Eine Spielzeit voller »Zauberflöten«

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Mozarts »Zauberflöte« ist ein Phänomen: die weltweit meistgespielte deutschsprachige Oper, hierzulande der Klassiker für Operneinsteiger, aber genauso für langjährige Fans. Denn trotz ihrer Bekanntheit lässt sich die Handlung dieser Oper kaum auf einen Nenner bringen, da sich alles als anders entpuppt, als es auf den ersten Blick scheint: Die abenteuerliche Geschichte von der Rettung Paminas aus den Fängen Sarastros wandelt sich zum vom Freimaurertum inspirierten Ideendrama, die anfangs so klare Grenze zwischen Gut und Bösen verschwimmt; schließlich sehen sich Tamino, seine Geliebte Pamina und ihr gefiederter Gefährte Papageno plötzlich vor Prüfungen gestellt, die sie – zumindest im Fall von letzterem – gar nicht unbedingt bestehen möchten.
Die höchst disparate Geschichte hat im Laufe ihrer mehr als 200-jährigen Rezeption verschiedenste Deutungen erfahren, ohne dass jemals eine Interpretation alle Rätsel der »Zauberflöte« auf einmal hätte lösen können.

Das nimmt die Staatsoper zum Anlass, Mozarts Meisterwerk 2018/19 gleich in zwei verschiedenen Inszenierungen zu zeigen – ein ungewöhnlicher Schritt, denn eigentlich ist es in Opernspielplänen gängige Praxis, eine ältere Inszenierung durch die neue zu ersetzen. Hier tritt dagegen Yuval Sharons kreative Neubefragung der »Zauberflöte« gleichberechtigt neben die bestehende Inszenierung August Everdings, einer der Klassiker im Repertoire der Staatsoper mit den rekonstruierten Dekorationen Karl Friedrich Schinkels von 1816, darunter der berühmte Sternenhimmel der Königin der Nacht. So laden zwei Inszenierungen desselben Werkes im direkten Vergleich zur Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven ein.

Wenn »Die Frau ohne Schatten« die »Zauberflöte des 20. Jahrhunderts« darstellt, so kann man guten Gewissens bei Jörg Widmanns »Babylon« von der »Zauberflöte des 21. Jahrhunderts« sprechen

Nicht nur Regieteams und Musikwissenschaftler haben zur Rezeption der »Zauberflöte« beigetragen, sondern auch Mozarts Komponisten-Nachfahren. Daher stehen zwei weitere Werke auf dem Staatsopernspielplan, die thematisch an die »Zauberflöte« anknüpfen. Den Anfang zur Eröffnung der Spielzeit am 16. September macht Strauss’/Hofmannthals »Die Frau ohne Schatten«, ein symbolistisches Kunstmärchen, bei dem beiden Autoren von Anfang an »das Musikalische des Prüfungs- und Läuterungsmotives, die Verwandtschaft mit dem Grundmotiv der ›Zauberflöte‹« bewusst war. In einem Brief an Strauss beschrieb Hofmannthal das Verhältnis zur Vorlage: »Das Ganze (…) verhielte sich, beiläufig gesagt, zur ›Zauberflöte‹ so wie sich der ›Rosenkavalier‹ zum ›Figaro‹ verhält: das heißt, es bestände hier wie dort keine Nachahmung, aber eine gewisse Analogie.« Eine Analogie, die sich über das Motiv, die eigene Charakterfestigkeit beweisen zu müssen, bis hin zur Figurenkonstellation fortsetzt. Tamino und Pamina erscheinen hier als das Kaiserpaar (mit vertauschten Rollen, da sie ihn retten muss), Sarastro mutiert zum Geisterkönig Keikobad, die dämonische Königin der Nacht wird zur Amme degradiert und Papageno darf als Färber Babak zwar nicht seine Natur als Komiker, aber immerhin seine Gutmütigkeit beweisen. Auch wenn die durchaus bombastisch daherkommende, üppig instrumentierte Musik der »letzten romantischen Oper« (Strauss) nicht sofort an Mozart gemahnen lässt, gibt es versteckte Fingerzeige: So ist der Anfang bei Strauss in es-Moll wie eine verdunkelte Variante des Beginns der »Zauberflöten«-Ouvertüre in Es-Dur. Gleich zu Beginn setzt Strauss auch das von Mozart geliebte (und sonst überhaupt nur wenig eingesetzte) Bassetthorn ein, eine Art Alt-Klarinette, das in der »Zauberflöten«-Partitur bei den feierlichen Märschen der Priester beteiligt ist.

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Einer der Klassiker im Repertoire der Staatsoper: August Everdings Inszenierung von Mozarts »Zauberflöte«. Einzigartig macht sie die Rekonstruktion von Karl Friedrich Schinkels 1816 für die damalige Hofoper Unter den Linden entstandenen Dekorationen.

Wenn »Die Frau ohne Schatten« die »Zauberflöte des 20. Jahrhunderts« darstellt, so kann man guten Gewissens bei Jörg Widmanns »Babylon« nach einem Text von Peter Sloterdijk von der »Zauberflöte des 21. Jahrhunderts« sprechen. Wie schon Strauss/Hofmannsthal durchsetzt das Autorenduo die Parabel über Glaube und Liebe in der archaischen, vielsprachigen Metropole mit Verweisen auf die Mozart-Oper: Im Namen der Hauptfigur Tammu klingt Tamino an (oder anders herum: der flötespielende assyrische Hirtengott Tammuz ist ein antiker Vorgänger von Schikaneders Prinz mit der Zauberflöte), der babylonische Priesterkönig erinnert an Sarastro (dessen Name sich von Zarathustra ableitet), die koloraturengespickte Partie der Inanna knüpft ohrenfällig an die Königin der Nacht an. Freilich bildet die »Zauberflöte« nur eines von vielen Werken der Musikgeschichte, auf die Widmann und Sloterdijk rekurrieren. Wie die daraus entstehende Collage klingend zusammenwächst, kann man ab dem 9. März 2019 am eigenen Leib erfahren.

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