Lesetipps zu MEDEA

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In unserer neuen Rubrik  möchten wir Euch jeden Freitag zum Wochenende ein paar Tipps mitgeben, die das Programm noch mal auf eine andere Art und Weise beleuchten und Euch hoffentlich neugierig machen! Den Anfang macht Sergio Morabito, Produktionsdramaturg unserer Eröffnungspremiere MEDEA, mit seinen Leseempfehlungen zur Produktion. 

Natürlich kann man die Médée-Aufführungen an der Staatsoper zum Anlass nehmen, die Medea-Tragödie des Euripides (wieder) zu lesen; idealerweise in der günstigen zweisprachigen Reclam-Ausgabe, übersetzt und herausgegeben von Karl Heinz Eller, Stuttgart 1983. Gerade in ihrem Verzicht auf lyrische Überhöhung zugunsten ihrer Bindung an die Wörtlichkeit des Textes, findet Ellers Übersetzung zu einem präzisen Stil, nüchtern und spannend zugleich. Die gedanklichen und emotionalen Täuschungen und Selbsttäuschungen, Fluchtversuche und Sackgassen der Figuren werden bedrängend nachvollziehbar. Bereits die gewählte Sprachform der Übersetzung vermittelt, dass Euripides anhand des mythischen Stoffes konkrete, gesellschaftliche Fragen der Geschlechterordnung und des Verhältnisses der Polis zu anderen Kulturen diskutiert.

Alle folgenden künstlerischen Ausgestaltungen der Medea-in-Korinth-Episode sind in Anlehnung, Variation und Gegenentwurf Interpretationen von Euripides’ 431 v. Chr. uraufgeführtem Theaterstück. Wer sich in diesen spannenden kulturgeschichtlichen Längsschnitt vertiefen möchte, sei auf Albrecht Dihles Aufsatz „Euripides’ Medea und ihre Schwestern im europäischen Drama“ hingewiesen, eine für jeden Interessierten ebenso angenehme wie gewinnbringende Lektüre (in: Antike und Abendland, Band XXII, Berlin/New York 1976, S. 175-184). Die Pointe seines brillanten Close reading ist die These, dass die schon in der Antike einsetzende Deutung der euripideischen Medea als „Tragödie der Leidenschaft“ ein vulgärpsychologisches Missverständnis darstellt. Denn es ist Medeas rationaler Vernunft- und Ehrbegriff, der das Opfer der Kinder fordert und letztlich unausweichlich macht, und nicht ihre angeblich ungezügelte, barbarische Emotionalität. In Wahrheit ist es ihr Liebes- und Empathievermögen, das ihrer Vernunft in diesem Kampf unterliegt. Unabhängig davon, ob man bereit ist, Dihle in allen Punkten zu folgen – seine Interpretation bleibt unter Altphilologen bis heute umstritten – öffnet sie Augen und Ohren für die faszinierenden Widersprüche der inkommensurablen Medea-Gestalt.

Höhepunkt der neuzeitlichen Medea-Aneignung ist zweifellos Heiner Müllers Trilogie „Verkommenes Ufer – Medeamaterial – Landschaft mit Argonauten“ (Heiner Müller, Werke Band 5: Die Stücke 3, Frankfurt 2002) als Kondensat abendländischer Gewaltgeschichte.

Cherubini-Literatur ist bis heute dünn gesät. Richard Hohenemsers „Luigi Cherubini: Sein Leben und seine Werke“ (Leipzig, 1913) ist trotz punktueller Zeitgebundenheit bis heute eine ausgezeichnete Einführung in das Leben und Schaffen dieses Komponisten für eine breite Leserschaft. Hohenemser durchleuchtet die Partituren mit großem Einfühlungsvermögen und seine Analysen sind für jeden Musikfreund hörend nachvollziehbar. Hohenemser hat durch Michael Fends Studie „Cherubinis Pariser Opern (1788-1803)“, Stuttgart 2007 ein gewichtiges zeitgenössisches Pendant erhalten, das sich allerdings aufgrund seiner spezifischen wissenschaftstheoretischen Perspektive an einen sehr viel engeren Leserkreis richtet.

Sergio Morabito

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