Oper und Konzert, Strauss und Haydn

Ehrendirigent Zubin Mehta kommt zur Staatskapelle Berlin – Ein Text von Chefdramaturg Detlef Giese über die langjährige musikalische Zusammenarbeit

»Mit Demut und großer Herzlichkeit« hat er die Auszeichnung angenommen. Dabei ist es selbstredend höchst ehrenvoll, zum Ehrendirigenten eines traditionsreichen und künstlerisch renommierten Orchesters ernannt zu werden. Am 10. Februar 2014, nach einem Konzert in der Philharmonie, bei dem die Staatskapelle Berlin zunächst Olivier Messiaens eindrucksvoll-klangmächtiges und dabei doch so sensibel ausgestaltetes Orchesterstück Et exspecto resurrectionem mortuorum und danach Johannes Brahms’ hoch anspruchsvolles 2. Klavierkonzert mit Daniel Barenboim als Solist gespielt hatte, nahm Zubin Mehta die eigens angefertigte Urkunde entgegen — natürlich unter großem Beifall auf dem Podium und im Saal. Ein großer Konzertabend sah am Ende viele glückliche Gesichter.
Erst zwei Mal zuvor haben die Musikerinnen und Musiker der Staatskapelle den Titel eines Ehrendirigenten verliehen. Nach dem langjährigen Generalmusikdirektor Otmar Suitner, der über ein Vierteljahrhundert, von 1964 bis 1990, an der Spitze des Orchesters stand, es durch schwierige Zeiten führte und es international wieder prominent zu positionieren wusste, war es Pierre Boulez, der solcherart ausgezeichnet wurde. Mit Boulez hat die Staatskapelle vor allem inspirierende Entdeckungsreisen auf den »Kontinent Mahler« unternommen, aber auch zu Liszt und Wagner, Schönberg und Webern und nicht zuletzt zu seinen eigenen Werken, von 1993 bis zu seinem letzten Auftritt mit dem Orchester 2011.
Zubin Mehta, wie Boulez ein enger Freund und Weggefährte Daniel Barenboims seit vielen Jahren, ist nun der Dritte in dieser illustren Reihe. Seit mehr als 20 Jahren dirigiert er regelmäßig die Staatskapelle, sowohl in der Oper als auch im Konzert. So wie das Orchester in beiden Sphären gleichermaßen zu Hause ist, so selbstverständlich ist es auch Maestro Mehta: 1995 und 1997 hat er die Premieren von Verdis Aida und Webers Freischütz geleitet, mit Johann Strauß’ Fledermaus 2009 sogar eine Operette. Dazu gab es eine ganze Reihe von sinfonischen Programmen. Klassisches und Romantisches hat er ebenso dirigiert wie Modernes und Zeitgenössisches: Das Spektrum reichte dabei von Mozart und Beethoven über Brahms, Dvořák, Tschaikowsky und Mahler bis zu Igor Strawinsky, Anton Webern und Elliott Carter.

»Das spezifische Gemenge in Mehtas Künstlertum dürfte es sein, das fasziniert: asiatische Spiritualität, natürliche Musikalität, noble europäische Schulung mit Wiener Akzent, italienische Leichtigkeit und eine amerikanische Zwanglosigkeit, wenn es gilt, unverkrampft mit Menschen, Orchestern und den Medien umzugehen.«

(aus: Wolfgang Schreiber: Große Dirigenten, München 2005.)

Wiederholt hat sich Zubin Mehta auch für die sprichwörtlich »guten Sachen« engagiert. Zum einen für die Nachwuchsförderung, in Gestalt einer Konzertmatinee im Schiller Theater, bei der er Mitglieder der Orchesterakademie der Staatskapelle dirigierte, u. a. mit Mozarts Kleiner Nachtmusik, Wagners Siegfried-Idyll sowie Weberns zwölftönigem Konzert für neun Instrumente. Zum anderen scheinen Benefizkonzerte mit der Staatskapelle beinahe so etwas wie eine Spezialität von ihm zu sein, gab es doch bereits fünf von ihnen. Den Beginn machte 2011 ein Beethoven-Abend, um Erdbebenopfern in Indien zu helfen. Zwei Mal, 2007 und 2012, trat er zugunsten des Musikkindergartens auf, den Daniel Barenboim und Musiker der Staatskapelle 2005 ins Leben gerufen haben. Darüber hinaus konnte Zubin Mehta gewonnen werden, das erste »Klimakonzert« zu dirigieren, das in den Händen der von Mitgliedern der Staatskapelle gegründeten Stiftung NaturTon [die wiederum Teil der Initiative »Orchester des Wandels« ist] lag. Neben Musik von Beethoven erklang dabei auch ein Werk eines zeitgenössischen indischen Komponisten, The Divine Song von Naresh Sohal. Gleich auf mehreren Ebenen also wurden symbolisch Verbindungen befestigt: Ein aus Indien stammender Dirigent, der seit Jahrzehnten als Weltbürger auf mehreren Kontinenten zu Hause ist und durch seine Kunst Millionen von Musikliebhabern begeistert, widmet sich indischer Musik mit einem genuin indischen Thema — in The Divine Song hat Naresh Sohal Texte aus der Bhagavad Gita, der zentralen Schrift des Hinduismus, vertont —, all das zugunsten eines verdienstvollen Umweltprojekts in Indien, einem Waldschutzprogramm des World Wildlife Fund [WWF] in Sikkim und Arunachal Pradesh. Dass es Zubin Mehta selbst war, der im Anschluss an das Konzert im Gläsernen Foyer des Schiller Theaters den Scheck mit einer größeren Spendensumme an die Vertreter der Umweltorganisation übergab, spricht für sich.

Freunde sollt ihr sein: Daniel Barenboim, Zubin Mehta und die Staatskapelle Berlin beim Geburtstagskonzert im Januar 2016 in der Philharmonie Berlin

Eine andere Spezialität scheinen Geburtstagskonzerte zu sein, zu denen Zubin Mehta eingeladen wird. Zum 70. seines guten Freundes Daniel Barenboim — beide kennen sich mittlerweile seit rund sechs Jahrzehnten — musizierten sie gemeinsam mit der Staatskapelle in der Philharmonie. Ein denkwürdiger Abend war dieser 15. November 2012, standen doch gleich drei Klavierkonzerte auf dem Programm: Beethovens Nr. 3, Tschaikowskys Nr. 1 und Carters Dialogues II in der deutschen Erstaufführung, mithin Musik aus Klassik, Romantik und der unmittelbaren Gegenwart. Im Vorfeld von Zubin Mehtas eigenem runden Geburtstag — am 29. April 2016 wurde er sage und schreibe 80 Jahre alt — war es dann die gleiche Konstellation: Daniel Barenboim spielte das Schumann’sche Klavierkonzert unter Mehtas Dirigat, nach der Pause folgte dann Mahlers 1. Sinfonie in der selten zu hörenden fünfsätzigen Urversion. Einen besonderen Charakter bekam dieses Konzert am 13. Januar 2016 durch einen recht spontan hinzugefügten Programmpunkt: Zum Gedenken an den wenige Tage zuvor verstorbenen Pierre Boulez, als Ehrendirigent der Staatskapelle gleichsam ein direkter »Kollege« Zubin Mehtas, erklang dessen Notation III für Orchester als Hommage an den großen französischen Komponisten und Dirigenten. Drei außergewöhnliche Künstlergestalten, die alle eng mit der Staatskapelle Berlin verbunden waren und sind, schienen an diesem Abend in der Philharmonie durch ein unsichtbares Band miteinander verknüpft zu sein.
Kontinuität zeichnet ihn aus, desgleichen eine große kommunikative Gabe, die ein Gemeinschaftsgefühl schafft und eine inspirierende Atmosphäre entstehen lässt, in der die buchstäblich »große Kunst« gedeihen kann. Nicht umsonst sind Zubin Mehtas Engagements zumeist längerfristiger Natur. Das Israel Philharmonic Orchestra dirigiert er seit beinahe einem halben Jahrhundert — mehr als 3.000 Konzerte auf fünf Kontinenten haben Dirigent und Orchester mittlerweile absolviert. Mehr als drei Jahrzehnte ist er dem Maggio Musicale Fiorentino verbunden, zudem amtierte er bei den Philharmonischen Orchestern von New York und Los Angeles so lange wie kein anderer Chefdirigent vor ihm. Und natürlich ist er auch bei den Wiener und den Berliner Philharmoniker regelmäßig zu Gast, seit vielen Jahren schon — ein Ende dieser Aktivitäten ist dabei ebensowenig in Sicht wie bei seinen Projekten mit der Staatskapelle Berlin, in näherer wie in fernerer Zukunft.

»Wir haben gesagt: ›… Maestro Mehta, die Berliner Staatskapelle wartet auf Sie. Wir wünschen uns wenigstens einen Monat Anwesenheit bei uns, um ein Opernprojekt und ein Konzert mit Ihnen spielen zu können!‹ Er sagte: ›Meine Herren, ich liebe Ihr Orchester, aber sagen Sie mir bitte, wie ich das organisieren soll!‹ Jedenfalls hat er uns zugesagt, nach seiner Zeit als Chef der Münchner Staatsoper regelmäßig zu uns zu kommen. Und wir sind sehr froh und dankbar, dass er dieses Versprechen eingelöst hat!«

(Matthias Glander, Solo-Klarinettist und Künstlerischer Beirat der Staatskapelle Berlin)

Die so fruchtbare, organisch gewachsene Zusammenarbeit der Staatskapelle mit ihrem Ehrendirigenten geht nun in eine neue Runde, und zwar gleich in doppelter Hinsicht: Gemeinsam begeben sie sich in das Reich der Oper wie auf das Feld des Konzerts, in das frühe 20.und späte 18. Jahrhundert. Zu den österlichen FESTTAGEN 2017 bringt Zubin Mehta im Schiller Theater gemeinsam mit dem Regisseur Claus Guth, einer exzellenten Sängerriege sowie natürlich mit der Staatskapelle und dem Staatsopernchor Richard Strauss’ monumentales Opus Die Frau ohne Schatten auf die Bühne des Schiller Theaters. Damit ist er der erste Dirigent in der mehr als 20-jährigen Geschichte der FESTTAGE, dem Daniel Barenboim eine Musiktheaterpremiere anvertraut. Nach der Salome in der vielbeachteten Inszenierung von Harry Kupfer, die Zubin Mehta bei zwei Aufführungsserien 1995 und 2014 im Haus Unter den Linden sowie im Schiller Theater dirigiert hatte, steht nun ein neues Werk aus der Feder des ingeniösen »Klangzauberers« Strauss an, in wahrhaft riesigen Dimensionen und mit immenser orchestraler Opulenz.
Vier Wochen vor der mit Spannung erwarteten Premiere beehrt der Ehrendirigent der Staatskapelle das Berliner Publikum mit einem chorsinfonischen Konzert. Ausgewählt hat er sich einen »Klassiker« der Oratorienliteratur, Joseph Haydns Schöpfung. Majestätisch-erhaben heißt es da, prachtvoll vom Chor gesungen und vom Orchesterglanz umstrahlt: »Stimmt an die Saiten, ergreift die Leier, lasst euren Lobgesang erschallen!« — und auch das gewiss mit großer Demut und Herzlichkeit.

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