WAS ICH BIN – Erik Satie

Satie - Foto: Hermann Baus

Am 17. Mai wäre der französische Komponist und Lebenskünstler Erik Satie 150 Jahre alt geworden. Passend zu diesem Jubiläum kommen Jan Josef Liefers, Stefan Kurt, Klaus Christian Schreiber und Pianist Adrian Heger an seinem runden Geburtstag für Jürgen Flimms Erfolgsproduktion »Wissen Sie, wie man Töne reinigt? Satiesfactionen« wieder auf der Werkstattbühne des Schiller Theaters zusammen.

WAS ICH BIN

Jeder wird Ihnen sagen, ich sei kein Musiker. Das stimmt.

Schon zu Beginn meiner Laufbahn habe ich mich sogleich zu den Phonometrographen gezählt. Meine Aufzeichnungen sind rein phonometrisch. Ob man nun den FILS DES ÉTOILES oder die MORCEAUX EN FORME DE POIRE, EN HABIT DE CHEVAL oder die Sarabandes nimmt: Immer wird man feststellen, dass der Entstehung dieser Werke keinerlei musikalische Idee zugrunde liegt. Vielmehr dominiert ein rein wissenschaftliches Denken.

Überhaupt macht es mir mehr Spaß, einen Ton zu messen, als ihn zu hören. Mit dem Phonometer in der Hand arbeite ich frohgemut und sicher.

Was habe ich nicht schon alles gewogen und gemessen! Den ganzen Beethoven, den ganzen Verdi etc. Das ist schon recht kurios.

Das erste Mal, als ich mich eines Phonoskops bediente, untersuchte ich ein B von mittlerer Größe. Ich versichere Ihnen, nie habe ich etwas derart Widerwärtiges gesehen. Ich rief meinen Diener und zeigte es ihm.

Auf der Phonowaage erreichte ein schlichtes, ganz gewöhnliches Fis das Gewicht von 93 Kilogramm. Es stammte von einem sehr dicken Tenor, an dem ich Maß nahm.

Wissen Sie, wie man Töne reinigt? Das ist eine ziemlich schmutzige Angelegenheit. Das Spinnen der Töne ist sauberer. Sie einzuordnen, ist sehr knifflig und verlangt gute Augen. Und damit sind wir auch schon bei der Phonotechnik.

Was die häufig so unangenehmen Tonexplosionen angeht, so werden sie durch Watte in den Ohren eigentlich ganz ordentlich gedämpft. Und damit wären wir bei der Pyrophonie.

Um meine PIÈCES FROIDES zu schreiben, bediente ich mich eines Kaleidophon-Aufzeichners. Das dauerte sieben Minuten. Ich rief meinen Diener und spielte sie ihm vor.

Ich glaube sagen zu können, dass die Phonologie der Musik weit überlegen ist. Sie bietet mehr Möglichkeiten. Der finanzielle Ertrag ist sehr viel größer. Ihr verdanke ich meinen Reichtum.

Auf alle Fälle kann ein halbwegs geübter Phonometer mit dem Motodynamophon leicht mehr Töne aufzeichnen, als es der geschickteste Komponist im gleichen Zeitraum mit gleichem Aufwand vermag. Dank dessen habe ich so viel geschrieben.

Die Zukunft gehört deshalb der Philophonie.

 

Erik Satie, aus den »Memoiren eines Gedächtnislosen«, 1912

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