Lese- und Hörtipps für den November

Auf einen Kaffee mit der Dramaturgie - Tipps für den November

Unser Dramaturg und regelmäßiger Autor für diesen Blog Dr. Detlef Giese gibt auch für den November wieder spannende Tipps rund um das Opernprogramm – und einen Einblick in seine Karriere als Blogger. :)

Neulich bin ich von einer Kollegin angesprochen und zumindest leicht gemahnt worden, mal wieder was für unseren Staatsopern-Blog zu schreiben. Schließlich haben wir ja vor dem Sommer damit begonnen, unseren geschätzten Lesern einige hoffentlich wertvolle Lese- und Hörtipps zu geben, und zwar jeden Monat frisch und neu. Nun sei der November schon einige Tage alt, so die Kollegin, und es wäre doch an der Zeit. Und recht hat sie natürlich, die liebe Kollegin, denn auch ich habe inzwischen gelernt, dass eine gewisse Regelmäßigkeit unabdingbar ist, um als »Blogger« – denn so scheint der Fachbegriff zu lauten – überhaupt ernst genommen zu werden.

Zugegeben, mit den sogenannten »Social Media« tue ich mich noch ein wenig schwer, meine Affinität zu ihnen ist noch nicht sonderlich ausgeprägt. Gewiss gut gemeinte Freundschaftsanfragen für Facebook ignoriere ich geflissentlich, obwohl ich mich mit den betreffenden Leuten jederzeit auf einen Kaffee treffen würde. Einen Facebook-Account anzulegen habe ich im bisherigen Leben einfach versäumt – wenn es nicht unbedingt nötig ist, würde ich auch in Zukunft darauf verzichten. Twitter habe ich eigentlich immer für etwas Hundeartiges gehalten, bis ich das neckische Vögelchen im Logo entdeckt habe und mir sagen ließ, dass man »tweeten« und auch wieder »re-tweeten« könne, auch für den Fall, wenn man im Grunde nichts zu sagen hat. Solcherart Zwitschern ist meine Sache nicht, ebenso nicht mobiles Surfen im Internetz. Man sagte mir zwar, dass ich ein Händy besitze, das man für gewöhnlich als »Smartphone« bezeichnet: Was daran allerdings wirklich smart sein soll, ist mir bislang noch verborgen geblieben, desgleichen die Bedeutung von Phänomenen wie »Flickr«, »Instagrämm« oder »Whats ab«, die man bestimmt auch anders schreibt und spricht. Aber was soll’s, auf dem Blog präsent zu sein, ist durchaus schmeichelhaft, zumal auf demjenigen der Staatsoper, auf dem man durchaus auch über Randthemen wie Leoš Janáček schreiben kann, ohne dass die User (auch so ein typischer Begriff) glauben, dass es sich um ein Stück böhmische Sahnetorte samt kunstvoll bemaltem Bierkrug handelt. Und übrigens: »Blog« habe ich früher konsequent – und manchmal, aber eher aus Spaß, immer noch – mit ck am Ende geschrieben, aber das nur am Rande.

Nun aber, geneigte Leserin und (womöglich) leicht genervter Leser, zur Sache selbst. Wie wahrscheinlich bekannt, hat auf unserer kleinen, feinen Werkstattbühne gerade eine Produktion Premiere – und das sehr erfolgreich – gefeiert, bei der auch ein Werk von Janáček eine Rolle spielt. Das »Tagebuch eines Verschollenen«, das in besagter Inszenierung gemeinsam (und sogar ineinander verschränkt) mit dem Einakter »La Voix humaine« des Franzosen Francis Poulenc zur Aufführung gelangt, ist, man kann es nicht anders sagen, ein Meisterwerk. Geschrieben zwischen 1917 und 1919 handelt es sich um eine Art Liedzyklus für Tenor und Klavier, zu denen in einigen Nummern noch eine Altistin sowie ein Frauenterzett hinzutreten, voller Anmut und Zauber, mit mancherlei folkloristischen Einsprengseln und vielen verschiedenen atmosphärischen Tönungen. Auf Tschechisch wird gesungen – und die Verwendung der Originalsprache hat auch ihre Berechtigung, da Janáček genauestens auf den Tonfall der Worte geachtet hat, um sie dann möglichst sinnfällig und mit höchster expressiver Kraft in Musik zu setzen. Das ist ihm zweifellos geglückt: Wie gesagt, es ist ein Meisterwerk von großer Gestaltungskunst, sowohl in der Ausformung der Singstimmen als auch im Klavierpart, und im Ganzen sowieso. In der Werkstatt kann man dieses Stück noch bis zum 23. November hören und sehen, es lohnt in jedem Falle.

Wer darüber hinaus sich das »Tagebuch« zu Hause, vor dem heimischen CD-Spieler und vielleicht auch unterwegs, auf – je nach Sichtweise – segensreichen oder dubiosen Geräten wie einem Ei-Pott (schreibt man, glaube ich, richtigerweise iPod) zu Gemüte führen will, dem seien einige Tonaufnahmen empfohlen. Zunächst die »klassische« aus der damaligen Tschechoslowakei: Der Tenor Beno Blachut, seines Zeichens einer der berühmten Sänger des Prager Nationaltheaters, hat 1956 Janáčeks Liedzyklus aufgenommen, gemeinsam mit dem formidablen Pianisten Josef Pálencíček. Dieser begleitete fast drei Jahrzehnte später auch den polyglott veranlagten, stimmlich opulenten Nicolai Gedda am Klavier, als er 1984, ebenfalls auf Tschechisch, das Werk aufnahm – mit zwei strahlenden hohen C am Schluss. Beide Einspielungen, die auf einer CD bei Supraphon erschienen sind, sind eindrucksvoll geraten und vermögen dieses in der Tat außergewöhnliche Werk nahe zu bringen. Wer Janáček lieber auf Deutsch hört (was ja durchaus legitim ist, immerhin gibt es bereits seit den 1920er Jahren die Übersetzung bzw. Nachdichtung von Max Brod), der greife entweder zu der Aufnahme mit dem Schweizer Tenor und berühmten Bach-Evangelisten Ernst Haefliger von 1964 mit keinem Geringeren als Rafael Kubelik am Klavier (der für die Durchsetzung von Janáček unendlich viel getan hat) oder aber zu der Einspielung mit Peter Schreier, dessen Qualitäten als Liedsänger unbestritten sind. 1977 hat er das »Tagebuch« mit dem Pianisten Marian Lapšansky aufgenommen, auf einer CD gekoppelt mit den »Zigeunerliedern« (darf man das eigentlich noch so sagen?) von Antonín Dvořák.

Außer dem »Tagebuch« gibt es in der Staatsoper, ab dem 7. Dezember, auch wieder Janáčeks Spätwerk »Aus einem Totenhaus«. Die Inszenierung des leider inzwischen verstorbenen Patrice Chéreau hat bei uns wie auch an anderen Orten für Furore gesorgt. Im Herbst 2011 war sie erstmals im Schiller Theater zu sehen, jetzt wird sie wieder aufgenommen. Wer sich darauf einstimmen möchte, dem sei die Einspielung unter der Leitung von Charles Mackerras von 1980 ans Herz gelegt, wie ohnehin der schottische Dirigent mit seinen Janáček-Opernaufnahmen, bei denen die Wiener Philharmoniker ebenso am Werk sind wie eine Reihe von namhaften Solisten, für mich die erste Wahl ist. Ihm gelingt es, die Balance zwischen Sinnlichkeit und Schroffheit des Klanges zu halten – beides ist ja kennzeichnend für Janáčeks Musik. Ob »Jenůfa«, »Katja Kabanova«, »Das schlaue Füchslein«, »Die Sache Makropulos« oder eben »Aus einem Totenhaus«: Mackerras’ Einspielungen, oftmals die ersten, die die Originalgestalt der Partituren wieder freigelegt und für die Musikpraxis erschlossen haben, gehören ganz gewiss zu den Meilensteinen der Schallplattengeschichte, die man immer wieder hören kann, ohne das Interesse daran zu verlieren.

Und dann wäre hier natürlich noch der Ort für ein paar Buchempfehlungen. Eine hervorragend recherchierte und zudem gut lesbare Leben-und-Werk-Darstellung, nach deren Lektüre man sich umfassend informiert fühlt, ist das 2001 erschienene Buch »Leoš Janáček. Zeit – Leben – Werk – Wirkung« von Meinhard Saremba. Eine Zeittafel stellt die Biographie in die prägenden historischen Kontexte hinein, die einzelnen Kapitel stellen entweder konkrete Werke oder lebensgeschichtliche bzw. ästhetische Aspekte in den Mittelpunkt. Wer es noch ausführlicher mag, der möge die zweibändige Biographie von John Tyrell »Janáček. Years of a Life« (London 2007) zur Hand nehmen. Der Autor, der eng mit dem Dirigenten Charles Mackerras zusammengearbeitet hat, ist sicherlich einer der besten Kenner von Janáčeks Leben und Œuvre, beides weiß er detailreich darzustellen. Und dann sei noch auf ein hochinteressantes Buch des Frankfurter Musikkritikers und -schriftstellers Klaus-Heinz Jungheinrich verwiesen: »Hudba – Annäherungen an die tschechische Musik«, ebenfalls 2007 veröffentlicht. Der Tatsache, dass ein vergleichsweise kleines Land in der Mitte Europas, politisch über lange Zeit unterdrückt und doch immer auf kulturelle Eigenständigkeit bedacht, eine solche Fülle an bedeutenden Komponisten und großartiger Musik hervorgebracht, wird hier auf den Grund gegangen. Neben Smetana und Dvořák wird auch Janáček ausgiebig betrachtet, insbesondere die Entwicklung seiner »Sprachmelodien«, die für sein Komponieren und für die Wirkung seiner Musik so ungemein wichtig sind. Der so eigenwillige Außenseiter aus Mähren hat der Kunst seiner Zeit jedenfalls eine faszinierende Facette hinzugefügt. Dafür sollten wir ihm dankbar sein und seinen Werken – dem »Tagebuch«, dem »Totenhaus« und vielen anderen mehr – die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zollen.

Bis zum nächsten Mal!

Ein anregendes Hören und Lesen (auch auf diesem Blog) wünscht
Detlef Giese

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