Inseln der Konzentration – Daniel Barenboim zum Musikfest Berlin

Daniel Barenboim © Antoni Bofill

Die Staatskapelle Berlin ist am Musikfest Berlin beteiligt, seit dieses im Jahr 2005 gegründet wurde. Nun eröffnet sie das Festival am 2. September unter der Leitung von Gustavo Dudamel und mit Daniel Barenboim als Solist. Ein Grußwort zur 10. Ausgabe.

»Es gibt unterschiedliche Akzente, die man bei der Gestaltung eines Festivals setzen kann: Die Bayreuther Festspiele konzentrieren sich auf das Werk Richard Wagners, die Salzburger Festspiele bieten ein Programm aus Oper, Konzert, Schauspiel und Kammermusik, das Lucerne Festival hingegen konzentriert sich nur auf das Konzert. Diese weltweit größten und bekanntesten Musikfestivals, sowie die Festspiele von Glyndebourne und Aix-en-Provence, ziehen jährlich ein großes internationales Publikum an und haben seit ihrer Gründung gesellschaftliche Bedeutung erlangt. Die wichtigsten Interpreten präsentieren sich hier in besonderen Produktionen, neuen Inszenierungen und außergewöhnlichen Konzertprogrammen und setzen so künstlerische Maßstäbe.

Während sich in Städten wie Salzburg oder Bayreuth das musikalische Leben größtenteils während der Festspiele abspielt, gibt es in gerade in Berlin das gesamte Jahr hindurch ein vielfältiges und reichhaltiges musikalisches Leben, an vielen verschiedenen Spielstätten und in der Regel auf höchstem Niveau. Was also kann ein Musikfestival wie das Musikfest Berlin zum musikalischen Leben in der an Musik so reichen Stadt beitragen? Das musikalische Leben einer Stadt ist in der Regel nach Spielzeiten gegliedert, also in Intervalle von knapp zehn Monaten, für die der Künstlerischer Leiter einer Spielstätte ein Programm entwickeln und umsetzen kann. Opernhäuser oder Konzertsäle werden fast jeden Abend bespielt, es gibt Premieren, Wiederaufnahmen und Repertoireaufführungen, Konzertreihen und einzelne Veranstaltungen. Zwar stehen Spielzeiten oft unter einem größeren Thema, sie müssen aber – nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen – ebenso einen gewissen Alltag bieten: eine garantierte Anzahl von Vorstellungen und wiederkehrendes Repertoire.

Musikfestivals können künstlerische Inseln im Ozean des regulären Spielzeitbetriebes bilden und haben als solche eine besondere Bedeutung.

Musikfestivals können künstlerische Inseln im Ozean des regulären Spielzeitbetriebes bilden und haben als solche eine besondere Bedeutung. Durch die Dichte und den jeweiligen Charakter der Veranstaltungen heben sich Musikfestivals vom musikalischen Alltag ab, sie bieten einen Kontrast zum regulären Musik- und Musiktheaterbetrieb. Was den Festivalcharakter ausmacht, ist oftmals eine besondere Konzentration: Einerseits gibt es die Konzentration auf ein Thema, ein Genre oder einen speziellen Komponisten, andererseits besteht eine besondere Dichte an außergewöhnlichen Interpreten und Darbietungen. Nicht zuletzt ist durch die inhaltliche Konzentration auf einen Themenschwerpunkt auch das Publikum gefordert: Es entwickelt sich eine Art Gemeinschaft zwischen den einzelnen Publikumsmitgliedern und auch zwischen dem Publikum und den Ausführenden. Die gemeinsam erlebte Musik schafft so ein Kollektiv für die Dauer des Festivals.

Durch diese Zuspitzung auf verschiedenen Ebenen können Festivals nach einer gewissen Zeit ihr eigenes Stammpublikum entwickeln und bleiben durch ihre notwendig innovative Ausrichtung dennoch interessant für immer wieder neues Publikum. Ein Festival muss sich für jede neue Ausgabe neu erfinden, um attraktiv zu bleiben. Es reicht nicht, gut besetztes Standardrepertoire anzubieten – denn dies gibt es während des regulären Spielzeitbetriebes. Das Angebot eines Musikfestivals muss sich vom musikalischen Alltag abheben.

Das Musikfest Berlin setzt Impulse, provoziert, regt zum Nachdenken an.

Durch seine außergewöhnliche programmatische Ausrichtung hat ein Musikfestival wie das Musikfest Berlin das Potenzial, über den eigenen Erfolg hinaus das Musikleben der Stadt entscheidend zu inspirieren und zu prägen. Das Musikfest Berlin setzt Impulse, provoziert, regt zum Nachdenken an. Es bringt neue, in der Stadt bis dahin nicht präsente Künstler, schon vergessene oder noch unbekannte Komponisten nach Berlin. Es mischt den so reichen Musikalltag Berlins auf und ordnet ihn damit neu. Durch seine Inseln der Konzentration fordert das Musikfest Berlin Musiker wie Publikum dazu heraus, einmal anders an die Konzerterfahrung heranzugehen, sich Neuem zu öffnen und das Erlebte dann wieder mit in den eigenen Alltag zu nehmen. Anders gesagt: Dem Musikfest Berlin gelingt es immer wieder, das Publikum mit Neuem vertraut zu machen und ermöglicht gleichzeitig, das bereits Bekannte auf eine neue, frische Art zu erleben.«

Von Daniel Barenboim. Diesen Beitrag findet ihr auch im Journal des Musikfests Berlin.

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