Verrücktes Dorf

Elisir-Foto: Monika Ritterhaus

Zum »Throwback Thursday« hier noch mal das spannende Interview, das Volker Blech 2002 anlässlich der Premiere von Donizettis »L’elisir d’amore« für die Berliner Morgenpost mit dem Regisseur Percy Adlon geführt hat.

Eigentlich heißen Sie Parsifal. Den Vornamen hat Ihnen vermutlich Ihr Vater, der Wagner-Sänger Rudolf Laubenthal, gegeben?
Meine Mutter hat ihn in dieser Rolle besonders attraktiv gefunden. Es war eine über zwanzig Jahre dauernde feurige Liebesbeziehung. Er hatte zwei Fünfjahresverträge an der Met, nachdem er hier in Berlin von 1913 bis 1923 Karriere gemacht hatte. Sie war auch in New York. Louis Adlon hatte sich ja von seiner ersten Frau 1921 scheiden lassen, nachdem die berühmte Hedda ins Spiel kam. Die spielte auf junges Glück, und dazu passten keine Kinder. Die wurden zur Ausbildung nach Amerika geschickt. Meine Mutter wurde eines Abends von Freundinnen in die Met mitgenommen. Danach traf man sich mit Laubenthal. Die beiden haben sich verknallt, obwohl er verheiratet war.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Vater?
Mein Vater wurde 1886 geboren, war zwanzig Jahre älter als meine Mutter. Wenn er zu Besuch kam, wusste ich zwar, dass es mein Vater war, aber mehr nicht. Ich bin schon ein richtiger Adlon, habe noch gemeinsam mit meinem Großvater Geburtstagsbriefe geschrieben. Er ist quasi mit dem Hotel Adlon 1945 untergegangen. Mein Vater war in seinen Sechzigern, als ich mein Abitur machte. In der Zeit habe ich Gesangsunterricht bei ihm genommen. Ich wollte natürlich auch Sänger werden, habe aber nach dem Stimmbruch zu schnell wieder gesungen und bekam eine unheilbare Stimmbandschwäche.

Aber Ihre Opernneigung kommt vom Vater?
Ich bin gar kein Opernfreak. Ich mache lieber einen langen Spaziergang in den Bergen oder höre ein Beethoven-Streichquartett oder lese einen Roman. Ich muss in kein Theater rennen, um glücklich zu sein. Ich bin zuerst ein Autor.

Percy Adlon, 2011, Foto © Eleonore Adlon/Leora Films

Percy Adlon

Was hat Percy Adlon mit dem neuen Hotel Adlon zu tun, außer, dass er gerade dort übernachtet?
Wir sollten das Filetgrundstück am Pariser Platz eigentlich zurückbekommen. 5500 Quadratmeter für rund 75 Millionen Mark. Aber wer vor Oktober 1948 enteignet wurde, bekam nichts zurück. Mein Halbbruder und ich hatten als direkte Nacherben nur ein Vorkaufsrecht, das wir an Kempinski abgetreten haben. Aber weil ich ein kreativer Mensch bin und außerdem Adlon heiße und meine Stiefgroßmutter einen Vorvertrag mit Kempinski gemacht hatte, haben sie mich in ihren Beirat geholt.

Sie haben Theater gespielt, Dokumentarfilme und Komödien gedreht. Warum jetzt Opernregie?
Ich habe immer behauptet, dass ich mit Mitte 60 meine erste Oper inszenieren würde. Aber es war ein Zufall. Ein Freund, der Komponist Wilfried Hiller, komponiert gerade die Oper »Wolkenstein« über das Leben des Ritters und Sängers aus Südtirol. Ich bot ihm an, es zu inszenieren. Er rief sofort in Nürnberg an. Die Oper wird dort voraussichtlich 2004 gezeigt. Davon erfuhr der Staatsopern-Intendant Peter Mussbach und rief mich an.

Sie zeigen Donizettis »L’elisir d’amore«. Was ist für den Dokumentarfilmer die Fabel?
Berge auf Bühne sind für mich garmisches Bauerntheater. Unser Bühnenbild sieht aus wie aus dem Internet geholt, vergrößert und mit Echos vervielfältigt. Meine Regieidee kommt tatsächlich aus einer Erfahrung des Dokumentarfilmers. Ich war in Bergamo, dem Geburtsort Donizettis, weil ich dachte, dort Anregungen vom Comedia dell arte zu finden. Aber ich stieß nur auf ein Buch aus einem Bergdorf nördlich von Bergamo, wo die Bevölkerung improvisierte Sketche in Gasthäusern zeigt. Da hat etwa jemand Krämpfe, dann kommen andere mit Bahre und Sauerstoffflasche. Die Blaskapelle sitzt drum herum. Alle tragen Masken, es ist ein deftiges Bauerntheater. Ich zeige den »Liebestrank« als ein Wochenende in den Bergen, wo ein verrücktes Dorf ein Stück spielen möchte.

Was war für Sie in der Opernbranche das Verblüffendste?
Wie einem beim Operninszenieren die Szene wegläuft. Im Film kann ich mit den Schauspielern in Ruhe eine Szene inszenieren. Hier ist der Pianist und spielt und spielt. Es ist, als ob ein Zug an einem vorbeifährt. Ich weiß nicht, wie viel Probenzeit mir weggelaufen ist gegenüber einem erfahrenen Opernregisseur, der gleich die Wegmarken einschlägt. Andererseits habe ich den Sängern viel Atem, viele Improvisationsmöglichkeiten gelassen.

 

Wir danken Volker Blech für die Erlaubnis zur Veröffentlichung seines Interviews. 

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