Kammerzofe für einen Tag

Candide - Foto: Hermann und Clärchen Baus

Kajsa Philippa Niehusen, die bereits während des Festivals für Neues Musiktheater 2014 im Rahmen unserer UdK-Kooperation für den Blog berichtete, war am Samstag zum ersten Mal bei einem Opernworkshop für Erwachsene zur bevorstehenden Wiederaufnahme von Leonard Bernsteins »Candide«. Ein Sprung ins kalte Wasser, der sich gelohnt hat.

In der Oper »Candide« bin ich noch nicht gewesen, und singen kann ich, sofern ich das beurteilen kann, auch nicht wirklich (zumindest nicht massentauglich). Und doch reizte es mich, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und an einem Opernworkshop zu »Candide« an der Staatsoper Berlin teilzunehmen. Ein wolkenverhangener Samstagnachmittag bot sich auch wirklich dazu an, in einer Gruppe völlig Fremder ein Stück zu erarbeiten und umzusetzen. Vier Stunden lang belagerten wir also die Probebühne 2 im Schiller Theater, und selbst wenn wir hätten gehen wollen – keiner von uns hätte den schier endlos verwinkelten Weg hinaus ohne Anleitung unserer Kursleiterin Karoline gefunden.

Schon bei der Anmeldung zum Workshop wurden wir vorgewarnt: Es wird selbst gesungen und gespielt, nicht etwa zugeguckt oder sich hinter den Libretti versteckt! Das gute Dutzend Teilnehmer am Samstag war sich dessen auch bewusst, trotzdem nicht weniger nervös. In den ersten Minuten stand uns allen die Anspannung ins Gesicht geschrieben, und tatsächlich begann der Workshop unangenehmer als erwartet – die angekündigte Vorstellungsrunde entpuppte sich als erste Zwangszurschaustellung unseres Gesangstalents. Reihum durften wir einen Satz aus der Oper singen. »I am so easily assimilated!« schallt mir noch immer durch den Kopf. Tapfer standen wir alle diese erste Prüfung durch. Nach diesem Schock allerdings fiel uns der restliche Workshop dann auch sehr viel leichter. Unter anderen Umständen vielleicht peinliche Rhythmus-Übungen wirkten somit regelrecht entspannend, und furchtlos wie auch nichtsahnend wählten wir unsere Rollen und schlüpften dann in viel zu große Klamotten aus dem Fundus.

Ich entschied mich für Paquette, ohne zu wissen, was auf mich zukam. Paquette ist die Kammerzofe am Schlosse des Baron Thunder-ten-tronckh, die mit Candide und seiner Cousine Cunegonde vom Hauslehrer Dr. Pangloss in so allerlei unterrichtet wird. Vor allem in der  überzogen positivistischen Lehre, die besagt, dass die Welt, in der wir leben, besser nicht sein könnte, da es ja auch die einzige ist, die es gibt – was Voltaire in der Romanvorlage »Candide oder der Optimismus« und natürlich auch die Operette von Leonard Bernstein aus dem Jahre 1957 ins Lächerliche ziehen.

Die Oper ist ironisch und voll Witz, sodass sie sich wirklich hervorragend zu einer ersten spielerischen Annäherung im Zuge eines Workshops eignet. Zeit für eine eingehende Werkanalyse oder auch nur einen Blick auf den Ursprungstext war leider nicht, doch das grobe Gerüst hatten wir uns schnell erarbeitet. Die großen und kleinen Irrfahrten der Protagonisten aber sind derart haarsträubend, dass Karoline uns versichern musste, wir müssten uns keine Gedanken machen, wenn die Handlung manchmal keinen Sinn ergäbe. Wir hatten alle viel Freude daran, die teils übertrieben selbstverliebten oder völlig naiven Charaktere zu verkörpern. Fast alle Rollen waren während des Workshops doppelt besetzt, und schnell wurde deutlich, dass jede/r von uns seine ganz eigenen Vorstellungen und Interpretationen in die Rollen mit einbrachte. Dr. Pangloss schritt in einer selbstsicheren, ruhigen Version ebenso über die Bühne wie in einer leicht hochnäsigen und quirligen. Paquette konnte höflich und etwas zurückhaltend, aber auch kindlich und unbeschwert sein.

Kaum hatten wir uns langsam in unsere Rollen eingefunden, ging es dann auch schon an die Umsetzung: In zwei Gruppen aufgeteilt, brachten wir den Anfang und das Ende des Stücks so gut es ging auf die Bühne. Wir hatten kaum Zeit, an unserem Auftritt zu feilen, doch selbst die kleine Vorführung vor den anderen Workshop-Teilnehmern überstanden wir ohne nennenswerte Traumata oder Zwischenfälle. Es half zu wissen, dass wohl keiner den Text, das Schauspielern oder das Singen besser beherrschte als die anderen; und doch war man schnell mittendrin im Stück, in der Rolle, auf der Bühne und fühlte sich wohl dabei.

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