Poetische Klangwelten

Tout un monde lointain

Anlässlich des 100. Geburtstages von Henri Dutilleux im Jahr 2016 widmen sich die Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim in einem Schwerpunkt den Werken des Avantgardekomponisten. Im VII. Abonnementkonzert erklingt sein Violoncellokonzert »Tout un monde lointain«, das von der phantasievollen Poesie Boudelaires inspiriert wurde, und bietet die Gelegenheit, die 1. Solo-Cellistin Sennu Laine als Solistin zu erleben. Dramaturg Detlef Giese hat Dutilleux‘ Werk beleuchtet.

Er war einer der eigenwilligsten Gestalten der Musik des 20. Jahrhunderts, der vor genau einem Jahrhundert geborene und 2013 im gesegneten Alter von 97 Jahren verstorbene Henri Dutilleux. Ein Einzelgänger war er zweifellos, ein großer Individualist, dessen Œuvre keiner »Schule« zugehörig ist und – zumindest bislang – auch kaum Anknüpfungen und Epigonen gefunden hat. Dutilleux’ Persönlichkeit und seine Werke stehen seltsam solitär in dem imaginären Museum der exemplarischen Werke der Neuen Musik. Kompositorisch virtuos sind sie gehalten, von einer außergewöhnlichen Klangsinnlichkeit, einem immensen Farbreichtum und einer elementar wirksamen Expressivität, die sich auch jenseits analytischer Bemühungen mitteilt – was man ja durchaus als »typisch französischen« Zug begreifen kann.

Auch wenn die Eigenständigkeit der musikalischen Sprache, die Dutilleux in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg in beständiger konzentrierter Arbeit entfaltete, häufig und mit vollem Recht betont wird, so ist doch seine Ästhetik keinesfalls voraussetzungslos. Während seines Studiums am als konservativ geltenden Pariser Conservatoire in den mittleren und späten 1930er Jahren war er von seinen Lehrern mit der Musik von Debussy, Ravel und Roussel vertraut gemacht worden – dass diese Erfahrungen ihre Spuren in seinen eigenen Werken hinterlassen haben, ist kaum zu leugnen. Darüber hinaus kam er mit den Protagonisten der neoklassisch orientierten »Groupe de Six« um Darius Milhaud, Arthur Honegger und Francis Poulenc in Berührung, ebenso mit André Jolivet, der als Vertreter eines sich programmatisch »Jeune France« nennenden Kreises (dem u. a. auch Olivier Messiaen angehörte) ein weit avancierteres Komponieren pflegte. Keiner dieser Gruppierungen schloss sich Dutilleux an: Von vornherein schien es für ihn festzustehen, seinen ganz eigenen Weg zu verfolgen.

Obwohl Dutilleux durch gut dotierte musikalische Tätigkeiten – zunächst beim französischen Rundfunk ORTF, dann als Professor für Komposition an der École Normale, später sogar am renommierten Conservatoire – sozial abgesichert war, blieb sein musikalisches Werk vergleichsweise schmal. Im Laufe der Jahrzehnte entstanden nur ca. zwei Dutzend Kompositionen, die meisten davon im Bereich der rein instrumentalen Orchestermusik. Verantwortlich dafür war vor allem die ungemeine Ernsthaftigkeit und Akribie, mit der sich Dutilleux in seine Werke versenkte, sein höchster Anspruch an die künstlerische Qualität. Vor dem eigenen Urteil, dem Urteil eines wahren, überaus selbstkritischen Perfektionisten, bestanden bei weitem nicht alle seine Kreationen: So erachtete er sein gesamtes Frühwerk, wesentlich von den »Impressionisten« Debussy und Ravel inspiriert, als nicht gültig und ließ sein »eigentliches« Œuvre erst mit der 1948 vollendeten Klaviersonate beginnen. Was er aber seither an Werken vorlegte, gehört gewiss zum Gewichtigsten in der europäischen Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ob nun seine beiden Sinfonien vom Beginn bzw. Ende der 1950er Jahre, hochgradig originelle Orchesterwerke wie »Métaboles« von 1964, »Timbres, espace, mouvement ou La nuit étoilée« von 1977/78, »Mystére de l’instant« von 1989 oder »The Shadows of Time« von 1997.

In diese Reihe gehören unbedingt auch die beiden Instrumentalkonzerte für Violine bzw. Violoncello und Orchester, mit denen sich Dutilleux über jeweils mehrere Jahre hinweg konzeptionell und kompositorisch beschäftigte, ehe sie Partiturform gewannen. Beide sind sie bedeutenden Interpreten gewidmet, dem Geiger Isaac Stern und dem Cellisten Mstislav Rostropowitsch, beide verfügen sie auch über wahrhaft poetische Titel: Während das zwischen 1983 und 1985 komponierte Violinkonzert den Zusatz »L’arbre des songes« (»Der Baum der Träume«) trägt, entschied sich Dutilleux im Falle seines Konzerts für Violoncello und Orchester für die hochpoetische Formulierung »Tout un monde lontain …« (»Eine ganze Welt fern …«).

Was uns hier begegnet, sind Worte aus der Feder von Charles Baudelaire (1821-1867), jenem zu Lebzeiten und darüber hinaus umstrittenen französischen Schriftsteller, der vor allem mit seiner Gedichtsammlung »Les fleurs du mal« (»Die Blumen des Bösen«) den Boden für eine durch und durch moderne Lyrik bereitete. Von großer Wirkungsmacht, sowohl in Frankreich als auch im deutschen Sprachraum, waren seine Poems, mit denen er Literaturgeschichte schrieb und die zahlreiche Künstler nachhaltig beeinflusst haben.

Nicht zuletzt waren Musiker darunter, unter anderem auch Henri Dutilleux. Für sein Violoncellokonzert besaßen Baudelaires symbolistische, mitunter sehr rätselhafte, von großer Sprachkunst getragenen Verse auslösenden Charakter. Der literarisch ausgesprochen gebildete und interessierte Komponist konzipierte fünf pausenlos ineinander fließende Sätze, denen jeweils eine Überschrift aus Baudelaires epochaler Kollektion »Les fleurs du mal« beigegeben war. Um bloße musikalische Illustrationen handelt es sich aber dabei keineswegs – eher sind die Titel assoziativ zu verstehen, als inspirierendes Moment für die Erfindung rein kompositorischer Strukturen und Prozesse. Der Haupttitel selbst ist dem Gedicht »La chevelure« (»Das Haar«) entnommen: »Tout un monde lointain, absent, presque défunt« – »Eine ganze Welt fern, abwesend, beinahe erloschen«.

Den fünf Abschnitten von Dutilleux’ Werk verbal beizukommen, ist ein durchaus schwieriges Unterfangen, ist hierbei doch ein kaum zu entwirrendes Wechselspiel von verschiedenen Ebenen zu beachten, von den jedem einzelnen Satz vorangestellten Worten Baudelaires und der enorm elaborierten Klangsprache Dutilleux’. Es seien deshalb an dieser Stelle lediglich die Satzüberschriften zitiert sowie einige wenige Anmerkungen zu den musikalischen Zuständen und Verläufen gegeben:

I. Énigme (Rätsel)

»… Et dans cette natureetrange et symbolique«
(»… und in dieser fremden und symbolischen Natur«)

Aus der Stille erwächst nach und nach ein Klanggewebe; ausgehend vom tiefsten Ton des Violoncellos entwickeln sich Linien, die immer weiter in die Höhe führen. Eine Reihe von Variationen dieses Grundmusters schließt sich an, wobei dynamische Passagen des Soloinstruments mit statischen Akkorden des Orchesters kontrastiert werden.

II. Regard (Blick)

»… le poison qui découle / De tes yeux, de tes yeux verts, / Lacs où mon âme tremble et se voit à l’envers«
(»… jenes Gift, das / aus deinen Augen, deinen grünen Augen, strömt, / Seen, in denen meine Seele zittert und sich umgekehrt erblickt«)

Eine Kantilene des Solo-Cellos mit quasi liedhaftem Charakter ist bestimmend; trotz der melodischen Fortschreitungen scheint die Musik gleichsam stillzustehen, unterstützt durch ein extrem ruhiges Tempo. Die Melodie wird von den Violinen aufgenommen, umspielt von weiteren Figuren des Violoncellos, die einer Steigerungsdramaturgie bis hin zu einem spürbaren klanglichen Höhepunkt folgen.

III. Houles (Wogen)

»… Tu contiens, mer d’ébène, un éblouissant rêve / De voiles, de rameurs, de flammes et de mâts …«
(»… Du Meer aus Ebenholz enthältst einen hinreißenden Traum /von Segel, Ruderer, Flamme, Mast …«)

Eine Solo-Kadenz des Violoncellos lässt unmissverständlich die zentrale Rolle dieses Instruments im Werk aufscheinen. Erst nach einer gewissen Zeit tritt das Orchester mit arabeskenartigen Klängen hinzu, groß und weit im Gestus, Meereswogen gleich.

IV. Miroirs (Spiegel)

»… Nos deux cœurs seront deux vastes flambeaux / Qui réfléchiront leurs doubles lumières / Dans nos deux esprits, ces miroirs jumeaux …«
(»… Unsere beiden Herzen werden zwei große Fackeln sein, /die ihr doppeltes Licht / in den Zwillingsspiegeln unserer Geister wiedererscheinen lassen …«)

Erneut steht eine monologische Partie des Violoncellos am Beginn. Geheimnisvoll wirkt dieser Satz, wie etwas Unsagbares, das nicht durch Worte, wohl aber vermittelst von Klängen artikuliert werden kann. Die große, mystische Ruhe wird erst gegen Ende aufgelöst, wenn ein markantes Crescendo des Orchesters zum Finale überleitet.

V. Hymne

»Garde tes songes: / Les sages n’en ont pas d’aussi beaux que les fous!«
(»Wahre deine Träume: / Die Weisen haben keine solch schönen wie die Narren!«)

Es ist dies ein Satz des Zusammenfassens, der Synthese. Verschiedene Elemente, die in den Teilen zuvor zu finden waren, erklingen nochmals, in teils gleicher und teils veränderter Gestalt, als ob man sich an das zuvor Geschehene blitzlichtartig erinnern solle. Trotz des raschen Tempos und des offensiven Klanges wirkt die Musik kaum affirmativ: Der Klang des Violoncellos scheint zuletzt unmerklich zu entschweben, so wie er geradezu aus dem Nichts gekommen war.

»Tout un monde lontain …« erklang erstmals Ende Juli 1970, mehr als drei Jahre nach Beginn des Kompositionsprozesses, beim Festival d’Aix-en-Provence. Serge Baudo dirigierte das Orchestre de Paris, zu dessen Chefdirigenten fünf Jahre darauf Daniel Barenboim berufen werden sollte. Als Solist trat der Auftraggeber und Widmungsträger Mstislav Rostropowitsch auf, der im November 1971 auch bei der Pariser Erstaufführung zu erleben war. Dutilleux’ inspiriertes Werk ist seitdem in das Repertoire einer ganzen Reihe bedeutender Cellisten eingegangen, die in der Lage waren, die schier gewaltigen spieltechnischen und gestalterischen Herausforderungen zu meistern. Komplexe Rhythmen sind ebenso Kennzeichen der Partitur wie der Gang in extreme Höhenlagen und melodische Verläufe, die vielfach überraschend wirken, sich jedoch bei allen Verästelungen mit zwingender Logik entfalten.

Bei alledem waltet eine Reichhaltigkeit an Klangfarben, über die man nur staunen kann: Mit äußerste Raffinesse hat Dutilleux Mischungen der verschiedenen instrumentalen Timbres ins Werk gesetzt, in Gestalt von immer neuen Kombinationen von Streichern, Bläsern und Schlagwerk. Ausgesprochen sensibel ist diese nahezu bis ins Unendliche ausdifferenzierte Farbpalette eingesetzt, ähnlich wie es etliche Jahrzehnte zuvor bereits Dutilleux’ französische Komponistenkollegen Debussy und Ravel praktiziert hatten. Diese scheinbar so schwerelos anmutenden, von allem Irdischen losgelösten Klangwelten basieren indes auf einer unbedingten, äußerst niveauvollen handwerklichen Souveränität. Kompositionstechnisches Vermögen und Inventionsgeist haben hier zueinander gefunden und Klangwelten erschaffen, die von hoher Poesie erfüllt sind.

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