Sciarrino und die Staatsoper

Macbeth

Zur Premiere von Salvatore Sciarrinos »Luci mie traditrici« im Rahmen des INFEKTION! Festivals für Neues Musiktheater zeigt die Staatsoper ab sofort eine Ausstellung im Gläsernen Foyer des Schiller Theaters, die sich dem Schaffen des italienischen Komponisten widmet. Seit 2010 wurden hier bereits vier seiner Musiktheaterproduktionen realisiert, nun folgt mit »Luci mie traditrici« die fünfte – erstmals auf der großen Bühne und erneut inszeniert von Intendant Jürgen Flimm.

Die Ausstellung anlässlich der Neuproduktion zeigt einen Überblick über Werk und Leben Sciarrinos sowie die am Haus entstandenen Produktionen mit u. a. Bildtafeln, Originalzeichnungen sowie Kostümen und soll die intensive und anhaltende Auseinandersetzung mit einem der bedeutendsten Komponisten des zeitgenössischen Musiktheaters beleuchten. Vorab zeigen wir euch hier einen Auszug der Ausstellung.

TRE ATTI SENZA NOME Text von Salvatore Sciarrino nach William Shakespeare

TRE ATTI SENZA NOME Text von Salvatore Sciarrino nach William Shakespeare

MACBETH

Sciarrinos »Macbeth«, mit dem Untertitel »Drei namenlose Akte« versehen, ist tief in der klassischen Kultur verwurzelt, da verschiedene Opernzitate, etwa aus Mozarts »Don Giovanni« oder Verdis »Un ballo in maschera« (die nach Sciarrino »zu den großen Themen und Meisterwerken unserer Tradition« gehören) im Notentext eingeschlossen sind. Diese Verknüpfung von musikalischer Klassik und Modernität ist ebenso in der Handlung zu finden, da das Werk bewusst von der berühmten Tragödie William Shakespeares inspiriert ist, deren Hauptthemen — das Böse, die Gewalt und der Tod — vom Komponisten Sciarrino jedoch spürbar anders behandelt und dargestellt werden. Bei den besagten »namenlosen Akten« handelt es sich um »ruchlose Taten, Morde von einer solchen Gewalt, das weder Zunge noch Herz wagen, sie anzusprechen« — ein Lehrstück über die verhängnisvolle Wirkung von Macht und die Willkür der Mächtigen. Sowohl die musikalische Atmosphäre, in der nach Sciarrino »absolute Einstimmigkeit herrscht«, als auch die Botschaft, die »weder von bestimmten Toten noch von bestimmten Massakern« spricht, sondern »von allen den Toten — von den Gemetzeln, auf denen sich die Menschheit gründet«, ist mehr auf das Globale als auf das Besondere bezogen: im Sinne einer eindringlichen Warnung.

 

 

ESTASI DI UN ATTO PER MEZZOSPORANO E STRUMENTI Fragmente der Maria Maddalena de’ Pazzi, wiederzusammengefügt von Salvatore Sciarrino

ESTASI DI UN ATTO PER MEZZOSPORANO E STRUMENTI Fragmente der Maria Maddalena de’ Pazzi, wiederzusammengefügt von Salvatore Sciarrino

Infinito Nero

Im historischen Hintergrund von »Infinito nero« steht eine um 1600 lebende Mystikerin, die Heilige Maria Maddalena de’ Pazzi. Dabei interessiert sich Salvatore Sciarrino vor allem für die extreme Emotionalität ihrer Äußerungen religiöser Extase: »Sie war eine unbequeme, eine ›teufl ische‹ Figur: Bei ihr kann man zwischen Gott und Teufel nicht genau unterscheiden, ihre Visionen sind immer gleich beängstigend. Da erlebt man wirklich die Pathologie der Visionen.« Sciarrino greift auf die hauptsächlich mündlich überlieferten und von den Mitschwestern Maria Maddalenas verschriftlichten Texte zurück. In seiner Oper stellt er die Trancezustände der Heiligen dar, die mal vom Blut des gekreuzigten Christus, mal von der Milch der Jungfrau Maria berichten. Ihre acht Novizinnen versammelten sich um sie, wobei vier von ihnen ihre Äußerungen langsam und verständlich wiederholten und die anderen vier sie niederschrieben. Die musikalische Ausgestaltung weicht von herkömmlichen Konzepten ab: Der Instrumentalklang wird bis auf knapp formulierte Gesten stark zurückgenommen, wodurch die vokale Komponente als Ausdrucksträger in den Mittelpunkt rückt, dem Prinzip des schlagartigen Wechsels von schnellem, tranceartigen Sprechen und Schweigen folgend.

 

OPERA IN DUE ATTI SU TESTO DELL’AUTORE Text von Salvatore Sciarrino nach »Il tradimento per l’onore« von Giacinto Andrea Cicognini mit einer Elegie von Claude Le Jeune

OPERA IN DUE ATTI SU TESTO DELL’AUTORE Text von Salvatore Sciarrino nach »Il tradimento per l’onore« von Giacinto Andrea Cicognini mit einer Elegie von Claude Le Jeune

Luci mie traditrici

Die Kammeroper »Luci mie traditrici« dürfte zu den am meisten gespielten Werken Sciarrinos zählen. Die Geschichte eines aus Eifersucht begangenen Doppelmords des Grafen Malaspina an seiner Gattin und deren Liebhaber (das historische Vorbild ist der durch seine avancierten Madrigale berühmt gewordene adlige Komponist Carlo Gesualdo da Venosa, der 1590 eine skandalträchtige Mordtat vollbracht hatte) wird mit den Mitteln einer durch und durch modernen Klangsprache verwirklicht, die von eindringlichen expressiven Gesten lebt und das soghafte tragische Geschehen ungemein plastisch vergegenwärtigt. Die »Story« selbst, basierend auf einem Drama des 17.Jahrhunderts, ist auf das Notwendigste reduziert, stattdessen sind es die psychischen Verfasstheiten der Figuren, die beleuchtet werden. Außerordentlich fragil wirkt Sciarrinos Musik, die häufi g daherkommt, als sei sie nur ein Hauch und ein Schemen. Ungewohnt und fremdartig erscheint sie selbst noch knapp zwei Jahrzehnte nach ihrer Uraufführung, als ob man intime Blicke in die Nervenbahnen der Protagonisten werfen würde. Erneut hat sich Sciarrino Elementen der Alten Musik bedient, in diesem Falle einer Elegie des französischen Renaissancekomponisten Claude Le Jeune, die wiederholt transformiert und dekonstruiert wird.

 

NATURA MORTA IN UN ATTO PER VOCE, VIOLONCELLO E PIANOFORTE Fragmente von Anonymus, Giovan Leone Sempronio, Giovan Battista Marino, Robert Blair, Jean De Sponde, Martin Opitz, Johann Christian Günther, Christoffel von Grimmelshausen, zusammengestellt von Salvatore Sciarrino

NATURA MORTA IN UN ATTO PER VOCE, VIOLONCELLO E PIANOFORTE Fragmente von Anonymus, Giovan Leone Sempronio, Giovan Battista Marino, Robert Blair, Jean De Sponde, Martin Opitz, Johann Christian Günther, Christoffel von Grimmelshausen, zusammengestellt von Salvatore Sciarrino

Vanitas

»Vanità« heißt auf Italienisch so viel wie »Eitelkeit« oder »Vergänglichkeit«, auf Latein »Leere«. In der Kunst und Literatur waren Vanitas-Darstellungen, die das Fließen der Zeit und die Vergänglichkeit der Dinge in den Blick nehmen, vor allem in der Barockzeit verbreitet, geradezu populär. In den Stillleben der barocken Malerei werden regungslose Gegenstände wie Blumen, Früchte oder tote Tiere dargestellt. Salvatore Sciarrino verwendet das Vanitas-Motiv als Titel seiner Oper, die eigentlich eine Kantate für eine Stimme, Violoncello und Klavier auf Texte verschiedener Autoren aus unterschiedlichen Epochen ist. In fünf Gesängen werden gleich einer Meditation Gedankenfelder von großer Spannweite zusammengefügt, wobei die Dichotomie zwischen Leben und Endlichkeit, zwischen Traum und Wirklichkeit im Vordergrund steht. Über die Besonderheit seines Werkes sagt Sciarrino: »Stellt euch eine Musik vor, mit einem derart breiten Gefüge, dass sie eine andere Musik durchschimmern lässt: Das ist ›Vanitas‹, eine riesige Anamorphose eines alten Lieds, von dem sie in mysteriöser Art einen intensiven Duft bewahrt.« Typische Vanitas-Symbole wie Rose, Echo und Spiegel werden dabei als Vehikel für das Nachdenken über den Tod verwendet.

 

AZIONE INVISIBILE PER SOLISTA, STRUMENTI E VOCI Text von Salvatore Sciarrino nach einer Erzählung von Jules Laforgue

AZIONE INVISIBILE PER SOLISTA, STRUMENTI E VOCI Text von Salvatore Sciarrino nach einer Erzählung von Jules Laforgue

Lohengrin

»Unsichtbare Handlung für Solistin, Instrumente und Stimmen« nennt Sciarrino sein in den frühen 1980er Jahren entstandenes Melodram Lohengrin. Es ist allerdings nicht der strahlende Wagnersche Schwanenritter, auf den sich der italienische Komponist der feinen Seelengespinste bezieht, sondern eine Erzählung des Impressionisten Jules Laforgue, welche die Grundlage des Stückes bildet. Und in der Tat ist die Handlung nicht sichtbar, sondern muss über das Hören erforscht werden: »Die Töne sind bereits Theater. Das Drama dessen, was man hört, bringt Wirkung mit sich, ein Gast des Raumes.« Die ursprüngliche Handlung kehrt sich um: Sie beginnt mit der Hochzeit zwischen Lohengrin und Elsa. Doch der auf einem Schwan reitende Ritter, der ihr einst im Traum erschien, verschmäht sie in der Hochzeitsnacht. Die Musikdramaturgie entfaltet vor allem durch die radikale Reduktion auf das Wesentliche, die Klangereignisse und extreme Stilisierung ihre besondere Wirkung: durch die eigentümliche Lautmalerei des Kammerorchesters und der Protagonistin, deren stimmartistische Vokalperformance als Lautmalerei mit Hilfe von Hecheln, Glucksen, Schnalzen, Lachen, Husten und Krächzen ein Psychogramm an der Grenze zwischen naturalistischem Wahnsinn und artistischer Verfremdung zeichnet.

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