Ein gemeinsamer Weg über 25 Jahre

Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin - Foto: Monika Rittershaus

Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin sind durch die gemeinsame intensive Arbeit zu einer Einheit verschmolzen. Diese langjährige Vertrautheit des Dirigenten und seines Orchesters spiegelt sich in jedem Auftritt wieder. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums dieser singulären künstlerischen Zusammenarbeit in der kommenden Spielzeit 2016/17 hat Dramaturg Detlef Giese die Beziehung zwischen Generalmusikdirektor und Orchester beleuchtet.

Immer wieder gab und gibt es in der Musikwelt Partnerschaften zwischen Dirigenten und Orches­tern, die das Signum des Besonderen tragen — zum einen gemessen an Jahren, zum anderen hinsicht­lich der künstlerischen Ausstrahlung und Be­deutung, nicht zu vergessen die wechselseitige Harmonie, die sich mit der Zeit entwickelt hat und imstande ist, den »Einen« und die »Vielen« nicht als getrennte Einheiten zu begreifen, sondern als zwei Seiten ein und derselben Sache, ein und des­selben Zusammenhangs. So wie ein lebendiger Or­ganismus (oder auch eine kunstvolle mechanische Apparatur) aus einer Vielzahl unterschiedlicher Teile mit ihrer je eigenen, im Sinne des Ganzen wichtigen Funktion besteht, so wirken Dirigent und Orchester idealerweise zusammen. Das Herz treibt dabei den Körper an, hält den Blutkreislauf in Schwung, mit beständigen Impulsen, so wie es in der unbelebten Natur etwa die gespannte Feder eines Uhrwerks oder ein Mikroprozessor im Inneren eines Computers tut. In jedem Fall wird Energie übertragen, von dem Einen auf die Vielen, die ihrerseits wiederum Kräfte freisetzen, mitun­ter auch unmittelbar zurückwerfen. Aus diesem staunenswerten Prozess speist sich ganz wesent­lich die Faszination des Dirigierens, die gleichsam magische Wirkung, aus Bewegung und Suggestion Klang werden zu lassen. Und es zeichnet eine gute künstlerische Partnerschaft aus, wenn hier­bei ein gemeinsames Atmen und Gestalten gelingt, wenn alle Beteiligten sensibel aufeinander hören und aufeinander reagieren — dann können sogar so etwas wie Glück und Erfüllung entstehen, so­wohl im Moment des Geschehens als auch in Zeiträumen von längerer Dauer.

»Spätestens nach diesen 25 gemeinsamen Jahren dürfe jedem klar sein, dass dies kein ›Vertragsverhältnis‹ ist. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die ganz wesentlich auf Verständnis und Vertrautheit ohne jede Routine beruht und noch lange nicht zu Ende ist.«

Dominic Oelze, Schlagzeuger und Pauker der Staatskapelle

 

Die Geschichte der großen Orchester kennt — und auch das ist durchaus glückhaft — eine Reihe von Beispielen, wo ein Dirigent und »sein« Ensemble nicht nur über lange Jahre, oft Jahrzehnte, miteinander ausgekommen sind, sondern währenddessen im sprichwörtlichen Gleichklang zusammengearbeitet haben. Die Re­kordhalter diesbezüglich dürften das Philadelphia Orchestra und dessen aus Ungarn stammender Musikdirektor Eugene Ormandy gewesen sein, die von 1938 bis 1980 nahezu symbiotisch miteinan­der verflochten waren. Noch länger, wenngleich nicht immer so ganz harmonisch, gestaltete sich das Verhältnis von Willem Mengelberg zum Con­certgebouworkest Amsterdam, dem er über ein halbes Jahrhundert, von 1895 bis 1945, vorstand. Legendär geworden sind auch — wenn man ein­mal in Amerika bleibt — die Kooperationen von George Szell mit dem Cleveland Orchestra (von 1946 bis 1970), von Georg Solti mit dem Chicago Symphony Orchestra (von 1969 bis 1991) und die inzwischen mehr als vier Jahrzehnte währende Amtszeit von James Levine als Chefdirigent der Metropolitan Opera New York.

»Dass wir auch nach 25 Jahren immer wieder zu dieser gemeinsamen musikalischen Intensität finden und sich dabei das gegenseitige Verstehen immer weiter entwickelt hat, ist für mich manchmal ein kleines Wunder. Seine immerwährende musikalische Neugier hat Daniel Barenboim auf uns übertragen.«

Susanne Schergaut, Geigerin und Orchestervorstand der Staatskapelle

 

Blickt man nach Berlin, so gibt es auch hier legendäre Verbindungen zwischen Dirigen­ten und Orchestern, diejenigen von Wilhelm Furtwängler (von 1922 bis — mit Unterbrechun­gen — 1954) sowie von Herbert von Karajan (von 1955 bis 1989) zu den Berliner Philharmonikern etwa. Aber auch an der Staatskapelle Berlin (bzw. an der Staatsoper Unter den Linden) gab und gibt es eine solche »Tradition des Länger-Verweilens«; man denke nur an prominente Dirigenten wie Richard Strauss (von 1898 bis 1920), Leo Blech (von 1913 bis 1937) und Otmar Suitner, der zwischen 1964 und 1989 als Generalmusikdirektor die mu­sikalischen Geschicke des Hauses in Händen hielt.

Seit 1992 hat nun Daniel Barenboim dieses Leitungsamt inne, seit nunmehr 25 Jahren. Dass es ein derart ungewöhnlich langer Zeitraum ge­worden ist, eine nach wie vor andauernde, mit vielerlei Ereignissen angefüllte, an Höhepunkten immens reiche »Ära«, war damals kaum zu erah­nen. Die an historischem Ort, in der Mitte der neu vereinigten Stadt Berlin sich bietenden Möglich­keiten und Chancen mögen ihren Teil dazu bei­getragen haben: ein Haus mit großer Tradition, ein Orchester, das sowohl im Bereich der Oper als auch auf dem Feld der Sinfonik prägnantes Pro­fil besitzt und beständig an Renommee gewinnt, eine Institution mit enormer nationaler wie in­ternationaler Ausstrahlungskraft. Andere be­deutsame Posten als Musikdirektor beim Chicago Symphony Orchestra und am Teatro alla Scala di Milano hat Daniel Barenboim inzwischen aufgege­ben, Generalmusikdirektor der Staatsoper / Staats­kapelle Berlin ist er indes immer noch.

»Die erste Probe dauerte nur eine Stunde. Daniel Barenboim und das Orchester kannten einander nicht. Der zögerliche Beginn mündete in einem heftigen Crescendo bis zum ersten Höhepunkt: der Vertragsunterzeichnung 1992, 250 Jahre nach der Eröffnung des Opernhauses Unter den Linden. Nun stehen die 275 Jahre Staatsoper ante portas — und bereits 25 Jahre Daniel Barenboim!«

Lothar Friedrich, ehemaliger Geiger und Orchestervorstand der Staatskapelle

 

Eine singuläre künstlerische Zusammenarbeit hat sich über das Vierteljahrhundert des ge­meinsamen Weges entwickelt. Pro Saison haben Daniel Barenboim und die Staatskapelle mehre­re Musiktheaterproduktionen miteinander realisiert. Im Zentrum des ersten Jahrzehnts standen die zehn großen Opern und Musikdramen Richard Wagners, die sie — ein wahrhaft gigantomani­sches Projekt — zu den FESTTAGEN 2002 zwei Mal zyklisch im Haus Unter den Linden zur Auffüh­rung brachten. Eine Reihe von sinfonischen Zyk­len fanden parallel dazu statt oder folgten in den kommenden Jahren: die Sinfonien und Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens, die Sinfonien von Schumann und Brahms und die Klavierkonzerte von Chopin, Liszt und Brahms. Die kom­pletten Orchesterwerke von Schönberg und Berg standen ebenso im Fokus wie die großen Sinfoni­ker Mahlerund Bruckner. Während die Staatska­pelle Mahlers gewaltiges OEuvre unter der Leitung zweier Dirigenten — Daniel Barenboim und Pierre Boulez, die sich die zehn Konzerte mit den Sinfoni­en und Orchesterliedern zu den FESTTAGEN 2007 in der Berliner Philharmonie sowie im Wiener Musikverein und in der New Yorker Carnegie Hall paritätisch teilten — zu Klang werden ließ, brach­te sie Bruckners Sinfonien Nr. 1 bis 9 allein unter ihrem Generalmusikdirektor zur Aufführung: ein außergewöhnliches Unterfangen, das 2012 in Wien ein ebenso begeistertes Echo fand wie 2016 in Tokio.

Und damit nicht genug: 2017 ist der Bruckner-Zy­klus in New York und Paris zu erleben — und mit den Sinfonien von Franz Schubert für den kurz vor der Eröffnung stehenden Pierre Boulez Saal sowie den Orchesterwerken Debussys und Ravels stehen weitere zyklische Vorhaben in den Startlöchern.

»Seit 25 Jahren ist Daniel Barenboim nun der Garant für die Bewahrung und Weiterentwicklung des künstlerischen Profils von Staatskapelle und Staatsoper. In dieser einmaligen Konstellation prägen wir das Berliner Musikleben und sind Kulturbotschafter in der ganzen Welt.«

Matthias Glander, Solo-Klarinettist der Staatskapelle

 

Ein Ende der fest verankerten »Liaison« von Daniel Barenboim und der Staatskapelle Ber­lin ist also nicht abzusehen. In den vergangenen 25 Jahren ist viel daraus erwachsen — neben dem fortlaufenden, keineswegs zu unterschätzenden, auf hohem künstlerischen Niveau angesiedelten »Alltagsgeschäft« der Opernaufführungen und Sinfoniekonzerte auch die eine oder andere Un­ternehmung, die kaum ein Anderer gewagt hätte. An einem ganzen Abend allein Musik von Arnold Schönberg, Alban Berg, Elliott Carter oder Pierre Boulez zu spielen, bedeutet sicher eine besondere Herausforderung — für einen Dirigenten und ein Orchester desgleichen wie für das Publikum. Aber auch das sind Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin, seit einem Vierteljahrhundert.

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