Auch Komödien haben eine kathartische Funktion

Regisseur David Bösch, Bühnenbildner Patrick Bannwart und Kostümbildner Falko Herold im Gespräch über die Neuinszenierung der »Lustigen Weiber von Windsor«

Otto Nicolai hat seine »Lustigen Weiber von Windsor« eine »komisch-phantastische Oper« genannt. Was daran ist komisch und was phantastisch?

Patrick Bannwart Für mich ist die Musik phantastisch. Ich fand es auffällig, dass sie eine große Leichtigkeit und einen außergewöhnlichen Farbenreichtum besitzt, zugleich aber auch etwas Trauriges und Schwärmerisches …

David Bösch Genau. Das Auffällige für mich ist die Genrevielfalt, sowohl in der Thematik der Situationen und in den einzelnen Szenen als auch, und vor allem, in der Musik. Wie bei Shakespeare, beim »Sommernachtstraum«, gibt es die humoristischen Szenen, aber auch die ehrlich Liebenden, Titania und Oberon. Hier wechseln Stimmungen und Atmosphäre extrem, vom Komischen zum Phantastischen und wieder zurück.

Das Werk ist um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, die literarische Vorlage noch um Einiges früher, kurz vor 1600. Wann ist unsere Aufführung angesiedelt, gerade auch im Blick auf das Bühnenbild und die Kostüme?

Falko Herold Ich habe den Eindruck, die Inszenierung ist in meiner Kindheit angesiedelt, in den späten 70er und frühen 80er Jahren. Wir aus dem Regieteam sind ja alle drei aus einer ähnlichen Generation und haben eine emotionale Bindung zu dieser Zeit, gerade auch weil damit Erinnerungen an die jungen Jahre verbunden sind. Wobei es auch ein gewisses zeitliches Durcheinander gibt: Mal haben wir ein Mobiltelefon und mal einen Walkman aus den 80ern. Immer aber versucht man, einen eigenen Zugang zu einem Stück zu finden. Das geht am Ehesten durch solche Kostüme oder Requisiten, die man selbst als Kind bzw. Jugendlicher in der Hand gehabt hat.

Patrick Bannwart Wir versuchen zugleich, den Staub abzuschütteln und eine emotionale Verbindung in die heutige Zeit aufzubauen. Wir haben das Stück in einer Art Vorstadt angesiedelt, mit Einfamilienhäusern, Terrassen, Nachbarsgärten, Rasen und anderen Dingen.

David Bösch Die Vorstadt verändert sich vielleicht nicht so stark wie die Metropole. Es gibt gewisse Erkennungszeichen der Vorstadt, die über mehrere Jahrzehnte hinweg im Wesentlichen gleich geblieben sind. Im Genre der Komödie hat man so ohnehin eine größere Freiheit, Zeitebenen, Figuren und Objekte zu vermischen.

In eurer Inszenierung sind offensichtlich verschiedene Welten und Sphären kreiert. Dem Vorstädtischen und Biedermeierlichen setzt sich ja etwas entgegen.

David Bösch Es gibt in der Tat unterschiedliche Welten: Auf der einen Seite eine anarchische, romantische, wilde, die verkörpert ist durch eine die Konventionen sprengen wollende Jugend. Dieser gehört die ganze Sympathie. Ergänzt wird diese Welt durch die zwei andere, »mittelalte« Liebende, die in Gefahr sind, deformiert zu werden. Sie können ihre Liebe und ihre Gefühle nicht frei ausleben. Da gibt es einen Triebstau – sie haben ihre Emotionen nicht unter Kontrolle, und das macht sie komisch. Die dritte Sphäre ist die Falstaff-Welt, die zwar ebenfalls eine anarchische, sich den Regeln widersetzende Welt ist, aber eben 30 Jahre älter. Sie ist umweht von Melancholie und Einsamkeit. Deswegen sucht Falstaff auch die Nähe zu den Frauen. Zum einen will er sich beweisen, dass er immer noch jung und potent ist, dass immer noch etwas möglich ist. Zum anderen will er auch die Einsamkeit überwinden.

Sir John Falstaff ist in dieser Inszenierung also keine reine Buffo-Gestalt?

David Bösch Nein, obwohl er natürlich Szenen hat, die im Buffonesken angesiedelt sind. Wenn man ihn aber als volle Buffo-Gestalt zelebriert, wird man oft daran gemessen. Es gibt Momente, die ganz anders gelagert sind, traurig und melancholisch. Er ist derjenige, der immer der erste und der letzte in der Bar ist. Aber wenn er dann am Ende allein zurückbleibt, wissen wir eigentlich gar nicht, was er dann macht und wie er sich fühlt. Was macht der letzte, der noch wach ist und alleine am Pool sitzt? Ist das nicht einsam? Er hat niemandem mehr, dem er seine Geschichten erzählen kann, außer sich selbst. Und er kennt diese Geschichten natürlich inzwischen zu Genüge.

Geht es bei der Inszenierung um einen Konflikt Bürgerlichkeit versus Anti-Bürgerlichkeit, oder auch Idylle versus Horror?

Patrick Bannwart Der schon erwähnte Pool ist ja die Rückseite des Gartens. Es gibt die beiden bürgerlichen Familien Fluth und Reich, und in deren Rücken hat sich Falstaff praktisch als Parasit eingenistet und die gesammelten Kühlschränke der Nachbarschaft geplündert. Da hinten gibt es eine Einsamkeit, eine Rückseite des Lebens, versteckte Gefühle, die dort wohnen. Die Vorderseite der Bühne ist heller gestaltet, die Hecken sind gestutzt, es ist deutlich ordentlicher. Die Rückseite des Gartens dagegen ist dunkel und verwachsen. Da sind die Gefühle präsent, die in einer geregelten Welt, wo der jeden Morgen um neun der Postbote kommt und alles seine Ordnung hat, nicht kommen dürfen. Gewissermaßen ist das der Ort des Unterbewussten.

Wie reagiert die Inszenierung auf die vielfältige Musik? Mal ist sie hochromantisch, mal buffonesk, mal sehr von Mozart inspiriert, mal von der italienischen Belcanto-Oper. Und die Handlung ist sehr vielfältig, beinahe diffus.

David Bösch Auf der einen Seite muss man dieser Differenziertheit folgen und die Kontraste groß machen. Man darf die Romantik im dritten Akt nicht negieren. Als Regisseur empfinde ich es als sehr angenehm, dass ich nicht nur einen Modus operandi habe, der für mich über die rund zweieinhalb Stunden Spieldauer bindend ist. Man hat verschiedene »Wurzelbehandlungsgeräte« zur Verfügung. Gleichzeitig wollen wir das Stück in eine Art von moderner Welt, Ästhetik oder Atmosphäre übersetzen. Dass man Fenton und Anna als jugendliche Metal-Fans zeigt und dies durch die Vorgänge beglaubigen kann, ist eine starke Hinführung und eine bewusste Entscheidung. Genauso im letzten Teil, wo wir versuchen, den Kosmos Idylle versus Horror zu bearbeiten.

Patrick Bannwart Die Stimmung kippt – aus den scheinbar ordentlichen Leuten wird ein regelrechter Mob. Plötzlich geht der Mond auf, die Wäschespinnen drehen sich, der Ort wird poetisch. Das Stück spielt am Tag und geht in die Nacht hinein. Und in der Nacht ist vieles anders.

Falko Herold In dieser Vorgartenidylle hat sich offenbar sehr viel angestaut bei den Menschen, was nie wirklich herauskonnte. Und Falstaff ist derjenige, der das durch seine Andersartigkeit zum Ausbruch bringt. Das »Andere« wird im dritten Akt bearbeitet und verarbeitet: Die ganzen »unter dem Deckel« gehaltenen Sehnsüchte explodieren. Dann kommt der neue Tag, und es geht wieder von vorne los.

Wie politisch ist denn dieses Werk, das für gewöhnlich als »Spieloper« bezeichnet wird?

Patrick Bannwart Die Handlungsweisen der Figuren könnte man schon politisch deuten. Ein Mob bildet sich gegen einen Einzelnen …

Falko Herold … und nachher sagt man dann einfach: »Wir verzeihen dir!«

David Bösch Ich habe manchmal gedacht: Saisoneröffnung, Staatsoper Unter den Linden am Tag der Deutschen Einheit. Muss man da nicht etwas Anderes machen als dieses Stück, etwas, was politischer ist? Aber dann hätte man eine andere Oper wählen müssen. Die Vorlage ist Shakespeare, das darf man nie vergessen. Und Shakespeare zeichnet sich dadurch aus, dass er sich einem direkt auf die Gegenwart übertragbaren, eins zu eins gültigen politisch-gesellschaftlichen Diskurs entzieht, weil er eine Vielfalt des Lebens, des Menschseins zeigt.

Die »Lustigen Weiber« sind eine richtige Ensembleoper, eine eigentliche Zentralgestalt gibt es nicht. John Falstaff ist zwar der Dreh- und Angelpunkt, aber wir haben auch andere Handlungsstränge mit einer ganzen Reihe von Protagonisten. Wie hat sich denn die Zusammenarbeit mit den Sängerinnen und Sängern sowie mit dem Chor gestaltet?

Falko Herold Wirklich toll. Ich weiß nicht, ob wir jemals ein Ensemble hatten, wo wirklich Jeder und Jede solche schauspielerischen Qualitäten mitbringt.

David Bösch Die sogenannte »deutsche Spieloper« ist eines der interessantesten Genres, das es gibt. Nicolai hat den Stoff musikalisch sehr originell geformt. Die Sängerinnen und Sänger können sich auf sehr individuelle Art und Weise in die Figurendarstellung einbringen. Das ist das Schönste, wenn man als Regisseur gemeinsam etwas entwickeln kann. Da sind sowohl die generelle Bereitschaft als auch die gestalterischen Möglichkeiten bei diesem Ensemble sehr hoch.

Im Opernhaus Unter den Linden hat dieses Stück eine besondere Geschichte. Es wurde 1849 hier uraufgeführt und seitdem zehnmal inszeniert. Die bislang letzte dieser Produktionen kam vor 35 Jahren auf die Bühne. Spielte die Tradition dieses Werkes bei eurer Arbeit irgendeine Rolle?

David Bösch Es spielt eine Rolle, dass ein großes, künstlerisch bedeutendes Haus eine solche Oper spielt, so wie die »Verkaufte Braut« ein Stück ist, dass man in München eher macht als in Berlin. Das sind Stücke, die eine besondere Geschichte an einem Haus haben und einen Teil der DNA ausmachen.

Patrick Bannwart Schön ist es zu erfahren, dass es inzwischen 35 Jahre her ist, dass die Oper inszeniert wurde. Oft hört man: »Das haben wir schon vor sieben Jahren gemacht.« Jetzt fühlt man sich ein wenig befreiter, man kann wirklich eine eigene Version machen.

Welche Wünsche verbindet ihr mit der Aufführung, welche Resonanz erwartet ihr vom Publikum?

David Bösch Viele weitere Möglichkeiten, eine »Spieloper« in Zukunft zu inszenieren (lacht). Bei einer Tragödie ist es so: Wenn man da einmal weint, dann ist die Arbeit getan. Wenn man bei einer Komödie nur einmal lacht, ist das vielleicht etwas zu wenig. Ich hoffe, dass ein bisschen mehr gelacht wird, und dass dieses Lachen ein unterschiedliches Lachen ist. Das macht für mich eine gute Komödie aus. Weinen hat gar nicht so viele unterschiedliche Ausdrucksformen, Lachen schon: sowohl das Schmunzeln, das wehmütige Lächeln und das Aufglucksen als auch das Lachen, das im Hals stecken bleibt – möglichst alles soll sich finden. Immerhin befreit das Lachen ja: Auch Komödien haben eine kathartische Funktion.

Patrick Bannwart Ich kann mir vorstellen, dass die »romantischen« Momente, etwa im »Mondchor«, im Zusammenspiel von Musik und Inszenierung eine besondere, womöglich überraschende Wirkung entfalten.

Falko Herold Ich fände es schön, wenn die Produktion länger gespielt werden würde. In der Oper ist es manchmal so, dass eine Neuinszenierung nur wenige Male aufgeführt wird, dann ist sie wieder weg. Wenn ein Stück noch Jahre später ein Publikum findet, bin ich wahnsinnig glücklich. Dann sagen die Leute: »Ach, da gehen wir wieder hin.« Und vielleicht kommt es ja auch so.

Vielen Dank für das Gespräch – und natürlich gutes Gelingen bei den noch anstehenden Proben, bei der Premiere und bei allen nachfolgenden Vorstellungen.

Das Interview führten Detlef Giese und Yannick Eisenaecher.

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