Notizen zu »Mario und der Zauberer«

Mario und der Zauberer

Am 9. April feiert Stephen Olivers »Mario und der Zauberer« nach der gleichnamigen Novelle von Thomas Mann auf der Werkstattbühne des Schiller Theaters Premiere und ist damit erstmals in Berlin zu erleben. Unter der musikalischen Leitung von Felix Krieger spielen und singen Mitglieder der Staatskapelle Berlin, David Oštrek und Elsa Dreisig, beide Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Unter den Linden, Lena Haselmann, Matthias Siddhartha Otto, Magnús Hallur Jónsson , Martin Gerke und Jakob Becker als Mario sowie unser Jugendchor, bei dem 22 Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren mitwirken.

Regie führt Aniara Amos, Tänzerin, Mitbegründerin des Freyer Ensembles und seit vielen Jahren Opernregisseurin, die bei uns zuletzt 2013 die Werkstattproduktion von Kurt Weills und Reiner Bredemeyers »Der Jasager | Der Neinsager« inszeniert hat. Sie hat ihre Gedanken zum Stück notiert.

Thomas Mann hat mit dieser Novelle die Macht vorausgeahnt, die im Zerfall kollektiver und individueller Toleranz, vom unlauteren Reagieren des »Angstbürgers« ausgehend, steckt. Vor nicht allzu langer Zeit hat dieser Nährboden Europa in den Faschismus und in den Untergang unserer Gesellschaft geführt. Heute spüre ich dieselbe Energie. Ein Gespenst geht um in Europa. Der Boden für Manipulation und Fremdbestimmung ist geebnet. Jetzt darf sich der so genannte »zivilisierte Mensch« entscheiden, ob er diese Bezeichnung zu Recht tragen darf.

Ich weigere mich, an eine kollektive Hypnose zu glauben, denn zum Manipulieren gehören immer zwei Parteien.

Opfer und Täter sind hier zwei Seiten ein und derselben Medaille. Dort wo Gesellschaft nichts anderes als Stillstand bedeuten will, hat ein »großer Zauberer« stets die Macht über uns. Als zerrissene Figur ist Manns Zauberer gefangen in dem Wissen um die Fehlbarkeit des Menschen, hat dieses Wissen mit dem „Magier“ Jesus gemein. Doch wo Jesus Verfehlungen mit übermenschlicher Liebe und Achtsamkeit begegnet – uns seit über 2000 Jahren eine Botschaft sendet, die zu verstehen wir uns weigern – bleibt Cipolla selbst Mensch, sich selbst und alle hassend, die ihre Eigenverantwortung abgeben. Er ist nicht gekommen zu vergeben, sondern zu verführen, das Dämonische, das uns allen innewohnt, anzusehen und uns auf unsere Hässlichkeit einzulassen. Denn nichts anderes sind wir. Fratzen. Hämische Masken, die sich das Deckmäntelchen der Toleranz nur solange umhängen, wie der Schein es verlangt. Es wird Zeit, uns in unserer Hässlichkeit endlich zu begegnen, sie anzunehmen und damit endlich zu verändern.

Cipolla ist dazu verdammt, zu sehen, wo wir fehlbar sind. Dafür hassen wir ihn, dafür muss er sterben. Doch wo wir Manipulation zulassen, sind wir keine Opfer, sondern gleichwohl Täter. Dort wo wir die Eigenverantwortung anderen überlassen, ist jegliche Form von Selbstentmündigung zugleich eine Aufforderung, sich unserer Freiheit missbrauchend zu bedienen. Hier nützt es nichts, sich hinter der Masse zu verbergen. Am Ende, wenn es zu spät ist, sind wir alle Täter, tragen wir alle die Schuld.

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