Zwischen Leben und Tod

Salvatore Sciarrino

Gespräche mit Salvatore Sciarrino sind, wie seine Musik auch, stark themenübergreifend. Ich hatte vor, mich mit dem Komponisten für eine halbe Stunde zusammenzusetzen um über Lohengrin und Macbeth zu sprechen, seine zwei Opern im Programm des Festivals für Neues Musiktheater INFEKTION!, doch daraus wurde viel mehr. Roter Faden? Fehlanzeige. Beim Versuch, Sciarrino Fragen zu stellen, habe ich schon bei seiner ersten Antwort festgestellt, dass er ein sehr unterhaltsamer, aber keineswegs üblicher Gesprächspartner sein wird.

Irgendwie gehört das alles zum Reiz, zum Charme des Italieners. Bei der Begrüßung schaut er sich erst einmal neugierig meine Kamera an, die das Gespräch aufzeichnet.

»Und Sie schreiben nichts? Ach das ist eine Kamera? Fantastisch!«

Sciarrino sieht sich bewusst nicht im digitalen Zeitalter. Er besitzt keinen Computer, hatte 30 Jahre lang keinen Fernseher. Ein Faxgerät hat er auch nicht – solche Sachen haben immer Bekannte in der Bibliothek für ihn erledigt.

»Ich möchte meine Zeit, meine menschliche Zeit aufbewahren. Ich habe auch keinen Wagen. Wer braucht in einer großen Stadt einen Wagen? Natürlich habe ich auch Fehler gemacht. Ich habe zum Beispiel ein Handy und bin ein Sklave davon. Das möchte ich nicht mit dem Computer, das brauche ich nicht. Ich bin vielleicht einmal im Monat im Internet. Wenn ich was dringend machen muss, nehme ich die Geräte meiner Freunde.«

Sciarrino lacht oft und wirkt sofort sympathisch. Ohnehin scheut er sich vor keiner Frage, ist stets offen und ehrlich. Das steht ganz im Gegenteil zu seinen profunden Stücken, die düster und traurig erscheinen. Aber Tragödien sind ihm wichtig und das ist auch ein Grund dafür warum Sciarrino Shakespeares als Dramatiker so hoch einschätzt.

»Ich finde Tragödien als gemeinsame Erfahrungen eines Publikums sehr wichtig. Wenn alle im Dunkeln sitzen, dann sind sie gebunden. Diese Funktion finde ich sehr wichtig. Es geht mir nicht um Blut oder Mord, sondern um die Tragödie als Ereignis. Wenn man ein Bild betrachtet, hat man eine individuelle Interpretation. Auch bei einem Stück kann man zwar individuell sein, ist man dann trotzdem eher zusammen.«

Diese Ansicht Sciarrinos könnte ein Grund dafür sein, warum er nach vier Jahren mit der Malerei aufgehört hat und zum Feld der Musik gewechselt ist. Er sagt, er habe damals alle Kenntnisse der Malerei in seine Musik hinuntergebracht und einige seiner Passagen hören sich heute tatsächlich an wie abstrakte Malereien in Musikform.

»Die Antworten sind nicht wichtig. Die Fragen sind wichtig. Wenn wir alle Antworten haben, dann sind wir schon tot.«

Ein Thema, mit dem sich Sciarrino offensichtlich ständig beschäftigt, ist der Tod. Mehrmals erwähnt er das auch in unserem Gespräch, sei es ‚unsere Kultur‘ die bereits gestorben ist, oder der Tod als einzelner Aspekt unseres Lebens oder sei es als Statement zum Interview selbst (»Die Antworten sind nicht wichtig. Die Fragen sind wichtig. Wenn wir alle Antworten haben, dann sind wir schon tot.«). Ich frage ihn, wie sehr er sich mit dem Tod befasst, auch in Hinsicht zu seinen inzwischen 67 Jahren.

»Über Tod zu denken ist über Leben zu denken. Sie sind zwei Sachen unserer Individualität. Alles, was lebendig ist, ist problematisch, alles, was tot ist, ist unproblematisch.«

Dieser Satz trägt die Essenz beider Stücke von Sciarrino in sich. Sowohl Lohengrin als auch Macbeth behandeln den Konflikt zwischen Leben und Tod und haben sogar zwei weibliche Figuren, die sich aufgrund ihrer Verhaltensweise sehr ähneln. Sciarrino sieht das nicht ganz so und muss widersprechen.

»Für mich sind nicht Lady Macbeth und Elsa aus Lohengrin gleich, sondern eher Macbeth und seine Frau dieselbe Person. Lady Macbeth ist sozusagen der Mut dieser Person.«

Was ihn ausgerechnet an Macbeth fasziniert, oder interessiert, lässt sich auf eine sehr persönliche politische Erfahrung von Sciarrino zurückführen. Er offenbart mir, dass er mit Macbeth die italienische Politik kommentiert. Er war 30 Jahre lang sehr unzufrieden mit der Lage und hat sich nicht wiedererkannt. Aus diesem Grund gibt es am Ende der Oper ein sogenanntes Nachstück, damit die Zuschauer à la brecht’schen Distanzierungseffekt »nicht mit dem Blut nach Hause gehen müssen«.

»Man muss ein Künstler werden, man kann kein Künstler sein.«

Als größte Dummheit von heute sieht Sciarrino den Gedanken »alles wird einfach für alle«. Seiner Meinung nach stimmt das überhaupt nicht, erst Recht in der Kunst nicht. Als bekannter Autodidakt, der sich alle Instrumente selbst beigebracht hat, ist »Kunst etwas sehr direktes, aber nur für diejenigen, die diszipliniert genug sind.« Vor allem jüngere Komponisten will er das auf dem Weg mitgeben. »Ich selber wollte immer Künstler werden, aber es ist nicht einfach. Man muss ein Künstler werden, man kann kein Künstler sein.« Damit meint Sciarrino, dass man kein Künstler ist, wenn man nichts selber dafür tut. Auf seiner Website spiegelt sich dieses Sentiment übrigens in etwa wieder: Salvatore Sciarrino (Palermo, 1947) boasts of being born free and not in a music school.

Als die Zeit fast um ist, frage ich vorsichtig, ob ich noch ein paar Fragen stellen kann. Sciarrino merkt, dass er nicht immer auf die Fragen geantwortet hat und schwingt selbstreflektierend die Arme um sich.

»Ja, natürlich. Ich bin zu weit weg gegangen

Nachdem wir uns noch einmal über den Tod unterhalten, frage ich ihn letztendlich, was das Neue Musiktheater für ihn bedeutet. Sciarrio überlegt ein paar Sekunden, lächelt dann und sagt, dass es für ihn ‚das Leben‘ bedeute. Also ist einiges noch am Leben für Sciarrino. Das, was am meisten zählt. Der Tod kann warten.

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