende Feuilletonist Siegfried Kracauer auch Romanautor war, ist nicht unbedingt bekannt. 1928 schrieb er mit Ginster einen Text, der auf den Ausbruch des 1. Weltkriegs Bezug nimmt. Es ist die Geschichte eines Kriegsverweigerers, der weder im Feld noch an der Heimatfront so recht weiß, was die Geschehnisse um ihn herum bedeuten und was sie überhaupt sollen. Ginster, die Titelgestalt, irrlichtert durch seine Zeit – Kracauer hat ihm gleichsam chaplinhafte Züge verliehen, wodurch das Außenseiterhafte dieser Figur, der trotzdem hellsichtig zu denken, zu reden und zu handeln weiß, noch unterstrichen wird.

 

ETWAS FÜR DIE ALLGEMEINBILDUNG
Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens, München 2013.

Die Bücher von Rüdiger Safranski sind ein Muss für mich. Ob über E.T.A. Hoffmann, über Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger oder das Phänomen der Romantik – alles das liest man mit viel Gewinn, weil es der Autor versteht, auch komplexe Dinge und Zusammenhänge klar und mit großem sprachlichen Geschick präzise auf den Punkt zu bringen und dabei weite Horizonte zu erschließen. Nach dem Buch Schiller oder die Erfindung des deutschen Idealismus, das ich – wie passend – im Sommer 2010, vor dem Umzug der Staatsoper ins Schiller Theater gelesen habe, und nach der Geschichte über die so vielschichtige Goethe-Schiller-Freundschaft von steht nun eine weitere Biographie Safranskis an: diejenige über Goethe. »Kunstwerk des Lebens« lautet der Untertitel – und da bin ich mal gespannt, welche Facetten dieser ja in der Tat außergewöhnlichen Person nun wie beleuchtet werden.

 

ETWAS FÜR ZWISCHENDURCH UND ÜBERALL
Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte, Frankfurt a. M. 2005.

Die Dramaturgen Detlef Giese und Roman Reeger im Gespräch

Detlef Giese und Roman Reeger beim Kaffee im Hof

Eigentlich sollte man ein Büchlein mit Heine-Gedichten immer bei sich tragen. So stereotyp die vierzeiligen Strophen äußerlich auch wirken mögen, so reichhaltig ist die Gedankenwelt, die in ihnen sprachliche Gestalt gewinnt. Die Ausgabe des Insel-Verlags im erfreulich kleinen, in jegliche Tasche passenden Format, versammelt alle Gedichte Heines in chronologischer Folge, so dass man einen Eindruck von seiner Entwicklung als Dichter erhält. Ironische Brüche und süßlich-bittere Töne wechseln mit absolut authentisch wirkenden Kundgaben des lyrischen Ich, die unmittelbar ansprechen und berühren – Poesie in ihrer besten Art, für den erfüllten Augenblick und darüber hinaus.

 

 

Roman Reeger

ETWAS HISTORISCHES
Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. Die Biografie, Frankfurt a.M. 2011.

Ach, wär’ das schön… Seit einigen Jahren möchte ich diesen Ort bereisen. »Die Geschichte Jerusalems ist die Geschichte der Welt« schreibt der Historiker Simon Sebag Montefiore im Vorwort seiner großen Biografie zu dieser 3000 Jahre alten, damals wie heute umkämpften Stadt, für dessen weltgeschichtliche und religiöse Bedeutung wohl kaum vergleichbare Beispiele existieren. Ich bin gespannt, wie Montefiore die umfangreiche Geschichte Jerusalems erzählen wird und welche neuen Erkenntnisse er gewonnen hat.

 

ETWAS SCHAURIGES
Henry James: Gebrochene Schwingen (Erzählungen), Leipzig 1982.

Bis heute wird Henry James, der in angelsächsischen Gefilden zu den bedeutendsten Autoren gehört, hierzulande unterschätzt. 1843 in New York geboren – später wurde er englischer Staatsbürger – vollzieht sich in seiner Biografie eben jener Bruch der Epochen, den er selbst in seinen Romanen, Erzählungen und Theaterstücken zum Thema werden lies. Immer wieder rückte er Frauenfiguren ins Zentrum der Handlung, deren psychologische Entwicklung er vielschichtig und detailreich zeichnete. Die suggestive Wirkung seiner Geschichten ergibt sich aus der für die damalige Zeit revolutionären introspektiven Erzählweise, durch welche für den Leser alle seelischen Zweifel und Facetten der Figuren unmittelbar erfahrbar werden und dieser häufig selbst vor die Frage gestellt wird, ob es sich um Realität oder Einbildung handelt. Als berühmtestes Beispiel dürfte hierfür die Erzählung The Turn of the Screw dienen, welche Benjamin Britten 18-jährig in einer Radioadaption hörte. In seinem Tagebuch nannte er diese »ein wundervolles, eindrucksvolles, jedoch zugleich sehr unheimliches und gruseliges Stück« und inspirierte ihn später zu einem seiner wichtigsten Musiktheaterwerke. Zur Einstimmung auf die Premiere von Brittens The Turn of the Screw im Herbst werde auch ich mich in diesem Sommer in den Kosmos von Henry James begeben.

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