»Deep Time« ‒ Hinabtauchen in die Zeit

Zum wiederholten Male wird es bei einem Konzert der Staatskapelle Berlin eine Uraufführung eines Werkes von Harrison Birtwistle geben: In »Deep Time« – ein Werk, das Birtwistle selbst als »letzte Tafel eines Triptychons« sieht – beschäftigt sich der bedeutende englische Avantgardist einmal mehr mit dem Thema Zeit. Unser Chefdramaturg Detlef Giese hat sich eingehend mit diesem faszinierenden Werk auseinandergesetzt, das unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim am 5. und 6. Juni beim VIII. Abonnementkonzert uraufgeführt wird und im Juli 2017 bei den BBC Proms seine UK-Premiere feiert.

»Tief ist der Brunnen der Vergangenheit«, so heißt es am Beginn von Thomas Manns epochaler Romantetralogie »Joseph und seine Brüder«. In diesen Brunnen, in den Ereignisse und Erinnerungen versenkt sind, lässt sich hinabsteigen, so wie der Erzähler es tat, als er die uralten biblischen Geschichten um Abraham, Isaak und Jakob sowie um dessen zwölf Söhne ‒ von denen einer, der erklärte Liebling zumal, der besagte Joseph war ‒ neu vergegenwärtigte. Sich ein vergangenes Geschehen ins Gedächtnis zu rufen, es mit allen Geisteskräften zu reflektieren, sich den Abstand zum Damals bewusst zu machen, ist nicht nur die vornehme Aufgabe eines Chronisten oder Schriftstellers, sie kann auch von Jeder und Jedem wahrgenommen werden, in der Vergewisserung der eigenen Geschichte. Ja, tief ist der Brunnen der Vergangenheit, und tief auch die Zeit, in die wir hinabtauchen können.

Spielt das Phänomen der Zeit im Œuvre Thomas Manns eine zentrale Rolle ‒ man denke neben dem Josephsroman vor allem auch an den »Zauberberg« ‒, so ist sie für den Komponisten Harrison Birtwistle gleichermaßen von Bedeutung. Als Mitglied der »New Music Manchester Group«, der u. a. seine englischen Musikerkollegen Peter Maxwell Davies und Alexander Goehr angehören, boten ihm die musikalischen Zeitstrukturen in Werken erklärter Avantgardisten wie Webern, Messiaen, Boulez und Stockhausen Angelpunkte für eigenes Komponieren. Drei Birtwistle-Werke haben explizit mit der Zeit zu tun: »The Triumph of Time« von 1972, »Earth Dances« von 1986 und das am 5. Juni in der Philharmonie von der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim uraufgeführt werdende Stück »Deep Time«. Auch wenn ein direkter innerer Zusammenhang zwischen diesen Kompositionen, deren Entstehungszeit immerhin viereinhalb Jahrzehnte überstreicht, nicht besteht, so hat doch Birtwistle selbst von der Vorstellung eines »Tritychons« gesprochen, analog zu einem dreiteiligen Gemälde, bei dem das Eine auf das Andere Bezug nimmt und sich wiederum ins Verhältnis zum Dritten setzt. In »The Triumph of Time«, inspiriert von einem Holzschnitt des flämischen Renaissancemalers Pieter Brueghel, vollzieht sich der Gang der Zeit gleichförmig, nach Art einer Prozession, während »Earth Dances« den Eindruck vermitteln, dass sich riesige Klangmassen mit äußerster Langsamkeit vorwärts bewegen. Das Bild von fließendem Gestein, in einem Zustand der Abkühlung sich befindend, drängt sich hier auf ‒ wie ohnehin geologische Metaphern für Birtwistle besonders wichtig zu sein scheinen.

Auch in »Deep Time« zeigt sich das, womöglich noch prägnanter als in den vorangehenden Werken. Birtwistle hat sich dabei an den Gedanken eines schottischen Geologen aus dem 18. Jahrhunderts orientiert, an einem gewissen James Hutton, der davon ausging, dass alles, was mit dem Gestein zu tun hat ‒ der immerwährende Zyklus von Erosion, Ablagerung und Neubildung ‒, einem beständigen Prozess von Transformationen unterworfen ist. Keineswegs sind die Steine, so statisch sie auf den ersten Blick, da unser Maßstab immer die eigene Lebenszeit ist, wirken mögen, ewig beständig, sondern in permanenter innerer Bewegung, ihren Zustand und ihre Essenz betreffend. Hier liegt die zentrale Idee von »Deep Time« begründet: Die Natur mit den Spuren ihrer Geschichte aus älterer wie neuerer Zeit wird zum Auslöser für die Gestaltung von Klängen und musikalischen Formverläufen. Birtwistle selbst hat dies markant zur Sprache gebracht: »Als ich auf der schottischen Insel Saasay lebte, entdeckte ich, dass einige der ältesten und jüngsten Gesteine zusammen liegen infolge einer ausgreifenden geologischen Verwerfung. Da gab es eine seismische Katastrophe, die man sich kaum vorstellen kann, wenn man es heute sieht, die Gewalt eingefroren wie in einer Fotographie. Eine Zeit hat sich in die andere entladen und eine Diskontinuität erschaffen, die Parallelen zu dem neuen Orchesterstück besitzt.«

Verwirklicht wird dies mit den Mitteln des großen Orchesters, mit wahren Klangeruptionen, aber auch mit sublimen Klangflächen in Piano- und Pianissimobezirken. Viel Schlagwerk ist dabei, auch ein Klavier und ein Sopransaxophon zur Erweiterung der Farbpalette. Zwanzig Minuten in etwa nur vollzieht sich das Klanggeschehen von »Deep Time«, angefüllt mit einer Vielzahl von Figuren und Ausdrucksgesten, die auf die Zeit und auf das, was sie mit der scheinbar so beständigen Materie anstellt, verweist. Denn die Zeit ist und wirkt bekanntlich überall, so wie es in Händels frühem italienischem Oratorium »Il trionfo del Tempo e del Disinganno« (»Der Triumph von Zeit und Erkenntnis«) so treffend heißt: »Soweit die Erde reicht, regiere ich!« Nur in der himmlischen Ewigkeit ist ihre Macht außer Kraft gesetzt. Der Brunnen der Vergangenheit aber scheint allein ein irdischer zu sein ‒ und er ist aus Steinen gebaut.

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