Die Eroberung des kosmischen Raums

Zangezi - Foto: Stini Roehrs

Am 12. Februar feiert Hèctor Parras »Zangezi« auf unserer Werkstattbühne Premiere. Grundlage des Musiktheaterabends ist die gleichnamige ‚Übererzählung‘ des russischen Futuristen Velimir Chlebnikov, die eine Utopie des Menschen in einer zunehmend technisierten Welt entwirft und sich auf die Suche nach einer allverbindlichen mathematisch begründeten Weltformel begibt…

Kurz vor seinem Tod im Jahre 1922 veröffentlichte der russische Avantgarde-Dichter Velimir Chlebnikov (1885–1922) die ‚Übererzählung‘ »Zangezi«, welche vom Scheitern eines selbsternannten Propheten handelt, der von einem Berg aus eine allverbindende Universal- bzw. »Sternensprache« sowie eine mathematisch begründete Schicksalstheorie predigt. In der Figur des Propheten zeichnet Chlebnikov gleichsam selbstironisch sein Alter-Ego, indem er »Zangezi« gewissermaßen zum Sammelwerk seiner poetologischen und mytho-wissenschaftlichen Überlegungen macht. Neben der Sternensprache, mit der Chlebnikov versuchte, mittels des vom ihm verfassten »Alphabets der Sterne«, eine allgemein verständliche Weltsprache zu erschaffen, steht auch sein unvollendetes Projekt »Die Tafeln des Schicksals« im Zentrum des Textes. In diesen berechnete der studierte Mathematiker das Verhältnis von Kriegen und besonderen geschichtlichen Ereignissen, um aus den jeweiligen zeitlichen Verhältnissen allgemeine Gesetzmäßigkeiten und Formeln abzuleiten, mit dem Ziel, die Zukunft vorherzusagen.

Sieben Jahre zuvor, im Dezember 1915, hatte die russische Avantgarde mit der Ausstellung »0,10«, bei der Kasimir Malewitschs »Schwarzes Quadrat« zum ersten Mal präsentiert wurde, ihren Höhepunkt erreicht. Von einer spätnietzscheanischen Weltsicht beeinflusst, welche nicht nur den »Tod Gottes« voraussetzte, sondern den Menschen ebenso als Erfinder und Entdecker verstand, erkannten vor allem die russischen Futuristen in dem nun von Gott befreiten Horizont die Potenzialität des modernen Subjekts und seines Schöpfertums. Sie setzten dem Negativismus und der damit verbundenen Idealisierung des Todes des späten 19. Jahrhunderts eine neue Vitalität sowie den unbedingten Glauben an die durch technische Fortschrittlichkeit gestaltete Zukunft entgegen. Ausgehend vom »Nullpunkt« der Entwicklung, der mit der Zerstörung alles Bestehenden durch die Kraft der Zeit gleichzusetzen ist, forderten führende Futuristen wie Chlebnikov, Malewitsch und Alexej Krutschonych in ihren vor allem zwischen den Jahren 1913 und 1917 entstandenen utopischen Entwürfen u. a. die Überwindung des Todes, die Auflösung der räumlichen Grenzen sowie eine neue Universalsprache. Im Gegensatz zu den Gewalt und Krieg verherrlichenden italienischen Futuristen um Filippo Tommaso Marinetti verband sich die Zukunftssehnsucht des russischen Futurismus mit einem konsequenten Pazifismus und Glauben an die Kraft der Kunst.

»We are as gods and might
as well get good at it.«

Stewart Brand

Insbesondere die »Eroberung des kosmischen Raumes« stellt ein zentrales Motiv im Weltverständnis der russischen Avantgarde dar, welches nicht nur von futuristischen Künstlern, sondern in sehr ähnlicher Weise auch von wissenschaftlichen Utopisten aufgegriffen wurde.

Für seine 2007 uraufgeführte elektronische Komposition entwickelte Hèctor Parra eine Struktur, welche sich aus hunderten Aufnahmen von Klängen speist: Vogelgesänge, Glottisschläge, weibliche und männliche Stimmen, schlagzeugartige Klänge aus Fabriken und der Metallindustrie bis hin zu Ausschnitten von Popsongs werden transponiert, gebrochen, resynthetisiert und verräumlicht. Die feingliedrige Polyphonie lässt immer wieder unterschiedliche Spannungs- und Zeitmomente entstehen, die sich an der »mehrschichtigen Ausdehnung der Raumzeit« orientieren. Hinzu treten drei für Sopran komponierte Passagen des Originaltexts. So u. a. ein Abschnitt des melancholischen Gedichts: »Ich, Schmetterling, der sich verflogen ins Zimmer eines Menschenlebens« und ein »Lied in Sternensprache«.

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