Die Welt dreht sich nur um das Eine

The Turn of the Screw Foto: Monika Rittershaus

Schayan Riaz, Kulturjournalismusstudent, der uns im letzten Sommer im Rahmen der UdK-Kooperation während des INFEKTION! Festivals für Neues Musiktheater begleitete, besuchte am Mittwoch, 19.11. die Vorstellung »The Turn of the Screw« und hat seine Gedanken dazu für uns notiert.

Meine erste Begegnung mit »The Turn of the Screw«, der gotischen Novelle von Henry James aus dem Jahre 1898, war in der Schule. Unser kanadischer Musiklehrer war ein großer Bewunderer von Benjamin Britten und spielte uns die gesamte, gleichnamige Oper vom englischen Komponisten vor. Ich war durchstochen von der Macht der Musik und musste so schnell wie möglich das Original von James lesen. Das war nicht so einfach – unsere Schulbibliothek konnte mir nicht weiterhelfen. Aber glücklicherweise fand ich – ja, gesetzlich zulässig – eine PDF im Internet.

Viele Jahre später wurde mir als Filmstudent in London »The Innocents« von Jack Clayton empfohlen. Ich wusste im Vorfeld nicht, dass es sich hierbei um eine Kino-Adaptierung von »The Turn of the Screw« handelte. Da ich aber kürzlich »Black Narcissus« gesehen hatte, hätte ich mir jeden Film mit der reizenden Deborah Kerr angeschaut. Einmal mehr war ich zutiefst berührt, von der Geschichte, von der Schauspielerei und vor allem von den atmosphärischen Filmkulissen (kein Wunder, dass der deutsche Filmtitel »Schloß des Schreckens« heißt). Besonders eine Szene bereitet mir heute noch Albträume – als die Gouvernante zum ersten Mal den Geist von Miss Jessel sieht. Ich erinnerte mich an jene Momente zurück, als ich zum ersten Mal mit der Ambiguität des Werkes, der Oper, konfrontiert wurde.

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Das ist das große Geheimnis der Langlebigkeit von »The Turn of the Screw«. Ich glaube, dass man nie genau weiß, was es mit der Erzählung auf sich hat, weswegen man unter diesem unerklärlichen Bann steht. Auf einer metaphysischen Ebene verwandelt man sich als Zuschauer zu Miles oder Flora, die selber von den Geistern im Haus verführt, besessen werden.

Die Aufführung am vergangenen Mittwoch in der Staatsoper im Schiller Theater war ein besonderes Erlebnis. Für mich war es das erste Mal, dass ich »The Turn of the Screw« als Oper erleben durfte. Und ich war sehr überrascht darüber, dass ich das Werk ein weiteres Mal neu entdecken konnte. Obwohl man die Geschichte kennt, obwohl man weiß, was am Ende passiert, kann man einfach nicht weggucken. Ich kann ehrlich sagen, dass ich die Novelle, den Film und jetzt die Aufführung an der Staatsoper gleichermaßen schätze.

Die Inszenierung ist für mich in erster Linie ein großer Triumph für den Bühnenbildner Christian Schmidt. Er nimmt den Originaltitel zu Herzen und macht, dass die Bühne ständig rotiert – eine simple, aber sehr elegante Lösung. »Das Drehen der Schraube« wird hier also wortwörtlich angewandt, je düsterer die Geschehnisse werden, je tiefer sich die Figuren in den moralischen Abgrund begehen.

turn_of_the_screw_191Eine Sache, die in der Inszenierung hervorsticht, ist die erhöhte Sexualität der Charaktere. Was im Quelltext angedeutet wird, ist ein integraler Teil der Aufführung. Auf einer bestimmten Art und Weise könnte ja »The Turn of the Screw« auch bedeuten, dass sich die ganze Welt nur um das Eine dreht. Möglicherweise haben Claus Guth (Inszenierung) und Yvonne Gebauer (Dramaturgie) eben diesen Gedanken im Hinterkopf gehabt und somit wuchert Erotik regelrecht auf der Bühne. Sei es die pure Begierde einer verliebten Frau, seien es unerwartete homosexuelle Momente zwischen zwei Damen oder sei es das unangenehme inzestuöse Verhältnis zweier Geschwister. Die Inszenierung ist voll mit solchen Szenen und Anspielungen, die man nicht so leicht abschütteln kann.

Was sowohl der Film als auch die Aufführung gut hinbekommen sind die anormalen Charaktereigenschaften der Kinder. In »The Innocents« sprechen Miles und Flora wie Erwachsene, was sich durch den ganzen Film zieht. Sie sind von der ersten Szene an auf einer Ebene mit der Gouvernante gestellt. Auch an der Staatsoper sind die Kinder nicht, wie soll man es anders schreiben, kindisch. Wir sehen sie zum ersten Mal breit grinsend – beide wissen etwas, was wir, die Zuschauer, nicht wissen. Und es wird immer gruseliger, mit jeder Rotation der Bühne werden die »Kinder« gruseliger.

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Genau aus diesem Grund ist es eine sehr gelungene Inszenierung. Die Spannung der literarischen Vorlage wird hier beibehalten und die Musik von Britten ist schaurig und sublim wie eh und je. Das Ensemble ist auch in Höchstform – mir persönlich haben Sónia Grané als Flora und Marie McLaughlin als Mrs Grose sehr gut gefallen. Die bedrohliche Präsenz von Peter Quint, der, so kam es mir vor, über den gesamten Saal geistert, kommt in der Gesangsstimme von Richard Croft hervorragend rüber.

Ich habe mich nach einigen Jahren wieder mit »The Turn of the Screw« vertraut gemacht. Und das Stück wird mich jetzt wieder eine Weile beschäftigen.

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