Hörtipps Georg Philipp Telemann

Hörtipps Telemann

Passend zur Premiere der Barockoper »Emma und Eginhard« gibt Detlef Giese Hörtipps zu Komponist Georg Philipp Telemann.

Neulich war ich dabei, als live getwittert wurde. Es war nach den letzten Klängen eines Sinfoniekonzerts, der Maestro samt seinem Orchester von tosendem Applaus umbrandet, das Publikum restlos begeistert. Das schien der rechte Moment für meine neben mir platzierte liebe Kollegin zu sein, ihr Mobiltelefon zu zücken und allerlei Aktivitäten damit zu veranstalten. Erst ein Foto, muss ja sein, dazu noch etwas Text, wie es sich für die Freunde des gepflegten Wortspiels gehört. Aha, dachte ich mir, das Ganze hat bestimmt etwas mit den sogenannten »Social Networks« und dem Internetz zu tun, dessen Wesen ich ja seit einiger Zeit zu ergründen suche.

Auf meine Frage, was sie denn da tue, ob sie vielleicht »fähsbucke«, antwortete sie nur lapidar: »Ich twittere.« Eigentlich hatte ich mir das ein wenig spektakulärer vorgestellt, sieht man einmal von der ganz erstaunlichen Behändigkeit ab, mit der die Daumen über den (oder das) »Tatschskrien« glitten, ähnlich rasch wie die Finger des höchst formidablen Pianisten, wenn er die Tongirlanden der komplexen Boulez’schen Notentexte zu Klang werden lässt. Wenigstens hätte ich erwartet, dass dieses besagte Twittern effektvoll akustisch untermalt wird, etwa durch ein prägnantes »Twiet-Twiet« nach vollbrachter Arbeit oder zumindest durch ein aufmunterndes »Tschilp-Tschilp« aus dem Schnabel des lustigen Vögelchens, welches das Icon ziert. Zumal ja, wie ich gelernt habe, beim Twittern der alte, in vordigitalen Zeiten an jeder Telefonzelle (gibt es so etwas heute überhaupt noch?) prangende Vorsatz gilt: »Fasse dich kurz!«, analog zu dem Ausspruch des armen Poeten Rodolfo im ersten Bild von Puccinis »La Bohème«, der verlauten lässt: »La brevità, gran pregio«, was die Kollegen der Komischen Oper weiland kongenial mit »In der Kürze liegt die Würze« übersetzt haben. Kurz und bündig, so stellte sich auch der Twitter-Eintrag anderntags dar, garniert mit ebenjenem Foto, dessen Bannung in den gefrorenen Zustand des Gewesenen ich unmittelbar Zeuge sein durfte. Und alles passierte vollkommen lautlos – wie Schnee, der sanft aus den Höhen der Stratosphäre zu uns auf die Niederungen der Ebene herabrieselt.

Apropos Schnee: Jetzt kommt ein Stück auf die Bühne, bei dem es schneit. Nicht wirklich natürlich, aber doch schon mehr als virtuell, Theaterschnee eben, aus kleinen, weißen, kristallinen Gebilden bestehend. »Emma und Eginhard« nennt sich dieses Opus aus der Feder des Magdeburgers Georg Philipp Telemann, der seinerzeit selbst den guten Johann Sebastian Bach in puncto Bekanntheit in den Schatten stellte (dabei firmierte er sogar als Taufpate für dessen Zweitgeborenen Carl Philipp Emanuel, wie unschwer am zweiten Vornamen des Knaben abzulesen ist) und über viele Jahre als prominentester deutscher Komponist galt.

Es schneit also bei »E & E«, wie wir Insider sagen, und das aus gutem Grund, sonst käme die Story gar nicht zur vollen Entfaltung. Die Geschichte, legendenhaft verklärt, ist schon ein paar Tage her. Kurz nach 800 trägt sie sich zu, vor rund einem Dutzend an Jahrhunderten. Emma, eine Tochter des großen Karl, seines Zeichens frischgebackener Kaiser des Abendlandes, ist dem feingeistigen Schreiber ihres Herrn und Vaters, mit dem schönen Namen Eginhard benennet, amourös verbunden – eine Mesalliance, die naturgemäß Konfliktstoff in sich birgt, ist besagter Eginhard – in Wirklichkeit eigentlich Einhard, der Verfasser der berühmten »Vita Karoli Magni« – in unserer Oper doch ein bürgerlicher Aufsteiger, in dem nicht »das Blut von Purpurschnecken«, wie er selbst einmal verlauten lässt, pulst, wohl aber intellektueller Scharfsinn und eine immer wieder durchscheinende poetische Ader, die ihn zur Schönrednerei ebenso befähigt wie zum Süßholzraspeln. Dabei bleibt er doch stets ein Sympathieträger, im Gegensatz zu so manchen anderen Figuren, wie etwa den abgehalfterten General Alvo, die intrigante Hofschranze Adelbert oder die stolz-kapriziöse Kaisergemahlin Fastrath, die es unter dem Namen Fastrada historisch tatsächlich gab. Emma und Eginhard aber, E & E wie gesagt, sind die hellen, strahlenden Lichter unseres Stückes, die gleichwohl ein Verwirrspiel mit den anderen Beteiligten zu treiben beginnen. In der Nacht nämlich, die Eginhard – nicht so ganz legal – in den Gemächern der Emma verbrachte, schneit es, dieweil es Winter ist. Irgendwie muss der Schreiberling aber wieder zurück, in seine eigene bescheidene Behausung.

Die Fußspuren im Schnee würden ihn aber gewiss verraten. Was also tun? Beherzt greift Emma ein: Da der Eginhard zwar über einen großen Geist, keineswegs aber über einen massigen Körper verfügt, trägt sie ihn auf den Schultern kurzerhand in sein Heim, um dann in den eigenen Fußabdrücken zu retournieren. Es könnte so gewitzt sein, wäre da nicht ein schlafflüchtender Beobachter. Keine Anderer ist es als Kaiser Charlemagne selbst – der historische Karl soll, nach Einhards Zeugnis, im Übrigen vier- bis fünfmal pro Nacht nicht nur aufgewacht, sondern sogar aufgestanden sein, um seinen Staats- und anderen Geschäften nachzugehen, die Szene scheint also wirklich aus dem Leben gegriffen zu sein –, dem das Geschehen unter seinen Augen wahrlich nicht behagt. Wilhelm Busch hat es in seiner unvergleichlichen Manier reimend auf den Punkt gebracht: »Was sieht er da, vor Schreck erstarrt? / Die Emma trägt den Eginhard.« Aber: »Ente gut, alles gut!«, schließlich gibt ihm sein Gewissen ein, die Emma möge doch ihren Galan bekommen, den er flugs noch in den Adelsstand erhebt (erinnert das nicht irgendwie an das schwedische Königshaus?) und somit für die rechten Zustände und – fast – allseitige Zufriedenheit sorgt.

Dieses Bild im Schnee hat die Sage von »E & E« berühmt gemacht. Telemanns Musik kann hoffentlich wieder berühmt werden, denn sie ist absolut hörenswert. Es stimmt zwar, dass er viel komponiert habe und deshalb als »Vielschreiber« deklariert werde, aber es ist auch viel Gutes darunter, wie René Jacobs gerne zu sagen pflegt. Und da hat er zweifellos recht. Man kann es, wenn man denn möchte, erfahren, vor allem auch durch die Tonaufnahmen, die er in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten gemacht hat. Als Countertenor hat er eine Reihe von Kantaten und Oden eingespielt, das war noch in den 80er Jahren. Mitte der 90er dann die erste Oper: »Orpheus oder die wunderbare Beständigkeit der Liebe« (»E & E« trägt als Nebentitel übrigens den Zusatz »Die Last-tragende Liebe«, schöner kann man es eigentlich nicht formulieren, da scheint Eginhard selbst am Werke gewesen zu sein) und 2008 die »Brockes-Passion«, die Telemann auf der vollen Höhe seiner musikalischen Ausdruckskunst zeigt. Es soll ja Leute geben, denen die Bach’schen Passionen über alles gehen – und das hat ja auch eine gewisse Berechtigung –, Telemanns Werk ist in vielen seiner Teile aber vollkommen gleichrangig: Man möge nur hören und staunen.

Es dürfte wohl nur ganz Wenige geben, die das gewaltige Œuvre Telemanns überblicken. Mehr als 1.500 Kantaten kann man kaum kennen (von Bach gibt es gerade einmal etwas über 200), dazu mehrere hundert Orchester- und Kammermusikstücke, Instrumentalkonzerte, Oratorien, Opern und noch dies und das. Es macht mir, ehrlich gesagt, immer etwas Angst, vor einem solchen riesigen Berg an Musik zu stehen. Immerhin geht es auch anders: Anton Weberns Kompositionen passen, von der Spieldauer her gesehen, auf drei CDs, die »Complete Edition« von Maurice Ravel inkludiert derer 14, selbst Wagner benötigt »nur« ca. drei Dutzend Silberscheiben. Reicht doch, möchte man meinen. Aber: Es gehört wohl zum Phänomen Telemann, dass die Masse Gravitation erzeugt und man doch immer wieder fürbass erstaunt ist, was es alles gibt und – der Einsicht des guten René folgend – welche Qualität sich darunter befindet. Man höre nur einmal die späte Kantate »Ino«, die schon beinahe wie Haydn klingt. Nikolaus Harnoncourt, auch er ein bekannt entdeckerfreudiger »Early-Music-Man«, hat sie mit dem Concentus musicus Wien in den späten 80ern eingespielt, mehr als zwanzig Jahre zuvor mit »Der Tag des Gerichts« ein großes, künstlerisch sehr ambitioniertes Oratorium. Reinhard Goebel hat sich gemeinsam mit seiner Musica Antiqua Köln schon beizeiten der vielgestaltigen »Tafelmusik«, die vielleicht von allen Werken Telemanns am meisten Verbreitung fand, gewidmet, zusammen mit einigen der vielen, vielen Konzerten, die Telemann mit leichter Hand, aber unbestreitbar hohem Können geschrieben hat.

Wer Telemanns Musik in ihrer ganzen »Varietas« erleben möchte, sollte sich den insgesamt 25 Lektionen des »Getreuen Music-Meisters« zuwenden. Das sind Stücke verschiedenster Art – Opernarien, Ouvertüren, Sonaten, Kompositionen für das »Clavier« oder auch lediglich ein paar satztechnische Kunststückchen –, die er 1728/29 in einer eigens publizierten Musikalienzeitschrift mit dem erwähnten Titel versammelt hatte. Und was lässet sich darin finden, unter vielem anderen? Fünf Arien und ein Duett aus »Emma und Eginhard«, sozusagen einige Highlights aus diesem gerade zu dieser Zeit auf die Bühne der Hamburger Oper am Gänsemarkt (Tiere kommen immer gut an!) gebrachten Werkes. Die Camerata Köln unter Michael Schneider hat den kompletten »Music-Meister« in den frühen 90ern eingespielt, natürlich inklusive der »E & E«-Musik. Wer Eginhards Sarabande »Vergiss dich selbst, mein schönster Engel« nicht mag, dem kann man wahrlich nicht helfen, und auch die Arie der fränkischen Prinzessin Hildegard »Sage mir doch nichts von Liebe« und das Duett der beiden Protagonisten »Ich folge dir bis an der Welt Ende« gehören zu den ganz wunderbaren, berührenden Passagen. Und dann erst die »Schneemusik«, in unserer Aufführung der zweite, langsame Satz aus dem Violin-Concerto, mit welchem die Oper anhebt! Poetischer hätte es selbst Eginhard nicht in Worten ausdrücken können, was hier in der Musik passiert. Ließe sich darüber vielleicht etwas twittern? Und vielleicht noch ein Bild »posten«, wie man so sagt, natürlich eines, das den Moment des Schneiens vergegenwärtigt?

Das fragt, mit allen guten Wünschen für das Telemann’sche Opus und für alle Diejenigen, die es zu Klang und Darstellung werden lassen

Euer Detlef Giese

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