»die Sprache Goethes macht regelrecht süchtig«

Am 3. Oktober wurde die Staatsoper Unter den Linden mit Jürgen Flimms Inszenierung »ZUM AUGENBLICKE SAGEN: VERWEILE DOCH!« Szenen aus Goethes Faust feierlich wiedereröffnet. Am 14. und 17. Dezember ist sie nun noch einmal zu erleben. Was bewegt den Intendanten und Regisseur am Faust-Stoff? Wir haben ihm sieben Sätze zum Ergänzen an die Hand gegeben.

Intendant Jürgen Flimm

Goethes »Faust« ist für mich ein Schlüsselwerk der Literatur- und Kulturgeschichte, weil …
… es kaum ein literarisches Werk gibt, dass eine solch große Tradition europäischen Denkens in sich vereint. Der Stoff geht weit zurück und findet in vielen Kulturkreisen seinen Widerhall. Auch in Opern, Balletten und Theaterstücken ist dieser Stoff mannigfach untersucht worden. Wer kennt sie nicht, die »zwei Seelen, ach, in meiner Brust«.

Faust, Mephisto und Gretchen sind Figuren, die …
… im Theater und in der Oper immer wiederkehren, gewissermaßen als Stereotypen, in der italienischen Stegreifkomödie, bei Marlowe und Shakespeare und vielen anderen. Das hat etwas vom Personal der Commedia dell’arte.

Schumanns Musik zu den »Faust-Szenen« hat mich angesprochen, weil …
… sie von einem hohen Pathos beseelt ist, besonders in den unglaublich schönen Chören. Es ist eine höchst empathische Musik, die mitten ins Herz trifft. Fausts letzter großer Monolog, in dem er vom »höchsten Augenblick« singt, ist einfach wunderbar.

Eine szenische Aufführung dieses Werkes schien mir ein denkbares Unterfangen, da …
… ich schon meine Erfahrungen mit dem »Faust« habe. Als junger Regisseur habe ich den 1. Teil von Goethes Drama in Köln inszeniert. Der »Faust« ist eben ein Stoff, der einen sein Leben lang nicht mehr loslässt; die Sprache Goethes macht regelrecht süchtig.

Die Verbindung von Musiktheater und Schauspiel ist für mich deshalb so reizvoll, weil …
… ich Überschneidungen bzw. Überlagerungen der verschiedenen Erscheinungsformen des Theaters immer gerne veranstaltet habe, beispielsweise in meiner Inszenierung von Purcells »King Arthur« bei den Salzburger Festspielen. Wenn sich Sänger und Schauspieler mit gegenseitigem Respekt begegnen, entwickeln sich mitunter enge Verbindungen.

Mit dem Staatsopernensemble, den Solisten, dem Chor und den Schauspielern zu arbeiten ist wie …
… ein Treffen unter Freunden. Ich kenne alle gut und bin auch mit allen gut. Es macht mir besonders große Freude, mit unserem phantastischen Staatsopernchor zu sprechen und ihn zu inszenieren.

»Zum Augenblicke sagen: Verweile doch!« ist das rechte Stück zur Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden, weil …
… es wohl keinen Satz in der Literatur gibt, der die Sehnsucht der Theaterleute nach Beständigkeit so hochpoetisch beschreibt. Wir machen ja eine schnelle, vergängliche Kunst. In manchen Momenten des Spielens und Musizierens, des Hörens und Schauens möchte man deshalb einfach nur die Zeit stillstehn lassen und den Augenblick, der so rasch vergeht wie der Tausendstel Teil eines Wimpernschlages, noch einmal festhalten.

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