Das ist eine Weltgeschichte für die große Bühne!

Bereits zum vierten Mal inszeniert Andrea Breth bei uns im Schiller Theater eine Oper nach großen Theaterstücken: 2011 »Wozzeck« [nach Georg Büchner], 2012 »Lulu« [nach Frank Wedekind], beide von Alban Berg vertont, 2014 dann Janáčeks »Katja Kabanowa« [nach Alexander Ostrowski]. Seit dem 5. Juli ist ihre Inszenierung von Wolfgang Rihms Kammeroper »Jakob Lenz« [nach Georg Büchner] bei uns zu erleben, die am 12. und 14. Juli das letzte Mal in dieser Spielzeit bei uns gezeigt wird.

Für diese Koproduktion mit dem Staatstheater Stuttgart und dem Théâtre Royal de la Monnaie/de Munt Brüssel gab es hohe Auszeichnungen: Den Titel »Inszenierung des Jahres 2015« bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt und den »Faust«-Preis in der Kategorie »Regie Musiktheater«. Das hat die Regisseurin für alle Beteiligten gefreut, denn Oper ist immer ein Gesamtkunstwerk, das von der Freude, Energie, Leidenschaft aller Gewerke — von den Künstlern bis zu den Technikern — lebt: »Wir sind Partner auf Augenhöhe.« Besonders schön: Die Besetzung musste für die verschiedenen Stationen nicht verändert werden und Georg Nigl als Lenz ist immer noch der grandiose Dreh- und Angelpunkt.

Theaterkritikerin Irene Bazinger traf die Regisseurin zum Interview…

Andrea Breth inszeniert zum vierten Mal im Schiller Theater.

Wolfgang Rihm hat sein Frühwerk »Jakob Lenz«, uraufgeführt 1979 in Hamburg, im Untertitel mit der Gattungsbezeichnung »Kammeroper« versehen. Dementsprechend wurde es meist auf kleinen Bühnen gespielt. In Ihrer Inszenierung wird die Kammeroper erstmals auf der großen Bühne gezeigt. Wie kam es dazu?
Diese Oper über den unglücklichen und getriebenen, ja vertriebenen Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz passt nach meiner Ansicht überhaupt nicht, wie bislang üblich, auf eine kleine Studiobühne.

»Das ist eine Weltgeschichte! Und diese Welt muss man seitens der Inszenierung auch in großen, starken Bildern fassen und erzählen können.«

Dafür danke ich dem Stuttgarter Intendanten Jossi Wieler, der sich als erster auf dieses Risiko eingelassen hat, und dann Peter de Caluwe in Brüssel und Jürgen Flimm in Berlin, die es einstimmig mitgetragen haben. Nach der Premiere in Stuttgart im Herbst 2014 hat Wolfgang Rihm zu mir gesagt, wie glücklich es ihn mache, dass seine Kammeroper, die ja, obwohl nur elf Musiker im Graben sitzen, kein »Öperchen« sei, nun endlich dort angekommen ist, wo sie eigentlich hingehöre: Auf die große Bühne!

Sie inszenieren oft Opern, sind ursprünglich jedoch Schauspielregisseurin. Deshalb würde man Sie eher mit Georg Büchner in Verbindung bringen und nicht unbedingt mit Wolfgang Rihm.
Ich mag diese Zweigleisigkeit, es sind ja verschiedene künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten, die ich dabei nutzen kann. Sie erlaubt mir, bestimmte Versionen auszuwählen. Zum Beispiel ziehe ich Alban Bergs »Wozzeck« unbedingt Büchners »Woyzeck« vor, und auch Bergs »Lulu« dem Drama von Frank Wedekind. Die musikalischen Umsetzungen erscheinen mir bei diesen Werken viel überzeugender und vielschichtiger als die Theaterstücke. Aber die Geschichte der Maria Stuart ist mir in der Version von Schiller eindeutig lieber als die Oper von Donizetti, die in meinen Augen weit hinter der hochkomplexen und tiefenpsychologisch gezeichneten Schillerschen Tragödie zurückbleibt.

Der Sturm-und-Drang-Dichter Lenz [1751–1792] galt, um es salopp zu sagen, als ziemlich verrückter Vogel — nicht nur wegen seines unkonventionellen Benehmens und seiner progressiven Kunstansichten, sondern auch, ganz konkret, wegen seiner psychischen Erkrankung. Über sein Ende weiß man nur, dass er im Morgengrauen tot in einer Straße in Moskau aufgefunden wurde. Seine Grabstelle ist unbekannt. Was hat Sie an Lenz als Figur interessiert?
Dieser so ungewöhnliche wie unverstandene Mensch hat mich schon lange beschäftigt — wegen seiner berührenden biografischen Entwicklung, aber auch aus theatergeschichtlicher Perspektive. Seine Schriften und Stücke waren mir immer viel lieber als die von Goethe. Den schätze ich zwar als Romancier, doch seine Stücke sind mir zu langweilig. Lenz und er waren eine Zeitlang eng befreundet, haben sogar ihre Frauen auszutauschen versucht … Goethe holte ihn nach Weimar, wo es aber zu Lenz’ ominöser »Eseley« kam, wie Goethe notierte, worauf er ihn radikal fallen — und ohne Geld, ohne jede Unterstützung weggehen ließ. Man weiß bis heute nicht, was da eigentlich vorgefallen war.

Im einzigen Nachruf hieß es 1792: »Er starb, von wenigen betrauert und von keinem vermisst.« Ähnlich muss sich sein Abschied vom Weimarer Hof und aus Goethes Dunstkreis vollzogen haben, oder?
Offenbar ja. Lenz war einfach völlig unzeitgemäß. Keiner hat seine theoretischen Abhandlungen über Kunst verstanden, waren sie doch geradezu von avantgardistischer Kühnheit. In seinen Stücken wie »Die Soldaten« oder »Der Hofmeister« hat er Figuren auf die Bühne gebracht, die dort damals nichts verloren hatten und die niemand sehen wollte. Mit dem Idealismus seiner Epoche hatte er gar nichts am Hut. Bei ihm wirkte es eher so, als würde man eine Tür im klassischen Gemach von Goethes »Iphigenie« öffnen — und herein stürzte lauter Müll und Unrat und all das an Gewalt und Leidenschaft, wovon man einfach nichts wissen wollte. Das konnte einem Freigeist wie Lenz schon jede Hoffnung rauben und ihn letztlich zugrunde gehen lassen.

Bei seiner vermutlichen Schizophrenie konnte man ihm medizinisch wohl auch nicht helfen.
Nein, aber man fragt sich inzwischen, ob er seit seiner Geburt psychisch krank war oder ob er erst im Lauf seines späteren Lebens krank gemacht wurde. Nach allem, was ich heute weiß, glaube ich nicht, dass seine Krankheit endogen war, sondern dass er die Weimarer Zeit nicht verkraftet hat und quasi in den Wahnsinn getrieben wurde. Es lässt sich nicht mehr definitiv herauskriegen.

»Lenz jedenfalls war ein Künstler, der an der Welt verzweifelte. Und die Welt kümmert sich um solche Künstler nicht wirklich, weder einst noch jetzt.«

Sie stopft sie bestenfalls in eine Zwangsjacke, damit sie nicht sich selbst oder anderen etwas antun. So werden sie einerseits beschützt, andererseits entsorgt.

Die psychische Zerrissenheit und die existenzielle Unbehaustheit von Lenz charakterisiert auch das Bühnenbild von Martin Zehetgruber, oder?
Ja, er hat das Libretto genauso aufmerksam gelesen wie ich. Eines der Probleme, die er für sein Bühnenbild zu lösen hatte, war: Wie lässt sich die Natur, die in Büchners Novelle eine zentrale Rolle spielt, in den Innenraum, in dem sich Lenz hier meist aufhält, transferieren? Das hat er mit Spiegelungen und anderen optischen Brechungen, mit Wasserrinnsalen und Lichteffekten fabelhaft realisiert. Naturalismus wäre da nicht interessant gewesen, den verbietet auch Rihms abstrahierende Musik.

Wolfgang Rihms vielgestaltige Partitur zitiert diverse musikalische Formen von Chorälen über Tänze bis zu Madrigalen. Er bezeichnete die Hauptfigur Lenz »als vielschichtige Handlungsebene« und Büchners Vorlage als »Zustandsbeschreibung innerhalb eines Zerfallsprozesses«. Wie inszeniert man so etwas?
Kurz gesagt: Man muss sich, wie immer, gründlich, intensiv und gnadenlos vorbereiten — und dann auf den Proben alles vergessen! Wenn eine Probe wirklich gelungen ist, weiß ich, dass im Grunde nicht ich gearbeitet habe, sondern dass »Es« am Werk war. Es ist gar nicht gut, wenn sich bei einem solchen Vorgang das »Ich« allzu sehr in den Vordergrund drängt. Aber wenn alles fließt und das »Es« die Regie übernimmt, kann etwas daraus werden. Die gleiche Erfahrung, habe ich mir erzählen lassen, kennen die Schauspieler und Sänger.

Also der geradezu meditative Schaffensrausch, den die Psychologen als »Flow« bezeichnen?
Ja, und so eine Intuition kann man wahrscheinlich ebenso wenig erklären wie die Inspiration. Aber plötzlich ist dieses magische »Es« da und arbeitet. Dadurch entsteht wirklich ein unwiderstehlicher Sog und zieht alle kreativ und sinnlich mit hinein.

Ist so eine Hingabe an die Arbeit anstrengend?
Nein, sie ist großartig! Anstrengend wird es höchstens, wenn sie wegbleibt. Denn wenn man zu viel »hirnen« muss auf einer Probe, also zu viel mit dem Kopf arbeiten muss, tut einem danach alles weh. Im besten Fall aber, wenn alles fließt, wird man fast zu einem Kind. Und Kinder kommen auch nicht an und sagen, uff, es war so anstrengend zu spielen …

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