»Ich würde mir wünschen, dass Georges Bizet im Komponistenhimmel sich darüber freut«

Am 24. Juni wird Wim Wenders mit Georges Bizets »Les pêcheurs de perles« sein Opernregiedebüt bei uns geben. Im Interview mit Chefdramaturg Detlef Giese verriet der Regisseur, warum er für sein Debüt die »Perlenfischer« wählte und wie Daniel Barenboim, der die musikalische Leitung inne hat, auf seinen Vorschlag reagierte, genaue diese Oper mit ihm auf die Bühne bringen zu wollen.

Georges Bizets »Les pêcheurs de perles« ist ein eher seltener Gast auf den Opernbühnen, während seine »Carmen« bekanntlich ein Welterfolg geworden ist. Warum war gerade dieses Stück von Interesse?
Gerade weil es so unterschätzt ist! Aber ich muss ausholen! Ich habe es als ein großes Geschenk gesehen, als Daniel Barenboim mich gefragt hat, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zusammen eine Oper zu machen. Natürlich! Und wie! Aber womit betritt man so ein Neuland zum ersten Mal? Der Maestro hatte dazu ein paar Vorschläge, aber vielleicht hätte ich ja auch selber eine Idee, bot er mir an. Ein Schlaraffenland tat sich auf …

Nach ein wenig Bedenkzeit schien mir, dass ich diese »Qual der Wahl« nicht wollte, im Gegenteil. Wenn man schon etwas Schönes zum ersten Mal machen darf, dann gehört dazu eine gewisse Notwendigkeit.

»Es durfte also vor allem nicht beliebig sein, welche Oper das sein würde, sie musste sich geradezu aufdrängen.«

Und schon war ich bei den Perlenfischern. Diese in meinen Augen (besser: Ohren) zu Unrecht so übersehene (oder überhörte) Oper spielte in meinem Leben einmal eine wichtige Rolle. Die Umstände tun wenig zur Sache, aber die innige Beziehung zu dieser Musik, die sich daraus ergeben hat, schon. Keine andere Opernmusik war mir so ans Herz gewachsen. Das war vielleicht nicht unbedingt ein »musikalischer« Grund, sondern ein emotionaler, womöglich sogar ganz persönlicher, aber nur wenn man zu einer Aufgabe einen eigenen Bezug hat, kann man ihr auch etwas von sich geben, etwas von sich selbst investieren.

»Dann kam die Stunde der Wahrheit, als ich Daniel Barenboim meine Idee vortrug. Wie wäre es, wenn wir Bizets Perlenfischer machten? Dem folgte erst einmal ein etwas überraschtes Erstaunen. Aber ich werde nie den Moment vergessen, als er dann bat, dass man ihm aus der Bibliothek des Hauses die Partitur bringen möge.«

Die war schnell zur Stelle, der Maestro schlug die ersten Seiten auf, las, blätterte um, wählte eine spätere Passage, las, blätterte um und ‒ für mich eine atemberaubende Erfahrung ‒ hörte dabei die Musik im inneren Ohr, summte sie geradezu mit, und blickte nach ein paar Minuten auf und sagte: »Ja, das gefällt mir, das ist schön! Wissen Sie: Ich habe das nie gespielt, und nur einmal in meinem Leben gehört, in Tel Aviv, als junger Mann. Und die Arie des Nadir, die Ihnen so gut gefällt, wurde von einem unbekannten spanischen Tenor gesungen, namens Plácido Domingo! Auf Hebräisch. Lassen Sie uns das machen. Ich freue mich darauf!«

Die Tatsache, dass Daniel Barenboim diese Oper noch nie dirigiert hatte, und dass wir sie zusammen entdecken durften, das war das eigentliche Geschenk, das ich nicht nur der Großzügigkeit meines Dirigenten, sondern auch der des Intendanten des Hauses, Jürgen Flimm, verdanke.

Was sind ‒ aus ganz subjektiver Sicht ‒ die besonderen szenischen und was die musikalischen Qualitäten dieses Werkes, das Bizet im Alter von erst 24 Jahren geschrieben hat?
Das sind drei interessante Figuren, die Bizet uns da vorführt. Eine erstaunliche Frau, diese Leïla, halb Priesterin oder Nonne, halb eine mutig Liebende. Und diese beiden Freunde, die sich seit Kindheit kennen, sind auch ganz besonders. Nachdem sie sich versprochen hatten, von dieser Frau zu lassen, die sie beide glühend verehrten ‒ eben um ihre Freundschaft zu bewahren ‒ ist der eine, Nadir, in die Welt gezogen, um seine Liebe zu vergessen, der andere, Zurga, ist Politiker geworden, sozusagen, und Herrscher dieses kleinen Volkes von Fischern. Auch er hat seine Liebe abgetötet, aber gleich gründlich. Jetzt hat er keine Gefühle mehr und langweilt sich entsetzlich. Hier beginnt die Geschichte, und zwar damit, dass alle drei Figuren an einem Ort wieder zusammenkommen. Und schnell kommt alles, was sich da seit der Trennung aufgestaut hat, ans Tageslicht. Dass Nadir sein Wort nicht gehalten und diese Frau heimlich kennengelernt hat, dass die sich ihrerseits trotz ihres Gelübdes unsterblich in ihn verliebt hat, und dass ihr neuer Arbeitgeber ausgerechnet Zurga ist, der von allem nichts weiß. In dessen Land, an dessen Strand, nimmt das Schicksal nun seinen Lauf.
An diesem großen Perlenstrand leben auch unsere Fischer, besser DER CHOR, im musikalischen oder dramatischen Terminus. Die sind von all dem, was ab jetzt passiert, betroffen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich habe jetzt nur über szenische Dinge gesprochen, nicht über musikalische. Mit welchen Orchester- und Gesangsmitteln diese Geschichte von verbotener Liebe, Eifersucht, Enttäuschung und Verzeihen erzählt wird, darüber kann ich nicht sprechen. Dafür fehlt mir das Vokabular.

»Wenn ich sage, dass mich diese Musik sehr bewegt, wissen Sie auch nicht mehr. Das unglaublich reichhaltige Vokabular dafür, und die komplexe Grammatik beherrscht Daniel Barenboim so, dass es besser ist, seine Sprache zu hören als dass ich darüber rede.«

Welche Rolle spielt der im Libretto vorgegebene Ort des Geschehens, die Insel Ceylon im Indischen Ozean?
Gute Frage. Bizet dachte erst an Mexiko, dann haben seine Librettisten ihn aber in den Indischen Ozean verschleppt, an einen exotischen Ort, von dem, glaube ich, keiner der Beteiligten viel wusste, schon gar nicht von dessen Religion oder Kultur. Ich habe das deswegen auch nicht so ernst genommen, nur »Insel« und »Perlenfischer«. (Solche habe ich einmal kennengelernt, sogar einmal eine Weile in einer Hütte auf Stelzen unter ihnen gelebt, in einer Lagune vor der Insel Huahine im Pazifik. Nicht, dass ich davon in der Inszenierung hätte zehren können.)

Unser Ort ist deswegen eher ein legendärer, mythischer, »in weiter Ferne, auf einer Insel in einem der Sieben Meere.« Mit meinem Bühnenbildner David Regehr haben wir uns vor allem einen großen Strand ausgedacht, den größten, der ins Theater passte. Und weil wir keinen Sand auf die Bühne schleppen wollten, haben wir uns Mühe gegeben, dem Strand eine ganz besondere Oberfläche zu geben. Aber dem will ich nicht vorgreifen, das erschließt sich im Laufe des Zuschauens. Außer diesem leeren Ort gibt es auf der Bühne nichts. Bloß die Menschen und das Licht. Das spielt dafür eine umso wichtigere Rolle, von gleißendem Sonnenlicht zur Abenddämmerung bis zu tiefster Nacht und hin zum Sonnenaufgang am nächsten Morgen. Unser wichtigster künstlerischer Mitarbeiter war deswegen unser Lichtgestalter Olaf Freese, der unseren Strand auch zu einer Art »Lichtung«, zu einem »Zelt« und schließlich zu einer »Hinrichtungsstätte« werden ließ. Und mit meiner Kostümbildnerin Montserrat Casanova haben wir Kostüme entwickelt, die nicht heutig sind, sondern eher zeitlos, die aber doch die jeweiligen Personen charakterisieren. Auch der Chor sollte kein folkloristisches Bild von einem Fischervolk ergeben, aber doch eine irgendwie hilflose Menschenmenge zeigen, die neugierig ist, hin- und hergerissen, erzürnt, aufgewiegelt, sowohl Opfer als auch Täter. Und dabei auch ein wenig »exotisch«. Die Librettisten wussten damals nicht viel über dieses imaginäre Volk von Perlenfischern. Ich wollte sie aber auch nicht umdichten in Touristen am Strand von Mallorca. Ich wollte überhaupt nichts umdichten, höchstens versuchen, etwas offenzulegen oder selbstverständlich zu machen.

Welcher Grundidee folgt die Bühnengestaltung, einschließlich der Video-Projektionen, des Lichts und der Kostüme?
Unser Wunsch war, die Geschichte so weit wie möglich »freizulegen« und so einfach zu erzählen, dass man durch alle unsere Mittel vor allem zum Hören geführt oder ermutigt wird. Ich habe oft Opern gesehen, wo es immer was zu gucken gibt, derart, dass das Zuschauen wichtiger wird als das Zuhören. Vielleicht klingt das merkwürdig aus dem Mund eines Filmregisseurs, dem es vor allem um Bildsprache geht: Ich möchte nicht, dass man rausgeht und sich erinnert, etwas Tolles gesehen zu haben, sondern dass man diese Musik entdeckt hat, und dass vor allem diese uns die Geschichte erzählt hat. Bizet hat mit seiner Musik eine eigene Welt geschaffen. In diese hinein führt Daniel Barenboim mit großer Virtuosität.

In den »Perlenfischern« finden wir eine klassische Dreieckskonstellation: eine Frau zwischen zwei Männern. Wird das auch so klassisch zu sehen sein?
Ich denke schon. In der Geschichte ist die Frau allerdings nicht hin- und hergerissen zwischen den beiden Männern, sondern hat nur den einen kennengelernt, weil der sich über das Versprechen unter den zwei Männern, dieser Frau ihrer Freundschaft wegen zu entsagen, hinweggesetzt hat. Der andere ist erzürnt und irre eifersüchtig, als er merkt, dass er hintergangen wurde, also seine Liebe nie eine Chance hatte, und sich ganz umsonst kasteit und letzten Endes allen Gefühlen entsagt hat. Die wichtigen Vorgeschichten zur eigentlichen Handlung der Oper erfährt man im Libretto allerdings nur als »Flashback«, als verbale Erinnerung, und das haben wir versucht, mit filmischen Mitteln herauszuschälen.

Wie hat sich die Arbeit mit den Protagonisten auf der Bühne gestaltet, mit den vier Solisten und über 80-köpfigen Chor?
Die Arbeit mit den vier Solisten war ein einziges Vergnügen, und solche wunderbaren Stimmen jeden Tag hören zu dürfen ein unglaubliches Privileg. Ich kann da keinen hervorheben, weil einfach jeder umwerfend ist. Als ich Olga Peretyatko-Mariotti das erste Mal auf der Probebühne habe singen hören, habe ich eine Gänsehaut bekommen, und das ist jetzt noch in jeder Probe so. Francesco Demuro hatte eine große »Verantwortung«, sozusagen, weil ich die Perlenfischer über die Arie des Nadir kennen und lieben gelernt habe. Er hat mich diese »Voreingenommenheit« völlig vergessen lassen und singt seinen Part so, als hätte ich ihn noch nie gehört. Gyula Orendt gestaltet die Figur des Zurga so, dass man ihn in seiner ganzen Zerrissenheit versteht. Er ist ein bisschen der heimliche Hauptdarsteller, weil die Geschichte mit ihm beginnt und endet, auch wenn es natürlich in der Mitte hauptsächlich um das Liebespaar geht. Wolfgang Schöne singt den Nourabad, eine Art Hohepriester oder auch Leïlas Manager, mit einer großen Kraft, er gibt dieser »Nebenrolle« eine schöne Würde.
Die Arbeit mit dem Chor war für mich die komplexeste Aufgabe, auf die ich auch am wenigsten vorbereitet war. Das war mit keiner Erfahrung, die ich vorher als Regisseur gemacht habe, zu vergleichen. 86 Menschen vor sich zu haben, die mitunter mit monumentaler Wucht singen, das fühlte sich durchaus so an, als sei man in einem Raubtierkäfig den Löwen ausgeliefert. So ein Chor ist ein furchterregendes Tier. Da musste ich mich erst mal trauen, davorzutreten, geschweige denn es zu zähmen.

Welche Erwartungen sind mit dieser Aufführung verbunden, der ersten Operninszenierung des Filmregisseurs Wim Wenders?
Ich kann nur über die Erwartungen reden, die der Filmregisseur an sich selber hat. (Ich weiß ja nicht viel über das »Opernpublikum«.) Und außerdem hatte ich Zeit meines Lebens dieses Ding mit »Erwartungen«: die haben mich nie beflügelt, immer nur behindert. Nach Paris, Texas wollten alle »bitte noch mal so was«. Das hat mich völlig gelähmt und mir geradezu den Atem genommen. Also hab ich das krasse Gegenteil gemacht, den Himmel über Berlin. Wieder dasselbe. Kaum macht man was richtig, soll man’s bitte immer weiter richtig machen. Und das kann nur dazu führen, dass es »routiniert« wird.

»Und Routine ist die Hölle! Damit geht notwendigerweise jenes Geheimnis verloren, das überhaupt je etwas Richtiges hat entstehen lassen.«

Was also erwarten? Weil dies ein erstes Mal ist, kann Routine nicht ins Spiel kommen. Aber natürlich kann man’s auch mit Nichtwissen oder Naivität oder Unverständnis vergeigen. Also: vielleicht sollte ich besser von Wünschen reden, die ich habe, statt von Erwartungen. Ich würde mir wünschen, dass Georges Bizet im Komponistenhimmel sich darüber freut, dass sein etwas in Ungnade gefallenes Werk, das er sich 1863 im Alter von 24 Jahren ausgedacht hat, dass dieses genialische Erstlingswerk 2017 sowohl musikalisch als auch erzählerisch besteht. Wenn sich das so ergibt, wird er sich vor Daniel Barenboim verbeugen, vor den Solisten und dem Chor, und mir vielleicht zuzwinkern.

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