Zeile für Zeile

Auf einen Kaffee mit der Dramaturgie - Michael Wendeberg

Der Pianist Michael Wendeberg im Gespräch mit den Dramaturgen Detlef Giese und Roman Reeger über die Soloklavierwerke von Pierre Boulez.

Wann bist Du eigentlich zum ersten Mal mit der Klaviermusik von Pierre Boulez in Berührung gekommen?
Das war im Jahr 2000, im Zuge eines Probespiels beim Ensemble Intercontemporain in Paris. Ich habe dort den zweiten Satz aus der Première Sonate gespielt – zum Glück durchaus mit Erfolg: ich war dann fünf Jahre festes Mitglied des Ensembles und habe mit Boulez dort seine Musik intensiv arbeiten können, sowohl Notations als auch die erste und dritte Sonate, später dann auch Incises. Boulez war ungeheuer prägend für das Ensemble und natürlich auch für mich – und gerade bei seiner eigenen Musik war die Gestik, die er beim Dirigieren hat, und die Gestik seiner Musik so sehr dieselbe – es war immer sehr beglückend und viele Fragen erledigten sich von alleine.

staatsoper-berlin-michael-wendeberg-2Ein Großteil des Klavierwerks ist ja zu einer Zeit entstanden, als Boulez noch sehr jung war. Ist davon etwas zu spüren, auch im Sinne eines angenommenen »Nullpunkts« des Komponierens unmittelbar nach 1945? Oder schimmern hier immer wieder Vorbilder durch?
Wenn man einen »Nullpunkt« im eigentlichen Sinne benennen sollte, dann wäre der wahrscheinlich das erste Buch der Structures für zwei Klaviere von 1951, ein Werk, das streng seriell komponiert ist, wahrscheinlich sein am meisten analysiertes und am seltensten gespieltes Stück. Bei den Notations von 1945 sind hingegen noch sehr deutlich Einflüsse anderer Komponisten spürbar: vom atonalen Schönberg etwa, von Debussy oder von Strawinsky. Auch die beiden ersten Klaviersonaten befinden sich chronologisch gesehen vor dem angenommenen »Nullpunkt«. Aber sie sind umwerfende Dokumente dafür, wie sich ein Komponist selbst findet, wie er die Vergangenheit in sich aufnimmt und sich gleichzeitig von ihr befreit, um eine neue Musiksprache und neue musikalische Ausdrucksformen zu schaffen.

Welche Rolle spielen die Titel der Stücke? Zuerst die einen einfachen Akt des Aufschreibens bezeichnenden »Notations«, dann die drei Sonaten, die allein durch ihre Bezeichnung schon auf die klassisch-romantische Zeit verweisen.
Dass Boulez seine frühen Klavierstücke so neutral wie nur möglich Notations genannt hat, ist sicher kein Zufall, sondern eine ganz bewusste Entscheidung. Bei den drei Sonaten sieht die Sache ein wenig anders aus, da er hier die Auseinandersetzung mit der Tradition sucht, durchaus auch im Sinne von deren gewaltsamer Zerstörung. Messiaen hat den jungen Boulez später mit einem Löwen verglichen, dem man bei lebendigem Leibe die Haut abzieht – er muss eine mit größter Energie geladene Persönlichkeit gewesen sein, sehr kompromisslos. Er wollte weg von der Tradition, beinahe um jeden Preis.

»Das komplette Klavierwerk zu meistern, ist vergleichbar mit dem Besteigen eines Achttausenders.«

Um es in wenige Worte zu fassen: Was zeichnet die einzelnen Kompositionen aus, worin liegen ihre individuellen Charakteristika?
Die Notations sind ja kurze Einzelstücke, die sehr konzentriert jeweils ein bestimmtes kompositorisches Problem in den Blick nehmen. Sie sind eigentlich ohne größere Schwierigkeiten zu überblicken, wie im Grunde auch die erste Sonate. Hier breitet Boulez ein eher einfaches Material aus, kleine überschaubare Zellen, aus denen er allerdings enorme Kraft entwickelt. Es gibt Toccaten wie im späten Boulez und hyperlyrische zweistimmige Gesänge, und schroffe Kontraste. Die zweite Sonate verhält sich zur ersten, so könnte man sagen, wie Brahms zu Mozart. Der Klaviersatz ist voller, der gesamte Tonraum wird ausgenutzt, außerdem sind die rhythmischen Strukturen deutlich komplexer und die Polyphonie ist weiter entwickelt. Zudem ist die Deuxième Sonate nicht nur deutlich länger – ca. eine halbe Stunde Spieldauer gegenüber rund zehn Minuten bei der ersten Sonate –, sondern auch gerade ein »Monster« an Information.

Die dritte Sonate wiederum stellt den Spieler vor die Aufgabe, verschiedene Segmente und Notationsfelder in verschiedenen Farben (rot und grün) zu überblicken und zu ordnen. Er muss sich also eine Art »Fahrplan« durch dieses Werk machen. Durch die vielen streng geregelten Elemente ist das aber nicht spontan möglich, sondern bedarf einer genauen Vorbereitung. Die dritte Sonate und auch das viel später entstandene Stück Incises wirken auf mich insgesamt sehr viel entspannter als die beiden ersten Sonaten. Es gibt nicht mehr den Überdruck, unter dem er in den Vierziger Jahren stand, er konnte sich freier bewegen, unbeschwerter.

staatsoper-berlin-michael-wendeberg-1Wie sieht es denn mit den aufführungspraktischen Herausforderungen aus? Boulez’ komplettes Werk für Klavier solo zu spielen, zumal an einem Abend, dürfte ja beileibe kein einfaches Unterfangen sein…
Das komplette Klavierwerk zu meistern, ist in der Tat vergleichbar mit dem Besteigen eines Achttausenders, es ist auch noch nicht oft gemacht worden, von einem Pianisten allein ist es in Deutschland meines Wissens das erste Mal. Das Ziel ist natürlich immer die »perfekte Darstellung« der Musik, was schon durch die vorgeschriebenen sehr schnellen Tempi, die häufig zu finden sind, nicht einfach ist. Und selbst bei größter Schnelligkeit und größter Fülle an Informationen soll doch auch alles verstanden werden, was man spielt. Dabei gibt es immer Freiräume für eine persönliche Lesart, wohl mehr als bei viel anderer neuer Musik ist ohne ein aktives Lesen und Darstellen hier gar nichts zu verstehen – es gibt ständig Entscheidungen zu treffen, betreffend das Tempo, die Balance der Stimmen, der Farbe…

Wie lernt man eigentlich derart komplexe Kompositionen? Ist das eher eine Kopf- oder eine Fingersache?
Für mich sind die Notations und Incises eher etwas für die Finger, die Sonaten, insbesondere die zweite, eher etwas für den Kopf. Dieses Werk habe ich über einen längeren Zeitraum Zeile für Zeile gelernt, in kleinen Portionen. Nach und nach haben sich dann größere Zusammenhänge erschlossen. Man entwickelt bestimmte Übetechniken, um derartige Stücke schließlich konzertreif beherrschen zu können.

Was kann der geneigte Zuhörer von alledem erwarten? Was soll von diesem Abend bleiben?
Zuallererst soll er das Gefühl mitnehmen, an diesem Abend einen Haufen großartiger Musik erlebt zu haben. So häufig werden die Klavierkompositionen von Boulez ja nicht gespielt, geschrieben und gesprochen wird über sie weit öfter. Außerdem ist es reizvoll, das gesamte Klavierwerk, insgesamt ca. eineinhalb Stunden Musik, in seiner Chronologie zu hören, von den frühen Notations bis zu den späten Incises – und nicht zu vergessen auch Un page d’éphéméride, ein interessantes fünfminütiges Stück, das Boulez 2005 für das »Piano Project« der Universal-Edition geschrieben hat, und das sich inmitten der anderen Stücke dieser Sammlung (u. a. von Aperghis, Eötvös, Halffter, Kurtág und Sciarrino) schon hinsichtlich seines spieltechnischen Anspruchs heraushebt. Kein pädagogisches Stück, eher später Boulez so knapp und konzentriert wie möglich.
Diesen Beitrag findet ihr auch im Programmbuch zu der »Hommage à Pierre Boulez«

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