»Die Sehnsucht nach Zukunft«

Luigi Nono

Am 3. Oktober 1986 erschien das FAZ Magazin Heft Nr. 344 – unter anderem mit Luigi Nonos Antworten auf den berühmten Proust-Fragebogen, die ihr anlässlich unseres Nono-Wochenendes unter dem Motto REVOLUTION UND SCHÖNHEIT hier nachlesen könnt.

Was ist für sie das größte Unglück?
Die vielen Kriege noch heute (Afghanistan, Iran, Irak, San Salvador, Libanon, Chile), die Zerstörung der Natur, die weitere Entwicklung von Atom- und Chemiewaffen.

Wo möchten Sie leben?
Vielleicht mehr in mir selbst, das heißt am Kreuzpunkt vieler verschiedener Kulturen: mehr Entdeckungen, mehr Überraschungen wie zum Beispiel in einem neu zu entdeckenden Venedig.

Was ist für die das vollkommene irdische Glück?
Es ist schwer zu erreichen, weil es dauernd vernichtet wird; auch wenn Kuba und Nicaragua weiter leben und lieben.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
Die Eifersucht, die Tendenz auszuklammern.

Ihre liebsten Romanhelden?
Die von Dostojewski, Franz K., die Brüder Tanner.

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?
Ernesto Che Guevara, Giordano Bruno, Sankt Paulus.

Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit?
Welche Wirklichkeit? Es gibt viele, ganz verschiedene, zum Glück.

Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung?
Eurydike, Isolde, die Geliebte in Caurapancasika (Sanskrit).

Ihre Lieblingsmaler?
Rubljow, Piero della Francesca, Grünewald, Pontormo, Tintoretto, Moreau, Pollock, Buri, Vedova, Boccioni, El Greco, Tàpies, Piroshani, Schiele, Füssli, Turner, Klee, Kieper: aber immer neue Überraschungen.

Ihr Lieblingskomponist?
Von Machaut bis zu den Chassidischen Gesängen, von Dufay, Tallis, da Vittoria bis Varèse, Feldman, Kurtàg, Claudio Ambrosini, Miles Davies.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?
Den dauernden Zweifel, Problembewusstsein bis zum Widerspruch.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?
Gefühls- und Liebesideale, Kontinuität von Privaten ins Öffentliche (Rosa Luxemburg zum Beispiel).

Ihre Lieblingstugend?
Der Wille, der Verschiedenheit anderer zuzuhören.

Ihre Lieblingsbeschäftigung?
Andere Kulturen studieren: zum Beispiel die arabische, das Judentum, die vorsokratische.

Wer oder was hätten Sie sein mögen?
Der Tübinger Turm, um Hölderlin zuzuhören.

Ihr Hauptcharakterzug?
Die Sehnsucht nach Zukunft.

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?
Die dauernde Erneuerung der Freundschaft durch gegenseitige Kritik.

Ihr größter Fehler?
Vielleicht: Oft in die Falle von der Schlauheit anderer geraten.

Ihr Traum vom Glück?
Die versprochene Erde; welche? Die Unsagbare.

Was wäre für Sie das größte Unglück?
Der Widerstand bis hin zur Dogmatik gegen Erneuerung, Veränderung, Erfinden, Risiko.

Was möchten Sie sein?
Sollte ich antworten: Ich bin, der ich bin? Aber: Wer bin ich oder möchte ich sein? Wer weiß.

Ihre Lieblingsfarbe?
Ändert sich dauernd, entsprechend der wechselnden Wald- und Talebenen wie zum Beispiel in Sardinien oder Lateinamerika.

Ihr Lieblingsvogel?
Siehe oben.

Ihr Lieblingsschriftsteller?
Jetzt: Franz Rosenzweig, Massimo Cacciari, Djalalo’d-Din Rumi, Bilhana (Sanskrit).

Ihr Lieblingslyriker?
Ibn Zaydun, Al Mutanabbi, Jehuda Halevi, Rilke, Jabes.

Ihre Helden in der Wirklichkeit?
Savonarola, Antonío Gramsci, die Arbeitslosen, die Häretiker.

Ihre Heldinnen in der Geschichte?
Kassandra, Jeanne d’Arc, die sogenannten Hexen im Mittelalter, die demonstrierenden Mütter der verschwundenen Söhne Argentiniens.

Ihre Lieblingsnamen?
Ariel, Fjodor, Tobias, Diotima, Lou, Silvia, Bastiana, Nuria und die Unsagbare.

Was verabscheuen Sie am meisten?
Die verschiedenen politischen, kulturellen, ökonomischen Diktatoren.

Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten?
Nicht verachten, aber hassen: die verschiedenen Hitlers vom Altertum bis heute.

Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten?
Die kubanische Revolution von Fidel Castro.

Welche Reform bewundern Sie am meisten?
Die Dezentralisation, die Autonomie in der Sozialgesellschaft, in der Kultur, in der Ökonomie.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?
Fliegen, in den unendlichen Raum wandern.

Wie möchten Sie sterben?
Unter dem Siebten Himmel.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
Zweifel, Hoffnung, Verzweiflung, Seelenruhe in jedem Augenblick.

Ihr Motto?
»Und sie bewegt sich doch« (Galileo Galilei).


Dieser Beitrag erschien
 im FAZ-Magazin, Heft 344 vom 3. 10. 1986

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