Liebe als Kriegschauplatz – Im Gespräch mit Saar Magal

Am 18. November 2018 feierte Saar Magals Tanz-/Theaterperformance »A Monteverdi Project« Premiere in der Staatsoper Unter den Linden. Um Liebe, Erotik und Beziehungen im Zeitalter des Anthropozäns dreht sich auch der zweite Teil ihrer »Futurity«-Trilogie. Dramaturgin Jana Beckmann und Dramaturg Roman Reeger sprachen mit der Regisseurin und Choreographin.

In Deiner Tanz-/Theaterperformance setzt Du die Musik Claudio Monteverdis ins Verhältnis zu verschiedenen Themen, mit denen Du Dich schon länger beschäftigst. Worum geht es in »A Monteverdi Project«?

Im Zentrum stehen Fragestellungen darüber, wie sich technologische Entwicklungen und die Veränderungen in unser Umwelt gesellschaftlich auf unsere Vorstellungen von Liebe, Erotik und Beziehungen auswirken. Dieses Projekt steht in einer Reihe von Arbeiten, die sich mit dem Zeitalter des Anthropozän auseinandersetzen. Gemeint ist hiermit eine Epoche, die bis heute andauert, in welcher die Menschheitsgeschichte mit geologischen und biologischen Prozessen konvergiert, der Mensch also zum maßgeblichen Einflussfaktor der Erde und seiner eigenen physischen Veränderung wird. Vor diesem Hintergrund hat mich die Entwicklung unserer gegenwärtigen Vorstellungen von Liebe, Erotik und Begehren interessiert. Monteverdis Musik bildet hierzu eine Art Ankerpunkt im 17. Jahrhundert, von welchem ausgehend wir untersuchen können, wie sich eben jene Auffassungen heute verändert haben und verändern.

Worin unterscheiden sich die Wahrnehmungen von Liebe und Erotik in Monteverdis Zeit im Vergleich zu heute?

Es gibt große Verschiebungen in den Begrifflichkeiten. Eine große Inspirationsquelle waren in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Theorien der Soziologin Eva Illouz über das Verhältnis von Schönheit und Sexyness. Schönheit war zu Monteverdis Zeit nicht nur über das Aussehen definiert, sondern über Handlungen und Moral. Wer sich amoralisch verhielt, galt als hässlich. Heute haben wir einen Begriff von Sexyness, der an keine moralische Kategorie geknüpft ist. Es gilt sogar als sexy, wenn man Moral überschreitet. Die Idee der Sexyness entstand im späten 19. Jahrhundert, in einer Zeit, in der sich die Kosmetikindustrie entwickelte. Plötzlich existierte also ein gewisses erotisches Kapital, das des Körpers. Monteverdis Musik bildet hierzu eine Art Gegenperspektive. Ein Blick in die Vergangenheit, der jedoch nicht nostalgisch ist, sondern der direkten Beschreibung von Emotionen, auch der Möglichkeit, sie in schwarz und weiß zu unterscheiden, etwas abgewinnt.

Gibt es diese Unterscheidung heute nicht mehr?

Ich habe das Gefühl, dass Monteverdi sehr ehrlich sein konnte, wenn er Themen wie Schönheit oder Traurigkeit künstlerisch umsetzte. Heute müssen wir uns immer mit zynischen Betrachtungsweisen auseinandersetzen. Wer kann es sich leisten, wirklich traurig zu sein und dies auch öffentlich zu zeigen? Zu Hause geht das vielleicht, aber man würde niemals ein Bild von sich auf Facebook stellen, auf dem man traurig aussieht. In Monteverdis Musik erleben wir genau diese Trauer sowie Bedürftigkeit aber auch Glück. Auch wenn sich die menschlichen Gefühle nicht verändert haben, so gibt es doch einen anderen gesellschaftlichen Kontext, und eine große Angst davor, Gefühle zu zeigen. Im Zeitalter der Selfies geht das nicht mehr.

Bei »A Monteverdi Project« sind Tänzerinnen und Tänzer, Sängerinnen und Sänger sowie Musiker beteiligt. Wie wird ein solches Stück konkret entwickelt?

Am Anfang steht immer eine intensive Recherchephase. Ich beschäftige mich mit sehr vielen und sehr unterschiedlichen Materialien. Zu Beginn der Probenphase stelle ich eine Auswahl von Texten, Filmen, Vorlesungen und anderen Stoffen zusammen, die ich dann mit in den Probenraum bringe. Für den Prozess selbst gibt es verschiedene Methoden. Eine wichtige Rolle spielt Improvisation. Ich bereite kleine Spiele vor, die Bewegung, Text, Stimme und Musik miteinander verbinden. Im besten Fall sind immer alle eingebunden. Auf diese Weise entsteht szenisches Material, das wir für das Stück verwenden. Manchmal komme ich auch mit vorbereiteten Szenarien und konkreten Anforderungen. Es ist sehr wichtig, dass alle sich frei fühlen. Jeder bringt seine Erfahrungen und Ideen ein. Da wir vieles auch dokumentarisch aus den Biografien der Beteiligten erarbeiten, ist es mir wichtig, mit klugen und interessierten Künstlerinnen und Künstlern zu arbeiten, die eine Haltung zu den Themen haben, mit denen wir uns auseinandersetzen.

Wie kam es zu der Auswahl der Musik?

Wir haben sehr viel Musik von Monteverdi gehört: Opern, Madrigale, Instrumentalmusik und über die jeweiligen Inhalte gesprochen. Ich wollte bewusst Stücke verwenden, die vom Publikum erkannt werden. Vor allem die Madrigalbücher haben mich fasziniert. Ich brauche immer eine persönliche Verbindung zu einer Musik. Besonders das VIII. Madrigalbuch hat mich sehr angesprochen, da es eine  interessante Entstehungsgeschichte hat, und vermutlich die persönlichste Madrigalsammlung Monteverdis enthält. Er hat es aus eigener Inspiration geschrieben und man spürt, wie er hier Liebe und Schmerz verarbeitet.

Monteverdis Kompositionen werden nicht von einem Barockorchester gespielt, sondern von drei Musikern, die sie neu arrangiert und instrumentiert haben, unter anderem für Kontrabass, elektrische Gitarre und Synthesizer. Was war die Idee dahinter?

Haggai Cohen-Milo, der musikalische Leiter dieser Produktion, und mich verbindet eine lange Zusammenarbeit. Für uns war von Anfang an klar, dass wir die Musik neu arrangieren und teilweise überschreiben wollten. Es ging nicht um eine historisch korrekte Aufführungspraxis. Monteverdis Musik wirkt sehr unmittelbar. Wir wollten den jeweiligen Kern der Werke herauskristallisieren, indem wir sie in einen anderen Kontext erscheinen lassen.

Darüber hinaus sind auch Zitate aus Popsongs von Beyoncé, Whitney Houston oder Abba zu hören …

Es war interessant, diese neuzeitlichen Pophymnen ins Verhältnis zur frühen Barockmusik zu setzen. Daneben haben sie auch eine bestimmte Bedeutung für das Stück, da es sich um Repräsentationen einer kapitalistischen Romantikauffassung handelt.

Monteverdis VIII. Madrigalbuch besteht aus einem Teil mit Kriegs- und einen anderen mit Liebesliedern. In einer Szene stellst Du genau dieses Verhältnis von Liebe und Krieg in den Fokus …

Es ist immer interessant, zu beobachten, wie sich Liebe in Hass und manchmal auch in Krieg verwandelt. Ich glaube, dass hier die Ursprünge der menschlichen Natur liegen. Wir können lieben und hassen, sensibel sein und einander Gewalt antun. Am Ende geht es immer um den Kampf der Geschlechter. Auch eine Beziehung kann eine Art Kriegsschauplatz sein. Gegenwärtig gibt es sehr wichtige Diskussionen, die von der #metoo-Debatte ausgelöst wurden. Darin sehe ich eine große Chance. Ich wollte deshalb auch den politischen Aspekt dieses Themas berühren.

In der Vorbereitung hast Du häufig von Gärten gesprochen. Wie kommen sie im Stück vor?

Der älteste Garten, den wir kennen, ist der Garten Eden. In diesem waren Adam und Eva das erste menschliche Paar. Es gibt hier somit eine Verbindung. Im Kontext des Stückes denken wir über eine in der Zukunft liegende abwesende Natur nach. Es existieren Theorien darüber, dass, wenn wir uns die Geschichte unserer Spezies vor Augen führen, wir beobachten können, dass unsere Kultur vor allem durch unsere Süchte geprägt ist. Wir sind eine zu Süchten neigende Spezies und leben in einer narkotischen Kultur. Diese Hintergründe inspirierten uns, sich verwandelnde Gärten aus einem Feld leerer Bierflaschen und Plastikelementen, die auf das Anthropozän verweisen, zu entwickeln.

Das Interview führten Jana Beckmann und Roman Reeger.

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