Mit den Augen fühlen und mit dem Gefühl sehen

Lezioni di Tenebra in der Werkstatt der Staatsoper Berlin

UdK-Bloggerin Maria Altnau besuchte »Lezioni di tenebra« von Lucia Ronchetti und ließ sich in den Bann eines uralten Mythos in modernem Gewand ziehen. 

»Mit den Augen fühlen und mit dem Gefühl sehen« – dieser Vers stammt aus der Oper Giasone von Francesco Cavalli aus dem Jahre 1649. Diese Oper erzählt von den Liebenden Medea und Jason, die sich nie gesehen, sondern nur einmal im Dunkeln gefühlt und gehört haben. Medea und Jason, sie sind Liebende und wissen nichts von dem anderen, tauschten Küsse und spürten Leidenschaft. Die Liebe auf den ersten Blick trifft auf diese beiden nicht zu. Hier muss es wohl eher lauten Liebe beim ersten Gefühl. Doch die im Dunkeln Liebenden sind nicht frei. Jason ist schon verheiratet mit Isifile und Egeo liebt Medea so sehr, dass er sogar für sie sterben würde. Am Ende gibt es ein Happy End, doch keinesfalls für Jason und Medea, sondern für eine ganz andere Paarkonstellation, die ganz zufällig oder auch schicksalhaft sich fügt – durch Finsternis und Licht.

In 75 Minuten brausen Medea und Jason, Isifile und Oreste und Demo und Egeo durch einen Dschungel von Begegnungen, Verirrungen und Verwirrungen. Lucia Ronchetti beschreitet mit ihrer 2011 uraufgeführten Kammeroper »Lezioni di tenebra« eine moderne Interpretation von Giasone, die eine ganze neue physische Welt des Klangs eröffnet. Die Sopranistin Olivia Stahn und der Countertenor Daniel Gloger schlüpfen in mehrere Rollen und bedienen sich bei den teilweise sehr schnell wechselnden Dialogen den verschiedenen Registern von einer hohen Sopranstimme bis zum tiefen Bariton. Mit Spotlights wird auf die an die Wand gezeichneten Namen der gerade auftretenden Figuren hingewiesen. Die Musiker werden zu Flügelschlägern, Klaviersaitenklopfern und einem Cello-zu-drei-Händen. Die Sänger liegen auf, in und unter dem schwarzen Tastenkasten, wechseln in Sekundenschnelle ihre Tonhöhen und geben sich einer akrobatisch anmutenden Choreografie hin. Dieses Schicksalsknäuel, wie die Regisseurin Reyna Bruns es nennt, es verknotet sich, löst sich, zieht von einer Bühnenecke zur nächsten, verirrt sich und verwirrt zugleich. Und doch entsteht aus diesem Knäuel eine ganz unerwartete Konstellation, die sich für alle als die Beste herausstellt.

Das Licht im Dunkeln lässt neue Sichtweisen zu und Begegnungen anders verlaufen. Lektionen der Finsternis, wie der Titel in deutscher Übersetzung lautet, zeigt wie abhängig wir doch von unseren Augen sind und wie sehr wir doch mit ihnen fühlen und wie wenig wir noch mit unseren Gefühlen sehen. Sonst hätten Medea und Jason schon bei ihrer Begegnung im Dunkeln beim Fühlen ihr Gegenüber erkannt. Vielleichten sollten wir ab und zu versuchen nicht nur mit den Augen zu fühlen, sondern versuchen, unsere Gefühle zu schärfen, um damit klarer sehen zu können. »Lezioni di tenebra« ist temporeiches Musiktheater, ist uralter Mythos genial verpackt in modernen Klängen. Durch das zerlegbare Bühnenbild richtet sich der Blick jedes Mal mit einer neuen Perspektive auf die seelischen Innenwelten, die in der antik anmutenden Inszenierung aufgefächert werden. Und wir Zuschauer werden mitgenommen auf diese Schicksalsreise durch Liebe, Eifersucht, Schmerz und Hass. Eine Reise, die keinesfalls nur ernst daher kommt, sondern ganz bewusst auch ihre komischen Momente zelebriert.

»Der Mensch, der in das Licht kommt
von der oberen Sphäre,
bringt eine fremde Seele mit sich:
Diese Seele, wandernd
über unbekannte Pfade der unteren Welt,
auf unsicherem, dunkelstem Weg,
kann nur durch das Schicksal geleitet werden.«

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