»Es geht um die Geschichte der Verlierer« – Regisseur Claus Guth im Gespräch

Modest Mussorgskys »Chowanschtschina« feiert am 2. Juni 2024 Premiere an der Staatsoper Unter den Linden. Der Regisseur Claus Guth gibt im Gespräch mit den Dramturginnen Yvonne Gebauer und Rebecca Graitl Einblicke in die Neuproduktion.

YVONNE GEBAUER Vielleicht beginnen wir mit der nicht ganz gewöhnlichen Genese dieser Produktion…

CLAUS GUTH »Chowanschtschina« sollte ursprünglich im Jahr 2020 Premiere haben. Wegen der Pandemie wurde die Produktion dann um vier Jahre verschoben. Das heißt wir beschäftigen uns mittlerweile, seit wir mit der Vorbereitung 2018 begonnen haben, mit diesem Stoff… Der langwierige Prozess passt sehr gut zu »Chowanschtschina« als ganzem Werk – der Komponist Mussorgsky ist nie damit fertig geworden, und bis heute ist diese Oper eine Baustelle geblieben.

REBECCA GRAITL Was bedeutet diese unübersichtliche Quellenlage für den Abend?

C G Ich möchte nicht versuchen, das Heterogene zu glätten. Vielmehr geht es mir darum, den Baustellencharakter zu bewahren. Insofern passt auch der immer wieder unterbrochene Produktionsverlauf dazu. So wie die von uns hinzuerfundene Forscher:innengruppe das Stück betrachtet, habe auch ich unser Material zu »Chowanschtschina« nach einigen Jahren wieder aus einer Archivschublade in die Hand genommen, durchgesehen und bewertet. Die Zuschauer:innen werden an dem Abend erleben, dass das Unfertige, nicht Abgeschlossene auch das Thema der Inszenierung ist.

Y G Für die Produktion ist Simone Young als Dirigentin mit ins Team gekommen. Ihr kennt euch schon lange…

C G Simone Young war vor vielen Jahren so mutig, mir zu Beginn ihrer Leitung der Hamburgischen Staatsoper sowohl Giuseppe Verdis »Simone Boccanegra« als auch gleich den gesamten »Ring des Nibelungen« anzubieten, nachdem sie eine Arbeit von mir gesehen hatte. In diesen Jahren der gemeinsamen Arbeit hatten wir intensiv Zeit, uns kennenzulernen. Danach gingen unsere Wege in andere Richtungen. In der Wiederbegegnung merken wir, dass wir ein sehr vertrautes Arbeitsverhältnis haben. Und ich kenne nur wenige Dirigenten, die so genau mit der Szene auf der Bühne atmen und wirklich am Theater interessiert sind.

R G Welche Erfahrungen hast du bisher mit russischer Oper gemacht? Und wie ist dein Verhältnis zu diesem Repertoire?

C G Ich habe überhaupt keine Erfahrung damit – gerade das interessiert mich. Ich suche mir immer Aufgaben, die mich herausfordern, provozieren und mir etwas Neues eröffnen. Wenn ich mich irgendwo nicht zu Hause fühle, ist das erstmal ein guter Ausgangspunkt.
Ob ich das Thema russische Oper wesentlich weiter für mich vertiefen werde, kann ich noch gar nicht sagen. Es würde mich z.B. nicht interessieren, Tschaikowsky zu machen. Das ist mir von der Klangsprache her sehr fremd – nicht was die Sinfonik, sondern die Opern betrifft. Es gibt allerdings einen Plan, Rimsky-Korsakows »Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch« zu machen – das ist ein ebenso riesiges und unübersichtliches Werk wie »Chowanschtschina«, das quer zum Kanon steht. Diese rätselhaften Werke faszinieren mich sehr.

Y G Nach welchen Kriterien entscheidest du, welche Oper du inszenieren möchtest?

C G Wenn ich gefragt werde, eine Oper zu inszenieren, ist es für mich immer die Musik, die mich diese Entscheidung treffen lässt – das mache ich ganz intuitiv. Bei Mussorgsky war mir schnell klar, dass ich das machen muss. Die Suggestivkraft dieser Musik hat mich sofort in den Bann gezogen – sie ermöglicht mir die Art des freien Erzählens, die im Mittelpunkt meiner Arbeit steht und mir sehr liegt.
»Chowanschtschina« trägt so viele spannende, theatralische Stilbrüche in sich – es ist nicht ganz klar, in welchem Genre man sich hier eigentlich befindet. Ist das ein Oratorium, eine Oper oder eine sinfonische Dichtung? Das hat mich sofort gereizt.

Y G Wenn man einmal in seinem Leben eine russische Oper macht, dann sollte es wahrscheinlich diese Oper sein, wie eine Art ›Signature Work of Russian Identity‹ – ich kann das gar nicht auf Deutsch sagen. Es scheint ja so zu sein, dass wesentliche Fragen, die Russland betreffen, hier zusammenlaufen…

R G »Boris Godunow« hat vermutlich – von Russland aus gesehen – auch so ein Potential…

Y G Bilden sich die verschiedenen Stilrichtungen, die du beschreibst, auch inszenatorisch ab?

C G Ja. In dieser Arbeit gehe ich etwas anders vor als ich das normalerweise mache. Ich nähere mich den Figuren nicht immer mit meiner gewohnten psychologischen Genauigkeit – ich versuche eher, die Szenen genrehaft zu belassen, in einer gewissen Aufführungs-Authentizität. Es ist dann die Art meiner Betrachtung, Gestaltung und der Anreicherung des theatralischen Raums um diese Szenen herum, die die Perspektive ausmachen.
Manchmal beobachte ich mich etwas verwundert auf der Probe dabei, wie ich gerade eine Szene in historischen Kostümen fast »werktreu« in Szene setze. Das entspricht ja überhaupt nicht meiner üblichen Herangehensweise. Das gesamte Unternehmen dieser Inszenierung besteht zu einem großen Teil darin, eine Szene gewissermaßen »werktreu« nachgestellt wird, um sie dann betrachten zu können, mit einer Jahreszahl zu versehen, sie einzuordnen, zu katalogisieren oder zu archivieren. Das heißt: sie in einen Kontext zu setzen und zu kommentieren.
Das passiert aber nicht innerhalb der Szene, sondern mit Licht, Video, Text und zusätzlichen Vorgängen durch die Tänzer:innengruppe. So legt sich Schicht über Schicht, layer auf layer. Daraus entsteht dann irgendwann eine kleine Kosmologie – der Versuch einer Bestandsaufnahme Russlands zu einer bestimmten historischen Zeit.
Die Zuschauer:innen können dann darüber nachsinnen, wie viel sich im Lauf der Jahrhunderte hinweg verändert hat oder ob es nicht so etwas wie historische Grundzüge und Konstanten gibt – Mechanismen, die sich immer wiederholen. Kann man Geschichte überhaupt unter dem Gesichtspunkt des Fortschritts betrachten oder handelt es sich dabei eher um kreisförmige Bewegungen?

R G Es stellt sich natürlich auch die Frage, an welcher Stelle der Geschichte wir aktuell in Russland sind…

C G …diese Stelle entspricht vermutlich der Situation, die wir am Ende der Oper erleben.
»Chowanschtschina« beschreibt genau den zeitlichen Raum vor und nach Zar Peters Machtübernahme, zwischen 1682 und 1689. In dem Chaos davor weiß niemand so recht, woran er ist. Alle sehnen sich nach einer Führerfigur, die Klarheit schafft. Als Peter 1689 an die Macht kommt, wird das bisherige Chaos brutal von ihm beendet. Nun herrscht wieder Ordnung. Und Ruhe an der Oberfläche. Aber auch der Terror und die Angst. Die Angst vor Repressalien und davor, sich mit seiner eigenen Meinung hervorzuwagen.
Das sind die Extreme, zwischen denen Russland sich bewegt und anscheinend auch immer bewegt hat: Zwischen der Anarchie, in der Jeder Jeden bekämpft, in der es keine Stabilität gibt und der Ordnung, die gewalttätig aber auch berechenbar ist…

R G …berechenbar schrecklich…

C G Ja. Man weiß, woran man ist. Es gibt keine Unklarheiten. Und vielleicht ist das auch eine mögliche Erklärung dafür, warum so ein System hält und funktioniert…

R G Ich würde gern nochmal auf die von dir hinzugefügte Ebene der Forscher:innen zu sprechen kommen. Du hast bei den Proben öfter gesagt, dass es um das »Revitalisieren« ginge…

C G Die Inszenierung arbeitet mit zwei Zeitebenen. Zum einen gibt es die Zeitebene der Forscher:innen oder Archivar:innen – den genauen Begriff würde ich gerne offen lassen. Sie befinden sich in der Gegenwart, in der sie die Geschichte befragen. Vielleicht kommt man durch die nähere Betrachtung der Vergangenheit zu Erkenntnissen für die eigene Zeit. Um das machen zu können, muss die Vergangenheit aber erst einmal rekonstruiert und erlebbar gemacht werden. Bei der historischen Zeitebene handelt es sich um das ausgehende 17. Jahrhundert, die Zeit der Strelitzen- Aufstände in Russland.
Wie Historiker:innen Geschichte betrachten, hat sich ja über die Jahrhunderte sehr verändert. Während man früher vor allem über die Herrschenden forschte, interessiert man sich mittlerweile für ganz andere Perspektiven – der von Minderheiten, von Unterdrückten, von Frauen, von Randfiguren der Geschichte usw.
Das ist insofern sehr aufregend, als Geschichte dadurch immer wieder neu gelesen und erlebt werden kann.
Ich habe selbst einmal einige Semester Geschichte studiert und auch speziell amerikanische Geschichte. Ich hatte in diesem Zusammenhang ein sehr starkes Erlebnis, als ich neulich in New York im Tenement Museum war. Dort wurde ich mit einer sehr kleinen Gruppe von einem Guide durch dieses zufällig erhaltene historische Appartement eines irischen Einwanderers geführt. Dieser Guide konnte anhand des Familiennamens die Biografie dieses einen Iren rekonstruieren. Dabei hatte ich das Gefühl, dass ich Geschichteverstehe. Die Geschichte der Herrscher ist ja nur ein marginaler Teil von allem – und so geht es in »Chowanschtschina« ausschließlich um die Geschichte der Verlierer.

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