Violetter Schnee: Claus Guth und Martina Gedeck im Gespräch

Die von Beat Furrer komponierte Oper »Violetter Schnee« wird am 13. Januar 2019 uraufgeführt. Darin entfaltet sich ein Mikrokosmos im Ausnahmezustand: Fünf Menschen sind in unaufhörlichem Schneewehen eingeschlossen. Was passiert mit ihnen, welche Perspektiven und Strategien entwickeln sie, was löst die neu hinzukommende Tanja aus? Einen Monat vor der Premiere haben wir Regisseur Claus Guth und Martina Gedeck, die in der Sprechrolle der Tanja zu sehen sein wird, getroffen.

Was macht für Sie den besonderen Reiz der Arbeit an »Violetter Schnee« aus?

Claus Guth Zunächst denkt man, es sei eigentlich kein Stück, sondern eher eine Zustandsbeschreibung. Wie oft bei Beat Furrer, dessen musikalischen Kosmos ich sehr verehre, ist »Violetter Schnee« ein handlungsarmes Stück, denn er sucht keine »Action«, sondern Anlässe und musikalische Entwicklungen. Er interessiert sich für Stille, erforscht, wann überhaupt Klang entsteht. Die Handlung ist in wenigen Sätzen beschrieben: Es schneit und hört offensichtlich nicht mehr auf. Eine Gruppe Menschen rutscht von anfänglichem Humor und Pragmatismus zunehmend in Zustände von Panik, Hysterie und Lähmung. Es wird nicht mehr Tag und sie merken, irgendwas stimmt nicht in der Welt. Am Ende geht dann eine neue, unbekannte Sonne auf, die violettes Licht ausstrahlt. Sie gehen ihr entgegen und es ist unklar, ob sie Erlösung oder Tod bedeutet. Für mich ist es eine riesige Herausforderung, hier für die Bühne etwas zu erfinden, was wirklich ins Theater gehört und mehr als eine Performance, mehr als ein Zustand ist.

Leistet die Musik einen Beitrag zur Klärung dieses uneindeutigen Endes?

CG Ich habe das Ende vorgestern zum ersten Mal gehört. Nach einer lange andauernden Atmosphäre des Stillstands gerät am Ende alles in extreme Bewegung, die abrupt abbricht – als ob ich mitten im Satz aufhören würde. Alles hängt in der Luft. Das muss so sein, finde ich. Mich interessiert, wie sich Menschen auf die extreme Gefährdung ihrer Existenz hin verhalten. Rotten sie sich zusammen, werden sie zu Einzelkämpfern, werden sie bedacht oder hysterisch, wie sickert die Erkenntnis von Ausweglosigkeit ins Bewusstsein? Was aus der Gruppe wird, finde ich am Ende fast egal.

Martina Gedeck Die Arbeitssituation dieser Uraufführung spiegelt für mich, was sich in der Geschichte tut: Ein ganz neuer Raum wird geöffnet. Als Menschheit sind wir schon oft in neue Räume gegangen, sie sind beängstigend. Aber wir müssen trotzdem hineingehen. Wir müssen uns weiterentwickeln und neuen Herausforderungen begegnen. Deswegen kann der Schluss nicht beruhigend sein, aber er muss auch nicht unbedingt das Ende bedeuten.

CG Das stimmt. Wir werden alle auf unbekanntes Terrain geschubst. Das Stück ist für die Darsteller ungeheuer schwer zu lernen, es hat eine abstrus schwierige Rhythmik. Als Regisseur ist mir fast keine Figurenzeichnung vorgegeben – eigentlich ist es eher ein Oratorium. Die Verunsicherung, die wir in den Proben gerade erleben – dass sich keiner mehr zu Hause fühlt in dem, was er ist und kann –, ist interessanterweise das Zentrum des Stücks.

Ist »Violetter Schnee« metaphorisch zu verstehen oder ist es (auch) eine Oper über den Klimawandel und seine Folgen?

CG Da will ich mich gar nicht festlegen. Im Moment vergeht kein Tag, an dem man die Zeitung aufschlägt, ohne zu lesen, dass die Erwärmung um lediglich 1,5 Grad selbst bei größter Anstrengung nicht mehr zu schaffen ist oder der Rhein kein Wasser führt. So überträgt sich das Stück schnell vom Metaphorischen ins emotionale Erleben und erschließt sich jedem von allein.

Martina Gedeck, Sie stehen zum ersten Mal auf einer Opernbühne. Was ist anders als beim Film?

Am spannendsten finde ich, dass die Inhalte von Musik getragen und umspielt werden. In meiner normalen Arbeitsrealität muss ich das selber herstellen. Hier bin ich eingebettet in Klänge – das ist für mich jedes Mal wie ein kleines Wunder. Ich merke, dass die Musik einen Raum schafft, in dem ich mich bewegen kann. Das gibt mir ein andere Art Existenz auf der Bühne als sonst.

Muss man sich auf ein singendes Gegenüber anders einstellen als auf ein sprechendes?

Dass die Sänger singen, wirkt ganz normal. Interessant ist, dass sie hier am Ende nur noch sprechen. Das Stück fängt mit Sprechen an und hört mit Sprechen auf. Ich glaube, Beat Furrer möchte hier etwas herausfinden: Warum singt jemand, warum spricht er plötzlich, was passiert da eigentlich? Und warum wirkt es plötzlich fremd, wenn ich spreche? Oder ist das Singen dann fremd? Kann man so auf einer Opernbühne sprechen, dass das Singen fremd wird, oder ist das Sprechen dort immer fremd?

Was unterscheidet Ihre Figur, die mysteriöse Tanja, fundamental von den anderen? Ist sie ein Wegweiser, eine Verstorbene oder vielleicht ein Engel?

MG Ein Engel ist sie ganz bestimmt nicht. Und der Begriff »Tod« leitet auch etwas in die Irre. Aber sie ist aus einer anderen Dimension, kommt als Fremde in eine Welt hinein, die ihr vielleicht bekannt vorkommt, aber in der sie absolut nicht zu Hause ist. Meinem Gefühl nach existiert in ihr ein großes Bedürfnis, sich zu verbinden. Und dieser Sog wirkt sich auf die anderen in der Gruppe aus, führt sie in etwas Neues. Am Ende sind sie an einem Ort, wo Tanja, so glaube ich, schon war. Oder? (wendet sich an Claus Guth)

CG Tanja ist dicht an der Membran zwischen den Welten, auch zum Publikum hin. Sie beginnt ja das Stück mit einem Monolog über Bruegels berühmtes Gemälde »Die Jäger im Schnee«. Über dieses Bild geht man überhaupt erst einmal in die Geschichte hinein.

In dem Film »Die Wand« haben Sie, Martina Gedeck, vor einigen Jahren eine Frau verkörpert, die ganz auf sich gestellt in der Natur überleben muss, während lange unklar bleibt, ob überhaupt noch Menschen außer ihr existieren. Gibt es eine Verbindung zwischen diesen beiden Rollen?

MG Im Film »Die Wand« habe ich tatsächlich die Dinge gemacht, die ich zu Beginn von »Violetter Schnee« über das Bruegel-Bild erzähle und die jetzt aus tieferen Schichten wieder in mir auftauchen: Ich war die Jägerin, ich habe den erlegten Fuchs selbst getragen und wenn ich nun sage »Auf dem Rücken meine Beute schaukelt leicht mit jedem Schritt«, dann weiß ich, wie sich das anfühlt. Insofern leuchtet die Figur der Ich-Erzählerin aus der »Wand« auf. Der fundamentale Unterschied besteht darin, dass sich für sie alles auf ihre Tiere bezog. Für Tanja aber geht es um die Menschen, zu denen sie eine Beziehung herstellen möchte. Die Erzählerin in der »Wand« hat die Menschen nicht vermisst. Sie war froh, dass sie weg waren.

Das Interview führte Annette Zerpner

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