Naturalistisch, irisierend und polyphon

Wer kennt es nicht, das Märchen von den Kindern, die sich im Wald verlaufen und dort das Lebkuchenhäuschen einer Hexe entdecken? Nach genau 21 Jahren erlebte Engelbert Humperdincks »Hänsel und Gretel« am 08. Dezember 2017 eine Neuinszenierung an der Staatsoper Unter den Linden. Dirigent Sebastian Weigle sprach mit Dramtaurgin Larissa Wieczorek über die berühmte Märchenoper.

Humperdincks Oper wird oftmals unterschätzt. Dem Komponisten wurde außerdem lange vorgeworfen, ein bloßer Wagner-Nachahmer zu sein …

Dirigent Sebastian Weigle

Ich glaube, aus solchen Behauptungen spricht nur der Neid derer, die es nicht so weit gebracht haben. Welcher Assistent eines großen Meisters schafft es denn schon annähernd, an dessen Höhenflüge heranzureichen? Humperdinck ist ursprünglich nur durch seine Schwester dazu angehalten worden, eine schöne Kinderlied-Begleitung für ihr Märchenspiel zu erstellen. Das hat ihm so viel Spaß gemacht, dass er daraus ein polyphon tönendes, leitmotivisch durchkomponiertes Werk geschaffen hat, ein großes Orchesterstück, das wagnerianische Ausmaße annahm. Aber mit einer sehr einfachen Begleitung, angereichert durch geschmackvolle Ideen, die zum Teil aus der Natur abgeleitet sind. Eine große Verbeugung vor dem Meister aus Bayreuth steckt da natürlich auch drin, wenn zum Beispiel am Beginn des Hexenritts Fasolt und Fafner aufzutreten scheinen. Oder auch Wotans Abschied, kurz nach »Hokus Pokus, Holderbusch«, dem Zauberspruch der Hexe im dritten Bild. Manchmal fängt Humperdinck auch an zu »dvořákieren« – oder auch zu »smetanieren«: in der Szene der Eltern erinnert das sehr an Dvořáks »Slawische Tänze«. Später glaubt man, das wogende Wasser aus Smetanas »Moldau« oder aus Wagners »Rheingold« zu hören. Mit all dem versucht Humperdinck, seine eigene Duftmarke zu hinterlassen. Diejenigen, die diese »Verbeugungen« erkennen, werden entsprechend zum Schmunzeln gebracht.

Was genau ist das spezifisch Eigene an Humperdincks Kompositionsstil?

Es ist die Art und Weise, wie er verschiedene Stilzitate zusammenbaut, wie er das Instrumentarium langsam erblühen lässt, wie er ganz schlicht anfängt und oftmals zuerst die zweiten Bläser einsetzen lässt und danach erst die ersten Bläser – um den Musikern ein minimales Solo zukommen zu lassen – das ist ganz schick gemacht! Humperdinck ist so derartig unverkennbar: Das ist bei seiner Oper »Die Königskinder« ganz genau so. Das ist eine Tonsprache, die viele irisierende Farben beinhaltet, die in vielen anderen Kompositionen gar nicht auftauchen.

Sie sprachen auch von naturalistischen Ideen …

Na, wenn wir im Walde sind, ist ja klar, dass dann irgendwann ein Vögelchen anfängt zu singen. Zum Beispiel wird der Kuckuck ganz wichtig; der muss den Kindern etwas ganz Großes bedeuten, denn sie nehmen den Kuckucksruf auf und besingen ihn, alternieren mit ihm: »Kuckuck, Kuckuck! Wir machen’s wie der Kuckuck schluckt«. Man hört auch ein bisschen »Waldweben«, wie der Wald langsam zur Ruhe kommt, zum Beispiel bevor »Ein Männlein steht im Walde« erklingt.
Dahin wird übergeleitet durch ein Cello- und Bratschensolo, die sich da in einem C-Septakkord wohlfühlen, dann aber immer ruhiger werden. Die Geräusche des Waldes ziehen sich alle zurück und man könnte denken, es wird jetzt dunkler. Aber dann fängt das Gretelchen völlig aus dem Nichts heraus an zu singen und sich mit diesem Volkslied Mut zu machen. Das fängt mit dem Pizzicato der Geigen so »plub, plub«, ganz zart an, als würde sie Kieselsteine auslegen. Das hört ein Vogel, eine Flöte, und legt sich quasi auf einem Ton zur Ruhe. Und dann beginnt die Flöte, die zweite Stimme zur Gretel dazu zu singen. Danach nehmen das zwei Spatzen auf, zwei Klarinetten. Außerdem gibt es natürlich den Hahn, das »Kikeriki«, das einen aufweckt. Das alles ist polyphon in viele Bläserstimmen eingebaut – eigentlich im Pianissimo, aber das hebe ich ein bisschen deutlicher heraus, das ist sonst ein verschenkter Effekt.

Sind das Zuhause und die Welt der Hexe musikalisch unterschiedliche Sphären?

Die Hexe ist musikalisch immer hin- und hergerissen. Dadurch klingt es teilweise sehr aphoristisch, was sie singt. Es gibt immer wieder einen Ausbruch und beruhigt sich dann wieder. Und es gibt unheimlich viele rhythmische Elemente in der Hexenwelt, extrem viele 6/8- und 9/8-Takte, die ein unglaublich tänzerisches Moment haben, sodass man denkt, dass sie sich immer tänzelnd auf ihrem Besen hin- und herbewegt. Außerdem gibt es in den Hexenszenen viele gestopfte Hornakkorde, die einen nasalen Klang haben. Ich lasse die Hexe auch gesangstechnisch mal einen verfremdeten Ton singen. Das muss nicht immer gesanglich schön klingen. Wenn man wie wir die Hexe mit einem Tenor besetzt, dann kann man noch mehr Farben herauskitzeln. Humperdinck wollte ja eigentlich nicht, dass man die Hexe mit einem Mann besetzt. Aber ich denke, letzten Endes muss es einfach nur gut gesungen werden.
In das Zuhause von Hänsel und Gretel tauchen wir durch das Volksliedchen »Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh« ein. Humperdinck spinnt das Volkslied weiter, weitet es zur Szene aus. Das Motiv taucht dann leitmotivisch in der ganzen Oper immer wieder auf. Aber der Anfang mit diesem Lied ist so herrlich belanglos: man singt sich eins und das beflügelt die Arbeit. Das müssen die Kinder von der Mutter gelernt haben. So schlimm und brutal kann die also gar nicht sein. Ich muss sagen, da gibt’s unheimlich viel Kultur in diesem Elternhaus: Singen, tanzen, kochen, Handarbeit …
Die Musik der Hexe ist viel ekstatischer, das ist natürlich immer der Höhepunkt.

Humperdinck hat die Oper einmal scherzhaft ein »Kinderstubenweihfestspiel« genannt. Hat sie in Ihren Augen etwas Weihevolles?

Ja, natürlich! Das fängt schon in der Ouvertüre an. Mehr Weihe geht gar nicht. Zu Beginn das Hornquartett mit dem Motiv, das später beim Abendsegen bzw. in dem Satz des Vaters »Wenn die Not auf’s Höchste steigt« kulminiert. Nach den Hörnern setzen in der Ouvertüre alle dem Horn ähnlichen Instrumente ein: Bratsche, Cello, die Flöte und das Fagott spinnen das weiter, bis das erste Hexenthema von der Trompete ertönt: »Hokus, Pokus, Holderbusch!« Da gibt es keine Note zu viel. Ja, »Kinderstubenweihfestspiel« eben in Anlehnung an den »Parsifal«, wofür Humperdinck als Wagners Assistent die berühmten Ergänzungstakte im Karfreitagszauber komponiert hat. Das Motiv von »Wenn die Not …« kommt immer wieder, es ist weihevoll, ein Flehen, ein Gebet und wird dann ein Riesen-Highlight: der Abendsegen, der auf demselben Motiv basiert.

Worin liegen die Herausforderungen für Sie als Dirigent bei »Hänsel und Gretel«?

Manchmal muss man ganz genau überlegen, wie Humperdinck das z. B. mit seinen Phrasierungsbögen und der Dynamik gemeint haben könnte: Wie denkt er das Fortissimo, wenn er diese lange Bogenphrasierung der Streicher haben will? Wenn man tatsächlich die ganze Phrase auf einem Bogen spielt, ist das Fortissimo in der Praxis schon nach drei Noten zu Ende. Also müssen wir uns auch mal bewusst entscheiden, über die Anweisungen von Humperdinck hinwegzugehen. Sonst stimmt die Balance einfach nicht. Und dabei darf man auch nicht vergessen: man spielt heute generell viel lauter als zu Humperdincks Zeiten. Man hat keine Darmsaiten mehr, man lässt sich Instrumente bauen, die wenigstens um 10 Dezibel lauter sind als vor hundert Jahren. Insbesondere die Flöten werden ja nicht mehr nur aus Holz, sondern aus Metall hergestellt, und man lässt sich den Konus im Horn und in der Trompete vielleicht etwas weiter bauen, damit der Klang strahlender rüberkommt. Deshalb müsste man eigentlich – genauso wie bei den Frühwerken von Wagner – auf Darmsaiten und italienische Instrumente der früheren Zeit zurückgreifen. Mich würde sehr interessieren ob das dann noch die gleiche Durchsichtigkeit hat!?
Wichtig für’s Orchester ist jedenfalls, eine große Atmosphäre zu schaffen, die die Sänger unterstützt und sie nicht zudeckt, weil diese Gefahr besteht ja so ein bisschen in dieser dick geschriebenen polyphonen Struktur. Ich denke vor allem daran, dass ich das Orchester leiser haben will als überall sonst auf der Welt. Manche Stellen kann man aber auch einfach nicht zu sehr verstecken. Und ich weigere mich Instrumentarium herauszunehmen. Das macht man manchmal, bei Strauss-Werken zum Beispiel, da reduziert man dann die Streicher oder nimmt die Bläser raus, die die Streicher unterstützen. Man nimmt also die Farbe heraus, sodass die Sänger dann viel präsenter hervor klingen können – was ja immer absolute Priorität haben muss in der Oper!
Ich arbeite aber ohne Instrumente zu reduzieren an der Durchsichtigkeit und glaube, der Staatskapelle gefällt das. Manchmal fragen die Musiker natürlich: »Sind wir da nicht zu leise?« – aber ich glaube nicht! Es gibt ja in der Oper genügend Gelegenheiten, wo ich mal loslassen kann: in der Ouvertüre, im Knusperwalzer, im Hexenritt, dem ganzen Nachspiel und so weiter.

Würden Sie sagen, »Hänsel und Gretel« ist ein Werk, das der Staatskapelle besonders liegt?

Ja, definitiv, ja! Wir haben das ja viele, viele Jahre lang regelmäßig gespielt, als ich hier noch 1. Solohornist war. 1996 war »Hänsel und Gretel« dann leider abgespielt und wurde seitdem –also 21 Jahre lang – nicht mehr an der Staatsoper gezeigt. Mindestens eine Generation hat das also nie hier nie gesehen und gehört! Dabei kenne ich keinen Musiker, der nicht gerne Humperdinck spielt, keinen Sänger, der das nicht gerne singt und keinen Dirigenten, der dieses Stück nicht gerne dirigiert. Und die Staatskapelle ist eben einfach in der Lage, wirklich jeden Klang, jeden Charakter, jeden Stil zu treffen. Das Orchester ist so gut trainiert und so gut aufgestellt, dass wirklich alles zurückkommt, was man an Impulsen hineingibt. Bei dieser Fähigkeit des Orchesters zu artikulieren – so vieles ist von Anfang an in den Proben gleich schon da – bei dieser Begabung korrigiert man bei der Staatskapelle wirklich relativ wenig. Viele grundsätzliche Dinge (so viele sind’s gar nicht) werden einmal angesagt – und sofort klappt das! Letzten Endes ist es auch das große Erlebnis, die ganze Oper von Takt eins bis zum Schluss zu hören – auch diese entzückenden Sänger hier. Aber ich brauche das Theater, ich lasse mich oftmals von der Szene inspirieren. Die Arbeit mit Achim Freyer macht so einen Spaß! Wir entwickeln das: da wird keine Vorstellung wie die anderen. Das ist das Spannende daran, wenn man live musiziert!

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