Berliner Musik zur Kurfürstenzeit

Joachim_II_of_Brandenburg_by_Lucas_Cranach_the_Younger

Die Staatskapelle Berlin feiert im Jahr 2020 ihr 450-jähriges Bestehen und ist damit eines der ältesten Orchester der Welt. Im Vorfeld des Jubiläums veranstalten wir ab dem 16. Oktober eine jährlich stattfindende Symposions-Reihe, die sich der Geschichte der Staatskapelle Berlin, ihrer prägenden Rolle für das Berliner Musikleben und ihrer internationalen Bedeutung widmet.

Das erste Symposion zeichnet die Entwicklung der Kapelle von ihrem Stiftungsdatum 1570 unter Kurfürst Joachim II. von Brandenburg bis zur Regierungszeit des ersten preußischen Königs Friedrich I. und seiner Gemahlin Sophie Charlotte nach.

Vorab portraitiert Detlef Giese fünf bedeutende Musiker, welche die Entwicklung der kurbrandenburgischen Hofkapelle, aus der später die Staatskapelle Berlin hervorgehen sollte, entscheidend geprägt haben.

Mitunter könnte man den Eindruck gewinnen, als ob es erst zu Zeiten der Preußenkönige in Berlin eine ernsthafte und qualitativ hochstehende Musikpflege gegeben habe. Wiewohl es zutrifft, dass mit Friedrich I. zu Beginn des 18. Jahrhunderts und – nach dem im Blick auf Kunst und Kultur insgesamt nur wenig ergiebigen Regiment des »Soldatenkönigs« Friedrich Wilhelm II. – in besonderer Weise mit Friedrich II. die Musik an der Spree eine Blüte erlebte, so gab es doch auch schon zuvor Musiker und musikalische Institutionen, die eine überregionale Ausstrahlungskraft besaßen.

Am bedeutsamsten war dabei gewiss die Gründung der kurbrandenburgischen Hofkapelle. Aus dem Jahr 1570 ist eine Kapellordnung überliefert, die als eine Art Gründungsdokument der heutigen Staatskapelle Berlin gilt. Schon im Jahrhundert zuvor gab es offenbar ein einige Hofsänger, die zur musikalischen Ausgestaltung von repräsentativen Anlässen hinzugezogen wurden, ein gemischtes Ensemble aus professionellen Vokalisten und Instrumentalisten wurde aber wohl erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ins Leben gerufen.

An der Spitze Brandenburgs, eines von damals acht Kurfürstentümern im Reich, standen die Hohenzollern. Schritt für Schritt hatten sie ihre Machtbasis ausgebaut: Durch Zugewinne an Land und Leuten wuchs dem oft ein wenig abschätzig »märkische Streusandbüchse« genannten Landstrich im Norden des Reiches immer mehr Bedeutung zu. Spätestens mit dem »Großen Kurfürsten« Friedrich Wilhelm, der während einer langen, für den Ausbau des Landes besonders markanten Phase von 1640 bis 1688 die Geschicke Brandenburgs bestimmte, hatte das einstmals politisch eher leichtgewichtige Kurfürstentum spürbar an Einfluss gewonnen und spielte im Konzert der europäischen Mächte eine zunehmend größere Rolle.

Aber auch die Vorgänger des »Großen Kurfürsten« hatten wichtige Entscheidungen getroffen, um die Entwicklung Brandenburgs und der Residenzstadt Berlin voranzutreiben. Auch kulturell wollten die Hohenzollern nicht hinter andere Fürstenhäuser zurückfallen. Eine leistungsfähige Hofmusik stand dabei an einer vorderen Stelle. Nicht umsonst war es gerade ein auf Prachtentfaltung bedachter Kurfürst wie Joachim II., genannt »Hektor«, in dessen Regierungszeit die erste reguläre Kapellordnung fällt. Mit der genauen Fixierung der Pflichten von Kapellmeistern, Sängern und Instrumentalisten sollte die Hofmusik von vornherein auf ein mehr als nur annehmbares Niveau gehoben werden: Der Glanz, der von herausragenden Musikern und musikalischen Darbietungen ausging, wurde zurückgespiegelt auf den Landesherrn und seinen Staat.

Joachims Nachfolger Johann Georg, der von 1571 bis 1598 regierte, sorgte nicht nur für die innere wie äußere Stabilität seines Territoriums, sondern auch für verstärkte Aktivitäten seiner Hofkapelle. Musik wurde zu einem selbstverständlichen Teil des höfischen Lebens, in der Kirche ebenso wie an der kurfürstlichen Tafel, bei Festen oder beim Hoflager. Vom Beginn der 1570er Jahre datiert die Anstellungsurkunde des ersten namentlich bekannten Kapellmeisters, Johann Wesalius. Johann Georg, ein vergleichsweise bescheidener und durchaus sparsamer Regent, hat sich wiederholt um eine Qualitätssteigerung bemüht – anders ist seine strenge Kapellordnung von 1580, in der er so manche offensichtliche Missstände anprangert, nicht zu verstehen.
In der Folgezeit gelang es den Kurfürsten – nach Johann Georg waren es Joachim Friedrich (1598-1608), Johann Sigismund (1608-1619) und Georg Wilhelm (1619-1640) – eine Reihe von bekannten Musikern, die der brandenburgischen Hofmusik wesentliche Impulse gaben, nach Berlin zu verpflichten.

Johann Eccard

Johann Eccard

1608 war es der aus Thüringen stammende Johann Eccard, dem das Kapellmeisteramt übertragen wurde, zugleich hatte er auch die Position des Domkantors inne. Berlin sollte die letzte Station von Eccards bewegtem Berufsleben sein: Zuvor war er jeweils für mehrere Jahre in München, Augsburg, Königsberg und Ansbach. Durch eine Studienreise nach Venedig hatte er den italienischen Kompositions- und Aufführungsstil – sowohl der »alten« als auch der »modernen« Meister – kennen gelernt. Geschätzt wurde Eccard vor allem für seine kunstvollen mehrstimmigen Liedsätze, die von einer besonderen melodischen Begabung zeugen.

Zum Nachfolger des 1611 verstorbenen Johann Eccard wurde Nikolaus Zangius bestellt; bis zu seinem Tod 1619 sollte er als kurbrandenburgischer Kapellmeister tätig sein. Zuvor hatte er, der in Woltersdorf bei Berlin geboren worden war, in Iburg und Danzig als Hofmusiker gewirkt, zwischenzeitlich lebte er auch in Prag. Wie Eccard hat auch Zangius bedeutsame Leistungen auf dem Gebiet der Vokalmusik vollbracht, vornehmlich in seinen originellen geistlichen und weltlichen Liedern.

William Brade

William Brade

Ein maßgeblicher Vertreter der Instrumentalmusik war hingegen der Engländer William Brade, der gegen Ende des 16. Jahrhunderts eine bemerkenswerte Karriere auf dem Kontinent startete. Am dänischen Hof in Kopenhagen war er ebenso gefragt wie in kleineren Residenzen wie Bückeburg, Gottorp und Güstrow, außerdem in kulturellen Zentren wie Hamburg und Halle. 1619 wurde er Hofkapellmeister in Berlin, nachdem er bereits zuvor kurzzeitig hier gewirkt hatte. Brade galt als einer der führenden Gambenvirtuosen seiner Zeit, der auch als Komponist über hohes Ansehen verfügte. Bekannt geworden ist er vor allem durch seine zahlreichen Tänze, die er für variabel besetzte Instrumentalensembles schrieb und die durch Notendrucke europaweit Verbreitung fanden.

Aus Polen stammt ein weit weniger prominent gewordener Künstler. Adam Jarzębski spielte als junger Musiker ab 1612 für einige Jahre als Violinist in der kurbrandenburgischen Hofkapelle. Sein kompositorisches Schaffen ist wie dasjenige von Brade auf instrumentale Formen zentriert, insbesondere seine Sammlung »Canzoni e Concerti« gibt davon Zeugnis – das »Concerto Berlinesca« ist dabei gewissermaßen eine Hommage an seine Wirkungsstätte. Nach seiner Berliner Anstellung ging Jarzębski zunächst nach Italien, um dann 1619 in seine polnische Heimat zurückzukehren. Dort war er für längere Zeit Mitglied der Warschauer Hofkapelle.

Johann Crüger

Johann Crüger

Am Vorabend des auch – und gerade – für Brandenburg verheerenden Dreißigjährigen Krieges gelangte ein Mann nach Berlin, der das hiesige Musikleben über mehrere Jahrzehnte prägen sollte: Johann Crüger. Aus der Nähe von Guben war er 1615 erstmals nach Berlin gelangt, nach seinem an der Universität Wittenberg absolvierten Theologiestudium und einer umfassenden musikalischen Ausbildung wurde er 1622 Lehrer am Gymnasium »Zum Grauen Kloster« in Berlin. Zudem wurde ihm der Posten des Kantors an St. Nicolai übertragen – nicht weniger als 40 Jahre war Crüger an Schule und Kirche aktiv. An St. Nicolai arbeitete er u. a. mit Paul Gerhardt, dem berühmten Pfarrer und Dichter, zusammen: Gemeinsam schufen sie zahlreiche, auch heute noch viel gesungene Kirchenlieder. Während der kurbrandenburgische Hof inzwischen das calvinistische Bekenntnis angenommen hatte, blieb das Berliner Stadtbürgertum im Wesentlichen dem Luthertum verpflichtet. Beredter Ausdruck dieses Glaubens sind auch die geistlichen Lieder von Johann Crüger, mit denen er ein neues Kapitel der Berliner Musikgeschichte einleitete.

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