Richard, Gustav, Pauline & Alma

Um die Auseinandersetzung zwischen den zwei wahrscheinlich wichtigsten Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts besser verstehen zu können, muss man sich ein Beziehungs-Quadrat vorstellen. Es wird oft gesagt, dass hinter jedem großen Mann eine Frau steht und sicherlich standen hinter Richard Strauss und Gustav Mahler zwei besondere Frauen.

Strauss und der vier Jahre ältere Mahler lernten sich 1887 in Leipzig kennen. Beide waren damals junge Kapellmeister. Ihre Korrespondenz reicht von diesem Zeitpunkt bis zu Mahlers Tod im Jahre 1911. Aus diesen dreiundsechzig erhaltenen Briefen kann man die gegenseitige Solidarität und das Verständnis der beiden Künstler füreinander lesen: Strauss unterstützte Mahler und verhalf ihm zur Uraufführung seiner ersten Sinfonie. Mahler kämpfte hingegen seinerseits z. B. um die Aufführung von Salome in Wien und dirigierte persönlich die Sinfonia Domestica sowie die Oper Feuersnot. Bei der Aufführung von Feuersnot lernten sich auch die Ehefrauen der Komponisten Alma Mahler-Schindler (später auch -Gropius und -Werfel) und Pauline Strauss-de Ahna  kennen.

Während sich die beiden Komponisten gegenseitig hochschätzten, trotz mancher Differenzen, wie sie bei solch großen Genies zwangsläufig auftraten, hielten die beiden Frauen wenig voneinander. Alma, die 19 Jahre jünger als ihr Mann war, stellte sich als die idealisierte, körperlose Muse eines spätromantischen, gequälten Künstlers vor, während Pauline (im gleichen Alter wie Richard) eine starrköpfige, wirtschaftlich denkende und aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende Frau war. Die beiden Ehefrauen stellen perfekt den Unterschied in den Weltanschauungen ihrer Männer dar, sodass einem die Zeilen aus Wagners Tristan und Isolde »Wie weit so nah! So nah wie weit!« in den Sinn kommen. In einem Brief schrieb Gustav Mahler über seine Bekanntschaft mit Strauss:

 

»Schopenhauer gebraucht irgendwo das Bild zweier Bergleute, die von entgegengesetzten Seiten in einen Schacht hineingraben und sich dann auf ihrem unterirdischen Weg begegnen. So kommt mir mein Verhältnis zu Strauss treffend gezeichnet vor.[1]«

 

Sucht man nach diesem Begegnungspunkt, findet man ihn im Vergleich zwischen Mahlers 8. Sinfonie und Strauss Oper Die Frau ohne Schatten. Beide Werke haben das Geheimnis der weiblichen kreativen Macht zum Thema, sie behandeln es aber auf unterschiedliche Art und Weise: die »irdische« Färberin ist ein liebevolles Porträt der launischen Pauline, während die Schluss-Szene aus Goethes Faust in der 8. Sinfonie den starken »Marienkomplex« Mahlers (den Sigmund Freud ihm in einem Kolloquium attestiert hatte) aufweist.

Von da an trennten sich die Wege der Komponisten. Mahler starb keine zwei Jahre nach Vollendung seiner 8. Sinfonie. In seinen späten Werken (9. Sinfonie und Das Lied von der Erde) überwiegt eine Abschiedsstimmung. Die Partitur seiner 10., der letzten und unvollendeten Sinfonie, stellt musikalisch die Qual des Komponisten dar, der das Ende seiner Ehe mit Alma ahnte. Denn im selben Jahr begann Alma eine außereheliche Beziehung mit dem Architekten und Bauhaus-Gründer Walter Gropius. Die »himmlische Jungfrau« missbrauchte seine Liebe und Erwartung: »Leb‘ wohl mein Saitenspiel!« ist die letzte Anmerkung in Mahlers Autograph.

Strauss lebte noch vierzig Jahre mit seiner Frau zusammen und verewigte die Streitigkeiten des Ehelebens ironisch in seinem autobiographischen Intermezzo. Richard und Pauline starben kurz hintereinander, zuerst der Komponist im September 1949 und acht Monate später seine Frau. In den 1948 komponierten vier letzten Liedern sagte Strauss diesen letzten gemeinsamen  Weg voraus:

 »Wir sind durch Not und Freude gegangen Hand in Hand; vom Wandern ruhen wir nun überm stillen Land.«

Sätze, die wie ein Echo zu dem 1894 komponierten Lied Morgen! (einem Hochzeitsgeschenk für Pauline) klingen:

»Und morgen wird die Sonne wieder scheinen, und auf dem Wege, den ich gehen werde, wird uns, die Glücklichen, sie wieder einen inmitten dieser sonnenatmenden Erde. Und zu dem Strand, dem weiten, wogenblauen, werden wir still und langsam niedersteigen, stumm werden wir uns in die Augen schauen, und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen.«

[1] Mahler, Gustav: Briefe. Hrsg. von Herta Blaukopf, Wien 1996, S. 224

Dieser Text wurde von unseren Hospitanten in der Dramaturgie Alberto Luchetti, Monika Grudzka und Anne Schmidt-Bundschuh verfasst.

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