Belcanto mit dramatischen Impulsen

Edita Gruberova (c) Lukas Beck

Wenn eine Königin zu Besuch kommt, ist das schon allein ein Grund hinzugehen. Wenn sich die »Queen of Belcanto« ankündigt, dann noch umso mehr. Edita Gruberova, die bereits 2011 als »Norma« im Schiller Theater einen durchschlagenden Erfolg feiern konnte, kommt nun mit einer weiteren Bellini-Oper zurück. Dramaturg Detlef Giese widmet sich in diesem Beitrag Vincenzo Bellinis Werk »La Straniera«.

Vincenzo Bellini ist ein Phänomen. Die Zahl seiner Bewunderer ist groß: Berühmte Zeitgenossen wie Hector Berlioz, Richard Wagner und Giuseppe Verdi gehören ebenso zu ihnen wie viele Opernenthusiasten im 20. Jahrhundert und gegenwärtig. Bellinis Musik ist gleichsam zum Inbegriff des »Belcanto«, des »schönen Gesangs« geworden – keineswegs zu Unrecht, ist in seinen Werken doch vor allem ein Merkmal bestimmend: die lange, in verhaltenem Tempo häufig scheinbar wie schwerelos schwebende, expressiv beseelte Kantilene, die eine unmittelbare Faszination auszuüben vermag. Bereits die Zeugen der Aufführungen, die zu Bellinis Lebzeiten stattfanden, schätzten diese besonderen Qualitäten und sahen zugleich das Neuartige dieser Ausdruckswelt, die sich vor ihnen auftat. Gegenüber seiner überragenden Begabung als Melodiker traten zwar andere Charakteristika zumeist in den Hintergrund – die oft sehr interessante Harmonik, die prägnante Rhythmik oder das originelle Spiel mit den Klangfarben des Orchesters –, in der Summe hat er jedoch einen Stil kreiert, der in der italienischen wie der gesamteuropäischen Musikkultur nachhaltige Spuren und Wirkungen hinterlassen hat.

Insgesamt zehn Opernwerke hat Bellini innerhalb einer Dekade geschrieben. Angesichts seiner geringen Lebensspanne – Bellini war gleich anderen ingeniösen Komponisten wie Mozart, Schubert oder Pergolesi einer der »Frühvollendeten« – scheint diese Zahl durchaus hoch zu sein, im Blick auf eine Reihe seiner Berufskollegen – man denke hier vor allem an seinen direkten Konkurrenten Donizetti, aber auch an Pacini oder Mercadante – ist seine Produktivität jedoch so erstaunlich nicht: Immerhin haben die genannten Komponisten in vergleichbaren Zeiträumen das Doppelte, bisweilen sogar das Dreifache an Werken geschaffen, so wie es der atemlose, auf ständige Neuheiten bedachte Opernbetrieb in den italienischen Zentren sowie in Paris und London vielfach erzwang.

Bemerkenswert ist aber, dass es Bellini schon frühzeitig gelang, sich als Opernkomponist von Rang zu etablieren. Gewissermaßen wurde er bereits mit seinem dritten Opus, mit dem 1827 an der Mailänder Scala uraufgeführten »Il Pirata«, zu einem der Erben des großen Gioachino Rossini, der – was man zu diesem Zeitpunkt gleichwohl noch nicht wissen konnte – kurz vor seinem Rückzug aus der Opernszene stand. Diesen Status als »Kronprinz« hat Bellini freilich auch nicht verloren – um ein wirklicher »König« zu werden, hätten ihm noch einige Jahre mehr vergönnt gewesen sein müssen. Wie auch immer: Dadurch, dass Bellini beizeiten zu seinem sehr individuellen Stil gefunden hatte, der ihn so unverwechselbar machte und offenbar auf viel Resonanz stieß, gewann er rasch eine außergewöhnliche Prominenz, zumindest in seiner italienischen Heimat. Und die Ausstrahlung, die von seiner geheimnisvoll umschatteten Person wie von seiner oft geradezu magisch wirkenden Musik ausging, sollte immens sein: Nicht umsonst gilt Bellini als einer der Hauptvertreter der musikalischen Romantik, einer Ästhetik, die sich anschickte, im gesamten 19. Jahrhundert und darüber hinaus zu schlichtweg überragender Bedeutung aufzusteigen.

Nicht alle Opern Bellinis haben den gleichen Stellenwert im Repertoire der internationalen Opernhäuser erlangen können. An der Spitze rangiert zweifellos »Norma«, ein damals wie heute beeindruckendes Werk, in dem der hohe, mit Tiefsinnigkeit und Ausdruck versehene Tragödienton, zu dem Bellini fähig war, wohl am überzeugendsten verwirklicht worden ist. Als Pendant dazu hat sich »La Sonnambula« auf den Spielplänen und beim Publikum durchsetzen können: In das Gewand einer pastoralartigen »Semiseria« gekleidet, kommen in dieser Oper verstärkt auch lyrische Töne zum Klingen: Statt der Atmosphäre hochgestimmter Tragik dominiert die reine emotionale Geste mit einer streckenweise geradezu idyllischen Grundierung. Bellinis letzte Oper »I Puritani« ist hingegen nicht in gleichem Maße zum Standard geworden, obwohl gerade in diesem Werk das von Bellini verfolgte Ideal einer beständigen Durchdringung von musikalischen und dramatischen Momenten auf eine neue Stufe gehoben wurde. Gemeinsame Klammer aber ist und bleibt der »Belcanto« – die intensiv, mit Ausdruck erfüllte Melodielinie, auf der Bellini konsequent beharrt und die facettenreich den singenden Protagonisten auf der Bühne ihr physiognomisches Profil gibt: Der Gesang ist Mittel zum Zweck, das Fühlen der Figuren, gleichsam das Innere ihrer Seele, mit größtmöglicher Unmittelbarkeit und künstlerischer Wahrhaftigkeit nacherlebbar zu machen.

Was Bellini in seinen reifen Opern der 1830er Jahren so stimmig ins Werk setzte, ist in seinen früher entstandenen Partituren zumindest vorgeprägt. Das Echo, das er bereits mit »Il Pirata« in der musikalischen Öffentlichkeit gefunden hat, kaum nicht von ungefähr, der spektakuläre Erfolg, der ihm lukrative Folgeaufträge verschaffte, desgleichen nicht. Bellini scheint ein untrügliches Gespür für die Entwicklungen hinsichtlich des musikalischen Geschmacks und jenes nur schwer zu erfassenden »Zeitgeistes« gehabt zu haben: Seine Experimente – und um nichts Anderes handelt es sich bei den weitaus meisten seiner Werke – kalkulieren zwar einen prinzipiell offenen Ausgang ein, rechnen zugleich aber auch mit der Neugier und dem wohlwollenden Interesse von Publikum und Kritik. Der Erfolg, der ihm bis auf wenige Ausnahmen, vom Beginn bis zum Ende seiner Karriere als Opernkomponist treu geblieben ist, rechtfertigte alles.

Als Glücksfall dürfte Bellini auch die Zusammenarbeit mit seinem Librettisten Felice Romani (1788-1865) empfunden haben. Zu nicht weniger als sieben seiner Opern hat Romani, einer der prominentesten, aktivsten und poetisch versiertesten Textdichter seiner Zeit, die Verse geliefert. Auch wich die tiefgreifende Verstimmung, die im Zuge der Arbeit und der ersten Aufführungen von »Beatrice di Tenda« zwischen den beiden von Eitelkeit nicht gänzlich freien Künstlern entstanden war, einer versöhnenden Geste; der frühe Tod Bellinis vereitelte indes weitere Projekte. Fest steht jedoch, dass sich Bellini von den eher einfach gehaltenen, aber sehr pointiert ausformulierten Texten Romanis zu einer vielgestaltigen, konturreichen Musik inspiriert fühlte – so auch in seiner vierten Oper »La Straniera«, bei der er zum zweiten Mal mit Romani kooperierte.

staatsoper-berlin-la-straniera»La Straniera« steht gewiss nicht an der Spitze der Bekanntheitsskala von Bellinis Opern. Sie ist ein eher seltener Gast auf den Opernbühnen der Welt, was jedoch kaum an den musikalischen Qualitäten der Partitur liegen dürfte. Den Protagonisten, insbesondere den drei Hauptpartien Alaide, Arturo und Valdeburgo (in der klassischen Konstellation Sopran, Tenor und Bariton), sind attraktive Aufgaben zugedacht, die Nebenfiguren verfügen ebenfalls über eine hinreichende Profilierung, hinzu kommen gewichtige Beiträge des Chores sowie eine breite Palette an Orchesterfarben. Bellini hat den vokalen wie den instrumentalen Klangkörper erstaunlich differenziert eingesetzt, immer im Sinne eines möglichst intensiven musikdramatischen Ausdrucks. Demzufolge sind auch die kunstvollen Koloraturpassagen, die in den vorangegangenen Werken nach dem Vorbild von Rossini noch eine bedeutsame Rolle gespielt hatten, deutlich zurückgedrängt – stattdessen dominiert ein stärker deklamierender Ton, der Sprechen und Singen auf möglichst natürliche Weise zusammenbringt. Bei alledem sind jedoch die genuinen Belcanto-Elemente stets spürbar, vor allem in Gestalt von kantabel gehaltenen Ariosi, die immer wieder die Gesangsparts prägen und das Melos ebenso eindringlich wie bezwingend aufblühen lassen. Besondere Aufmerksamkeit scheint Bellini den Rezitativen geschenkt zu haben, die außerordentlich plastisch gehalten sind und häufig genug Entwicklungspotentiale in sich tragen, den Umschlag in andere Satzarten und Ausdrucksbilder zu beginnen. Ohnehin ist das sukzessive sich entfaltende musikalische Geschehen dramaturgisch darauf angelegt, von einem Moment auf den anderen in gänzlich neue atmosphärische Bezirke zu gelangen: Die abrupten Wechsel in der Stimmung und den seelischen Zuständen der handelnden Figuren bedingt auch häufig schroff miteinander kontrastierende musikalische Abschnitte. Elegische Partien von nicht selten ein wenig melancholischem Einschlag stehen unmittelbar neben Passagen, die in einem überaus passionierten Ton gehalten sind und das tendenziell Exaltierte der singenden Personage unverstellt zur Erscheinung bringen. Das Ausschreiten eines großen Radius’ in puncto Ausdruck und Charakter, aber auch das Erschließen eines weiten harmonischen Spektrums sowie die durch eine Vielzahl von Klangeffekten erreichte dramatische Akzentuierung ließen »La Straniera« zu einer der interessantesten, kühnsten Partituren aus der Feder Bellinis werden.

Zweifellos markiert »La Straniera« einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer vollkommen eigenständigen Musiktheatersprache. Anklänge an Rossini sind weit weniger spürbar als noch zuvor; die außerordentliche Vielfalt und Farbigkeit des Werkes, die in jeder einzelnen Szene zutage tritt, teilt sich bereits beim ersten Hören mit. Trotz so mancher allzu plötzlicher Wendungen, die durch die Handlung mit ihren mehrfachen unerwarteten »Hakenschlägen« hervorgerufen werden, sind die gesungenen solistischen Beiträge, Duette, Terzette und Ensembles doch mit merklicher Raffinesse in den Verlauf der Handlung integriert, auch die Chöre sind organisch in das Ganze eingewoben. Im Gegensatz zu »Il Pirata« verzichtet Bellini jedoch auf eine instrumentale Einleitung, um mit nur wenigen Akkorden sowie einer chorischen Introduktion die Atmosphäre des Stückes zu kennzeichnen. Das Nebeneinander von dunklen Klängen und aufgehelltem Kolorit, das bereits am Anfang aufscheint, zieht sich im Grunde durch das gesamte Werk und stimmt sowohl auf dessen tragischen Charakter ein als auch auf das genau ausbalancierte Verhältnis von Licht und Schatten.

Im Sommer 1828 hatten sich Bellini und Romani auf die Suche nach einem neuen Opernstoff begeben. Ihre Wahl fiel schließlich auf ein Sujet, das nach der Aussage des Komponisten »überreich an Situationen, die neuartig und grandios sind«, war: auf den 1825 in Paris veröffentlichten Roman »L’Étrangère«, geschrieben von Charles-Victor Prévôt, Vicomte d’Arlincourt (1789-1856), der Elemente der Schauerromantik mit Versatzstücken aus der mittelalterlichen Geschichte gekoppelt hatte. Diesen umfangreichen, bei der Leserschaft sehr erfolgreichen Roman in ein Opernlibretto mit den ihm eigenen Gesetzmäßigkeiten umzuformen, erforderte einiges Geschick, da es galt, das mit vielen Worten charakterisierte Personal der literarischen Vorlage in lebendige Bühnenfiguren zu verwandeln. Die Handlung und die gesellschaftlichen Milieus, in denen diese angesiedelt ist, ließ Romani unangetastet, schärfte die Rollenprofile aber, damit die teils übergangslos wechselnden emotionalen Befindlichkeiten auch in der nötigen Tiefenschärfe zum Vorschein gelangen. Alles das bot Bellini wiederum beste Möglichkeiten, sein Vorhaben einer romantischen Oper mit neuartigen Elementen und Effekten zu realisieren.

Die Uraufführung des Werkes am 14. Februar 1829 am Teatro alla Scala brachte Bellini nach »Il Pirata« den zweiten großen Triumph seiner noch jungen Laufbahn als Opernkomponist. Eine glänzende, viel gelobte Sängerbesetzung mit Henriette Méric-Lalande (Alaide), Caroline Unger (Isoletta), Domenico Reina (Arturo) und Antonio Tamburini (Valdeburgo) nahm sich Bellinis anspruchsvoller Gesangsparts an, zwei eingeschobene Ballettnummern boten zusätzliche Anreize. Nach der Premierenserie gab es bereits zu Beginn des folgenden Jahres eine Wiederaufnahme, ebenso 1837 und 1841. Rasch erschien »La Straniera« auch auf einer Reihe anderer italienischer Bühnen, u. a. in Palermo und Neapel (1830), Triest und Venedig (1831), Rom und Bologna (1832). Über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten blieb das Werk präsent, bevor es dann nurmehr vereinzelt auf den Spielplänen erschien – den anhaltenden Erfolg von Opern wie »Norma« oder »La Sonnambula« hat »La Straniera« nicht erringen können. Zu Lebzeiten Bellinis wurde sie aber immerhin u. a. auch in Dresden, Leipzig und Wien (1831), Paris, Prag und am Königstädtischen Theater Berlin (1832) sowie in New York und Amsterdam (1834) gegeben und fand damit auch international Resonanz. »La Straniera« war und ist – wie im Grunde alle Bellini-Opern – in erster Linie ein Werk für große, stimmlich wie gestalterisch begabte Sängerpersönlichkeiten, insbesondere für die Primadonna. Darüber hinaus sind es aber auch die offenkundigen Schönheiten der Musik, die Aufmerksamkeit verdienen: Man kann es jedenfalls hören, dass die Begegnung mit der »Fremdem«, die bekannter werden sollte, als sie bislang ist, unbedingt lohnenswert erscheint.

 

Diesen Beitrag findet ihr auch im Programmbuch zu »La Straniera«

Neuer Kommentar

Verfasse jetzt einen Kommentar. Neue Kommentare werden von uns moderiert. Hier finden Sie Informationen zum Datenschutz für das Verfassen von Kommentaren.




Fotos die auf Instagram mit #staatsoperberlin getagged wurden.