Drei Fragen an Michael Höppner

Aventures Sur scène Nouvelles Aventures - Foto: Martin Koos

Am Samstag feiern mit György Ligetis »Aventures« und »Nouvelles Aventures« und Mauricio Kagels »Sur Scène« drei Werke auf unserer Werkstattbühne Premiere, die auch 50 Jahre nach ihrer Entstehung richtungsweisend für das neue Musiktheater und die Frage nach dem Verhältnis von Musik, Sprache und Theater sind. Wir haben vorab mit dem Regisseur Michael Höppner über die Werke und seine Inspiration gesprochen.

Worum geht es für dich in dem Dreifachabend »Aventures | Sur Scène | Nouvelles Aventures«?
Der Dreifachabend »Aventures | Sur Scène | Nouvelles Aventures« dreht sich um die Geschichte der Menschheit. Dabei geht es weniger um die Darstellung konkreter historischer Epochen, sondern vielmehr um eine plakative Entwicklungsgeschichte menschlichen Verhaltens unter den jeweiligen natürlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen. Die Eroberung und Beherrschung der Natur, Sozialisation und schließlich die Erscheinung der Technologie sind entscheidende Wegmarken. Als Motor dieses Prozesses sehe ich das Wechselverhältnis zwischen Selbst- und Fremdbestimmung, zwischen Freiheit und Zwang, zwischen Widerstand und Anpassung, wobei Macht- und Gewaltverhältnisse die entscheidende Rolle spielen. Unter Gottes Aufsicht und vom Tod dirigiert, entwickelt sich die Schöpfung dergestalt, dass Fortschritt unvermeidlich zur Selbstauslöschung führt, da wir in der Menschheitsgeschichte bisher keine friedliche, gerechte und zufriedenstellende gesellschaftliche und kulturelle Form des Zusammenlebens gefunden und verwirklicht haben, die weder auf der Bedürfnisbefriedigung weniger zuungunsten der Interessen von vielen noch auf der Macht einer Minderheit auf Kosten der Ohnmacht der Mehrheit basiert.

Zudem geht es gewissermaßen auch um ein Musiktheaterexperiment: Ligeti und Kagel brachten ihre Werke – bzw. musikalischen Performanceskripts und Aktionspartituren – einst gegen das traditionelle Musiktheater und insbesondere gegen die Handlungsoper mit ihren Figuren, Dramen und Darstellungsweisen in Stellung und revolutionierten es. Die Inszenierung interpretiert diese Meisterwerke des Neuen Musiktheaters neu. Ein halbes Jahrhundert nach deren Uraufführung entfalten wir mit ihnen nun wieder Geschichten und Figuren und entlocken ihnen eigene Situationen, Bilder und Spielvorgänge. Von ihnen inspiriert, entwickeln wir aus den Stücken auf diese Weise eine Handlung.

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, ausgehend von den Miniaturdramen »Aventures« und »Nouvelles Aventures« sowie Kagels ‚musikalischem Theater‘ »Sur Scène« die ‚Geschichte der Menschheit‘ zum zentralen Thema deiner Inszenierung zu machen?
Auf der Suche nach einer spielerischen Form bzw. einer theatralen Situation für die eigentlich konzertanten Ligeti-Stücke, die jeweils den Anfang und das Ende des musikszenischen Tryptichons markieren, galt es, den vokalen Vortrag von Konzertsängern als quasi musikdramatische Äußerungen von Bühnenfiguren aufzufassen und zu inszenieren. Dreh- und Angelpunkt war dabei die Interpretation der kunstsprachlichen Vokalaktionen, die Ligeti zum wesentlichen Bestandteil seiner beiden Kompositionen gemacht hat.

Grob gesagt empfinde ich diese in »Aventures« als vorsprachliche, gewissermaßen animalische, in »Nouvelles Aventures« als nachsprachliche, maschinelle, automatenhafte Verlautbarungen. Eine weitere Prämisse der Inszenierungskonzeption war, dass die drei Sänger auch im Mittelstück, Kagels »Sur Scène«, auftreten und alle drei Stücke im Ablauf einen Handlungsbogen entfalten sollten. Ausgehend von meiner Deutung des Gesangs bei Ligeti entstand so die Idee, drei Menschen eine abenteuerliche Entwicklung vom Urmenschen zur Humanmaschine durchlaufen zu lassen. In dieser Perspektive habe ich Kagels Stück als Musikperformance über den Prozess der Zivilisierung und der dialektischen Entfaltung der Aufklärung mit den Mitteln des Musiktheaterapparats gedeutet. Der Umstand, dass allen drei Stücken eine spezifische Komik eignet, hat mich zusätzlich darin bestärkt, mit ihnen eine eigene Version der ‚Geschichte der Menschheit‘ zu erzählen, was an einem einzigen, kurzen Abend in derart gedrängter Form sicherlich nur als Groteske und in einer karnevalesken Weltsicht möglich ist.

 

Welche Einflüsse waren für die Konzeption entscheidend?
Ich habe mich in der Vorbereitung vor allem für künstlerische Arbeiten interessiert, die, um sehr umfassende und grundsätzliche Aussagen zum menschlichen Dasein und seiner Evolution treffen zu können, eine besonders originelle Idee, eine prägnante Form, eine dichte und zugespitzte Darstellungsweise verwenden.

Zum einen gibt es da den Komplex von Kunstwerken, die mit dem Mittel der Verkehrung insofern arbeiten, als Fragen des menschlichen Daseins in der Maske des Animalischen dargestellt werden: Franz Kafkas »Bericht an eine Akademie«, Wilhelm Hauffs »Der junge Engländer«, E.T.A. Hoffmanns »Nachricht von einem jungen Manne« und Pierre Boulles »Planet der Affen“ sind literarische Werke, die menschliches Verhalten und menschliche Kultur im Spiegel des Affentums reflektieren. Stanley Kubricks »2001« ist sicher einer der wesentlichen filmischen Beiträge zum Thema Entwicklung der Menschheit. Die Darstellung des Menschlichen durch die Verhaltensbiologie ist in dem Maße oberflächlich wie sie eben dadurch theatrale Pointierungen ermöglicht: Die BBC-Serie »Das Tier Mensch« etwa dokumentiert den Menschen im Medium eines Tierfilms. Franz Werfels utopischer Roman »Stern der Ungeborenen« entfaltet eine fantastische und sehr lesenswerte Perspektive über die Zukunft die Menschheit.

Zentrale philosophische bzw. kulturtheoretische Schriften, die mich beeinflusst haben, sind Friedrich Engels‘ »Der Anteil der Arbeit bei der Menschwerdung des Affen«, Norbert Elias‘ »Über den Prozess der Zivilisation« und Adornos und Horkheimers »Dialektik der Aufklärung«.

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